Die Krise der Autoindustrie bringt auch das Offenburger Unternehmen AITAD in Bedrängnis: Ein Drittel des Umsatzes wird in diesem Jahr wohl wegfallen. Eine schwierige Entwicklung, die aber abzusehen war für Firmenchef Viacheslav Gromov: "Wir hatten einige Monate Zeit, um zu handeln", sagt er. Und diese Zeit haben er und seine 30 Mitarbeitenden genutzt. Zum Beispiel für intensive Diskussionen darüber, ob und in welcher Form man künftig für die Rüstungsindustrie arbeiten will.
Einzelhandel und "Defense" als neue Geschäftsfelder
Eingebettete oder "embedded KI" nennt sich das, was AITAD in Offenburg (Ortenaukreis) entwickelt und teils auch gleich selbst produziert. Das sind spezifische KI-Anwendungen auf Speicherchips, die ohne Internet funktionieren und direkt in eine Maschine eingebaut werden. Bisher haben die Offenburger embedded KI unter anderem für Haushaltsgeräte und die Autoindustrie produziert. Jetzt ist auch der Einzelhandel dazu gekommen - und der Bereich "Defense".
"Defense" ist der englische Begriff für Schutz oder Verteidigung, Abwehr oder Abwehrkampf. Er bezeichnet auch ein entsprechendes Geschäftsfeld der Rüstungsindustrie. In der Vergangenheit sind aus diesem Bereich immer wieder Anfragen bei AITAD eingegangen - unter anderem nach KI für Verteidigungsdrohnen, die bei einem Angriff andere Fluggeräte erkennen und dann abschießen können.
In die Rüstungsbranche einsteigen? Firmenchef fragt die Belegschaft
Das mehrfach ausgezeichnete Unternehmen hatte bisher von entsprechenden Aufträgen Abstand gehalten - vor allem aus ethischen Gründen. Die Mitarbeitenden hatten das vor rund drei Jahren so mitentschieden. In diesem Frühjahr, in der Krise, hat Firmenchef Viacheslav Gromov seine Mannschaft aber erneut befragt. "Ich habe jetzt noch einmal die Frage gestellt, ob die Kolleginnen und Kollegen mitgehen würden, wenn wir in die passive Verteidigung gingen", sagt Gromov. Dieses Mal habe es keine Gegenstimmen gegeben.
Die ersten Geschäfte laufen inzwischen an. Beim Schutz von kritischer Infrastruktur ist AITAD bereits aktiv. Das heißt, die Firma entwickelt Systeme, die erkennen und melden, wenn es Angriffe auf bestimmte Anlagen gibt. Ein Auftrag für die Entwicklung von KI für Verteidigungsdrohnen könnte in Kürze folgen.
Wir haben sehr viel über die Notwendigkeit diskutiert, unsere Werte zu verteidigen. Was heißt denn, die Werte, also zum Beispiel die Freiheit, schützen? Heißt das nicht auch, den Wert der Freiheit zu verteidigen?
Interesse an Infoveranstaltungen groß Bald mehr Unternehmen aus BW in der Rüstungsbranche?
Viele Unternehmen in Baden-Württemberg interessieren sich dafür, in den Verteidigungssektor einzusteigen. Doch die Hürden dafür seien groß, heißt es von der IHK.
Intensive Diskussionen um ethisch-moralische Grenzen im Rüstungsgeschäft
In der Diskussion mit der Belegschaft über Für und Wider solcher Aufträge sei eine wichtige Frage gewesen, ob man überhaupt zwischen Entwicklungen für Verteidigung und Angriff würde trennen können. "Es gab da die Befürchtung, dass man da mehr und mehr hineingezogen wird", berichtet Gromov.
Er habe viel mit anderen Unternehmern geredet, die bereits länger im Bereich "Defense" tätig seien, sagt Gromov. Demnach hätten sich die entscheidenden Player im Rüstungsbereich jeweils Regeln in Form eines Verhaltenskodex gegeben. Etwa: "Wir liefern nur an Nato-Länder. Wir liefern nicht in Kriegsgebiete. So etwas steht da drin."
Mit einem Hammer können Sie etwas bauen, Sie können aber auch jemanden umbringen. Dieses Dual-Use-Potenzial war schon ein großes Thema.
Als Grundlage für die Abstimmung seiner Belegschaft hatte auch Gromov so ein Regelwerk verfasst. Verständlich machen kann er die Grenzen, die seine Firma sich gesetzt hat, aber auch an konkrete Beispielen.
In Grauzonen hält sich AITAD zurück
"Wenn Sie zum Beispiel ein System zur Drohnenabwehr entwickeln, dann sind das Sensoren, die etwas hören oder sehen, und dann wird eine Drohne wie auch immer gestoppt. Solche Systeme können Sie nicht einfach umbauen und anders verwenden", erklärt Gromov. Es gebe aber auch gewisse Grauzonen, über die sehr viel diskutiert worden sei. Bei Systemen, die den Verschleiß von Maschinenteilen erkennen und eine Wartung empfehlen zum Beispiel. Für den Bereich Automotive hat AITAD solche Systeme hergestellt. "Wenn wir jetzt die gleiche Verschleißerkennung auch für Panzer entwickeln, sind wir zwar nicht im Schießturm, aber wir helfen mit, dass der Panzer mehr verfügbar ist und mehr fährt." Über so etwas habe man gesprochen und entschieden, das erstmal nicht zu machen.
Die Sendung Zur Sache! Baden-Württemberg berichtete im Oktober 2024 über die Offenburger Firma:
Das junge Unternehmen in Offenburg stellt sich damit Fragen, vor denen auch viele andere Unternehmen in Baden-Württemberg stehen. Seit dem Überfall Russlands auf die Ukraine gebe es eine sehr starke Nachfrage nach Rüstung, sagt Thomas Küchenmeister von der Initiative "Stop Killer Robots". Zudem werde Rüstung unter anderen gesetzlichen Voraussetzungen diskutiert und akzeptiert als das in den vorherigen Jahren der Fall gewesen sei. Firmen versuchten vermehrt, ihre Produkte auch für militärische Zwecke anzubieten.
Auch die Kampagne "Stop Killer Robots" unterscheide deshalb zwischen defensiven Technologien, etwa zum Schutz vor Drohnen und solchen, bei denen eine Maschinen menschliche Ziele erfassen, suchen und gar Tötungsentscheidungen treffen kann.
Wenn die Maschinen über Leben und Tod entscheidet, dann ist das abzulehnen, zu verbieten. Dafür setzen wir uns ein. Dort, wo es zur Abwehr dient, ist das aus meiner Sicht erstmal unproblematisch.
Die Initiative mit Sitz in Berlin fordert deshalb in Bezug auf Waffen mit autonomen Fähigkeiten völkerrechtliche Regelungen zu schaffen, die es bisher noch nicht gibt. "Ich beobachte seit Jahren einen Wettlauf um Geschwindigkeit und Autonomie", sagt Küchenmeister. Viele Staaten wollten zwar darüber reden, aber ein wirkliches Verbot wollten bestimmte Staaten wie Russland, die USA und China leider nicht.
Kleine Firmen und Start-ups wie AITAD in Offenburg tun aus Sicht der Initiative gut daran, vorsichtig zu sein.