Tag der wohnungslosen Menschen

Millionste Ausgabe "FREIeBÜRGER": Wie eine Zeitung für Teilhabe sorgt

Als Karsten Koeleman nach Freiburg kommt, hat er keine Wohnung und schläft in einem Zelt. Wie der Verkauf der Straßenzeitung "FREIeBÜRGER" ihm half, wieder auf die Beine zu kommen.

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Von Autor/in Maya Loewe

"Man muss schon geduldig sein. Ein bisschen flirten mit den Augen hilft", sagt der Mann in Schwarz, mit einer Kappe des FC St. Pauli auf dem Kopf und einem Lachen auf den Lippen. In seiner Hand hält Karsten Koeleman die neueste Ausgabe "FREIeBÜRGER" - eine Freiburger Straßenzeitung, die sich dem Einsatz gegen Armut in der Stadt verschrieben hat.

An diesem Tag ist es voll in der Fußgängerzone, Familien und Touristinnen und Touristen schlendern zum Münstermarkt, im Hintergrund spielt jemand Musik. Doch Koeleman steht ruhig am Rand und hält sich die Zeitung vor die Brust. Leute anzusprechen sei nicht so sein Ding, meint er. Diejenigen, die eine Ausgabe wollten, würden schon stehen bleiben.

Mit dem Zeitungsverkauf aus der Wohnungslosigkeit

Seit 13 Jahren verkauft er die Straßenzeitung in Freiburg. An fünf Tagen in der Woche steht er vormittags in der Stadt - meistens vor dem ehemaligen Westhoff-Café. Als er nach Freiburg kam, hatte er keine Wohnung und schlief in einem Zelt. Der Verkauf der Zeitung habe ihm geholfen, eine Struktur zu bekommen und später auch einen Job und eine Wohnung, erzählt der 54-Jährige.

Berichte aus der Perspektive der Wohnungslosen

Was mit einem Zusatzverdienst begonnen hat, wurde schnell mehr. Seit vielen Jahren ist er Verkäufersprecher und Redaktionsassistent beim FREIeBÜRGER - die Schnittstelle zwischen den Verkäuferinnen und Verkäufern und der Redaktion. Auch die Autorinnen und Autoren kommen aus der Obdachlosenszene und berichten aus der entsprechenden Perspektive: "Wir kommen halt von unten, wir sehen auch die Problematik der Leute auf der Straße", sagt Koeleman.

Viele Freiburger unterstützen das Projekt

Heute läuft der Verkauf allerdings eher schleppend. Zwei Ausgaben hat er bereits an zwei junge Leute verkauft. Doch immer mal wieder grüßt ihn jemand im Vorbeigehen oder lächelt ihm zu. "Viele kennt man mittlerweile auch. Mit manchen redet man über Sport, mit anderen über Politik." Dann stoppt eine Frau und kauft eine Zeitung. Ihr Mann habe schon eine Ausgabe zu Hause, meint sie, aber sie unterstütze das Projekt gerne.  

Durch Zeitungsverkauf das Bettelverbot umgehen

Gegründet wurde der Verein DER FREIeBÜRGER e. V. im Jahr 1998 von ehemaligen Wohnungslosen und deren Umfeld. Sie wollten mit dem Verkauf der Zeitung das damalige Bettelverbot umgehen und einen Ort für freie Meinungsäußerung schaffen. Seit über 27 Jahren wird die unabhängige Zeitung von einer selbstorganisierten Redaktion geschrieben und monatlich herausgegeben.

Verkauft wird sie dann von Menschen in schwierigen Lebenslagen und mit geringem Einkommen. Einen Teil des Verkaufspreises dürfen sie behalten. Der Preis liegt momentan bei 2,10 Euro - davon gehen ein Euro und das Trinkgeld an die Verkäuferinnen und Verkäufer.

Diese Gespräche mit verschiedensten Leuten über Sport, über Politik - das ist auch wichtig fürs Selbstwertgefühl, für die eigene Struktur.

Die Straßenzeitung hilft nicht nur Wohnungslosen

Bei den Verkäuferinnen und Verkäufern handelt es sich nicht ausschließlich um Obdachlose, so Koeleman. Auch Rentnerinnen und Rentner, Geringverdienende und Menschen mit Krankheiten seien Teil des Teams und können sich durch den Verkauf der Straßenzeitung etwas dazuverdienen. Fünf bis zehn Hefte verkaufe er im Schnitt pro Tag, erzählt koeleman.

 "FREIeBÜRGER"-Redaktion feiert millionste Ausgabe

Nach vielen Höhen und Tiefen feiert der Verein nun einen besonderen Meilenstein: eine Million verkaufte Ausgaben. "Dass das so lange andauert, bis zu einer Million Zeitungen, das hätte keiner gedacht, nicht mal wir selbst", sagt Carsten Kallischko. Er ist schon von der ersten Ausgabe an dabei - erst als Verkäufer und heute als Redakteur. Mit einer aktuellen Auflage von 5.000 Heften habe die Zeitung aber schon mal bessere Zeiten gesehen. Große Teile der Kundschaft würden alt, manche seien verstorben. Aber es gebe auch immer wieder neue, jüngere Abnehmer.

Oberbürgermeister Martin Horn (links) und Verkäufersprecher Karsten Koeleman mit der Käuferin der millionsten Ausgabe der Straßenzeitung "FREIeBÜRGER"
Oberbürgermeister Martin Horn (links) und Verkäufersprecher Karsten Koeleman mit der Käuferin der millionsten Ausgabe der Straßenzeitung "FREIeBÜRGER".

Für viele ein Stück soziale Teilhabe

Karsten Koeleman steht weiterhin in der Fußgängerzone, inzwischen aber nur noch ehrenamtlich. Für ihn und die anderen Verkäuferinnen und Verkäufer ist die millionste Ausgabe nicht nur ein Jubiläum. Für sie ist die Straßenzeitung enorm wichtig. "Für viele ist sie ein Stück Teilhabe am sozialen Leben", sagt Koeleman - auch für ihn selbst. Lieber stelle er sich ein paar Stunden zum Verkaufen in die Stadt, als zuhause herum zu sitzen.

Über 60 Menschen verkaufen die Zeitung auf Freiburgs Straßen - 30 von ihnen regelmäßig. Die Millionen-Marke ist auch eine Bestätigung dafür, dass die Menschen die Straßenzeitung weiterhin kaufen und unterstützen und sie ein wichtiger Teil Freiburgs ist. "Wir machen weiter wie bisher und hoffen, die zwei Millionen noch erleben zu dürfen", zeigt sich Koeleman entschlossen.

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Maya Loewe

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