Ärger um neuen Hebammenhilfevertrag

Helios Klinik Rottweil: Ganzes Hebammen-Team kündigt - Mütter solidarisieren sich

Elf Beleghebammen der Helios Klinik in Rottweil haben geschlossen gekündigt. Grund dafür ist der neue Hebammenhilfevertrag. Jetzt solidarisieren sich Mütter mit den Hebammen.

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Wer nach dem 31. März 2026 sein Kind im Kreis Rottweil zur Welt bringt, wird wohl auf die Krankenhäuser in den umliegenden Landkreisen ausweichen müssen. Denn alle elf Hebammen, die an der Helios Klinik in Rottweil arbeiten, haben ihre Verträge gekündigt. Der Grund dafür ist der neue Hebammenhilfevertrag.

Neuer Hebammenhilfevertrag: schlechtere Arbeitsbedingungen?

Die Beleghebammen sehen darin eine deutliche Verschlechterung ihrer Arbeitsbedingungen und befürchten erhebliche finanzielle Einbußen. Ohne die elf Frauen dürfte es in Rottweil künftig wohl keinen Kreißsaal mehr geben. Für werdende Eltern in der Region dürfte das die Wege oft deutlich verlängern.

Mütter: "Wir wollen unsere Hebammen behalten"

Das will Julia Ettwein verhindern. Die Mutter hat vor neun Monaten ihre Tochter im Kreißsaal der Rottweiler Helios Klinik entbunden. "Ich bin so zufrieden mit der Betreuung durch die Hebammen in Rottweil. Der Kreißsaal da ist familiär und so persönlich", sagt Ettwein. Dass es diese Betreuung bald nicht mehr geben soll, das will die 35-Jährige so nicht einfach hinnehmen. Zusammen mit zwei Freundinnen, die auch beide im letzten Jahr ihr Kind in der Klinik in Rottweil entbunden haben, hat sie am vergangenen Samstag in Rottweil eine Demo organisiert. Ihr Wunsch: dass der Kreißsaal in Rottweil weiter betrieben werden kann - mit ihren Hebammen.

Wir wollen Solidarität mit den Hebammen zeigen, die uns so gut betreut haben.

Großer Teamzusammenhalt unter Hebammen

Jedes Jahr kommen rund 800 Babys in der Helios Klinik in Rottweil zur Welt. Betreut werden sie von einem Team aus insgesamt elf freiberuflichen Beleghebammen. "Wir sind ein tolles Team, das eigentlich keiner aufgeben will", erzählt Hebamme Jessica Wenzler. Doch der neue Hebammenhilfevertrag, der am 1. November in Kraft getreten ist, hat die Stimmung kippen lassen. Gemeinsam mit ihren Kolleginnen hat Wenzler schließlich die Reißleine gezogen - alle elf Hebammen haben ihre Kündigung eingereicht.

Auch im Hohenloher Krankenhaus in Öhringen überlegen sich Beleghebammen ihren Job aufzugeben:

Rottweiler Hebammen beklagen "wahnsinnige Bürokratie"

Viele der Hebammen, berichtet Wenzler, hätten große Existenzängste. Das neue Abrechnungssystem bedeute für die Selbstständigen "eine wahnsinnige Bürokratie, ein wahnsinniges Ding an Überlegung und Planung". Hinzu komme, dass einige Leistungen nicht mehr vergütet werden könnten: "Vieles können wir überhaupt nicht mehr abrechnen - etwa Blutabnahmen oder ein CTG. Das sind Tätigkeiten, die gemacht werden müssen, aber nicht bezahlt werden", erklärt die Hebamme.

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GKV will Eins-zu-eins-Betreuung bei Geburt fördern

Der Hebammenhilfevertrag regelt unter anderem, wie viel Geld freiberufliche Hebammen mit den Krankenkassen abrechnen dürfen. Eigentlich sollen die neuen Abrechnungsregeln der gesetzlichen Krankenkassen dafür sorgen, dass Hebammen künftig mehr Geld bekommen. Laut dem neuen Vertrag steigen die Stundensätze für freiberufliche Hebammen um 30 Prozent auf rund 74 Euro.

Auch Geburten, die von freiberuflich in Kliniken tätigen Beleghebammen begleitet werden, sollen demnach höher bezahlt werden - zumindest bei einer Eins-zu-eins-Betreuung. Die Vergütung dafür pro Stunde wurde von 41,40 Euro auf 85,40 Euro mehr als verdoppelt - wenn eine Hebamme eine Schwangere mindestens zwei Stunden vor und zwei nach der Geburt betreut.

Mit diesem neuen Abrechnungssystem will der GKV-Spitzenverband (Spitzenverband Bund der Krankenkassen) die Eins-zu-eins-Betreuung stärken.

Hebammen: Neues Abrechnungssystem gehe an Arbeitsrealität vorbei

Anders sieht es aus, wenn sich eine Beleghebamme parallel um mehrere Frauen kümmert. Für die erste Frau, die eine Hebamme betreut, werden in der Regel 80 Prozent des Stundensatzes gezahlt, für die zweite und die dritte Frau jeweils nur 30 Prozent und für jede weitere gibt es gar keine Vergütung. Genau das ist einer der zentralen Streitpunkte.

Das geht an der Arbeitsrealität vorbei.

"Der GKV-Spitzenverband bestraft uns für schnelle Geburten", sagt Wenzler. Man wolle wieder zu den alten Konditionen abrechnen, die jetzige Situation sei nicht tragbar.

Wir hoffen, dass etwas passiert, dass wir erhört werden - von der Politik, in der Gesellschaft.

Helios Klinik bietet Hebammen Festanstellungen an

Die Helios Klinik teilte auf SWR-Anfrage mit, dass sie die Kündigungen der Hebammen bedauere. Die Klinik spricht von einer "langjährigen, vertrauensvollen Zusammenarbeit". Um die Geburtshilfe auch nach Ablauf der Kündigungsfrist aufrechterhalten zu können, habe die Klinik den Hebammen Festanstellungen angeboten. Darüber hinaus stellt die Helios Klinik klar, dass sie keinen Einfluss auf die Vergütung der Hebammen habe. Diese werde vom GKV-Spitzenverband festgelegt.

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Autor/in
Anita Westrup
Anita Westrup ist Reporterin und Redakteurin im SWR Studio in Freiburg.
Paulina Flad
Foto von Paulina Flad
Silas Schwab
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