Flaschensammeln, Altersteilzeit oder Grundsicherung?

Immer mehr Menschen in BW sind von Altersarmut bedroht: So geht es ihnen damit

Keine Ruhe im Ruhestand: Immer mehr Rentnerinnen und Rentner in Baden-Württemberg haben die Wahl zwischen Grundsicherung oder Arbeit. Welche Lösungen hat die Politik?

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Stand

Den Lebensabend in Ruhe verbringen, das bleibt immer mehr Menschen auch im reichen Baden-Württemberg verwehrt. Hier hat sich die Zahl der Bedürftigen im Alter innerhalb von 20 Jahren verdoppelt. Das zeigen aktuell vergleichbare Zahlen des Sozialministeriums. Demnach bezogen knapp 111.000 Menschen über 65 Jahren im Jahr 2022 vom Staat Grundsicherung. Aber nicht jeder möchte auf dieses Geld angewiesen sein.

Petra Prieler bekommt eine Rente, die gerade mal 580 Euro beträgt. Auch sie könnte staatliche Unterstützung bekommen, Grundsicherung beantragen. "Das kann ich später immer noch machen, wenn ich nicht mehr arbeiten kann. Solange ich unter Leuten bin und etwas verdiene, mache ich das. Ich möchte lieber auf eigenen Füßen stehen", sagt sie.

Petra Prieler arbeitet bei der Tafel an der Kasse, weil sonst ihre Rente nicht reicht.
Petra Prieler arbeitet bei der Tafel an der Kasse, weil sonst ihre Rente nicht reicht.

Rentnerin: An der Kasse sitzen statt auf der Couch

Die 66-Jährige sitzt im Tafelladen in Bühl (Kreis Raststatt), schiebt Waren übers Band. 15 Stunden pro Woche arbeitet sie hier - anders käme sie ohne staatliche Hilfe nicht über die Runden. "Die Rente deckt gerade mal meine laufenden Kosten, Miete und so", sagt sie. Nach Abzug der Miete bleiben ihr knapp 250 Euro für alles andere - Essen, Kleidung, Alltag.

Ich hätte nie gedacht, dass es so kommen würde. Ich dachte, von der Renten kann man gut leben.

An der Kasse sitzen - das hat sie auch während ihres Berufslebens gemacht. Aber sie hat auch drei Kinder großgezogen, und sie musste aus gesundheitlichen Gründen die Arbeit immer wieder pausieren: "Ich hätte nie gedacht, dass es so kommen würde. Ich dachte, man kann gut von der Rente leben." Doch die Realität sieht anders aus. Und Prieler ist damit nicht allein.

Flaschensammeln für zehn Euro

Pfandflaschen aus dem Müll sammeln: So sieht der Ruhestand bei einigen Rentnern im Land aus.
Pfandflaschen aus dem Müll sammeln: So sieht der Ruhestand bei einigen Rentnern im Land aus.

Tafelleiterin Sandra Hüsges beobachtet: "Wir haben deutlich mehr Rentner als Kundschaft. Vorher waren es 20 Prozent, jetzt sind es über 30." Die Zahl der Menschen, die im Alter auf Unterstützung angewiesen sind, wächst - nicht nur in Bühl, sondern in ganz Baden-Württemberg.

Auf den Straßen zum Beispiel in Stuttgart und Pforzheim sieht man die Folgen: Rentner, die Flaschen sammeln, um sich etwas dazuzuverdienen. Viele schämen sich, doch die Not treibt sie auf die Suche nach jedem Cent. Manchmal seien es nur 10 Euro pro Woche, manchmal bis zu 30, erzählt ein 69-jähriger Flaschensammler aus Pforzheim. Der Rentner möchte anonym bleiben. Auch er sagt: Seine Rente reiche nicht aus.

Lösung: Länger arbeiten?

Was hilft gegen Altersarmut? Wenn sie länger arbeiten haben Rentner mehr Geld und es nützt auch der Rentenkasse. Länger zu arbeiten - das hatte Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) vor kurzem vorgeschlagen:  "Wenn sie mich fragen, führt kein Weg daran vorbei, länger zu arbeiten". Die CDU in Baden-Württemberg ist gegen eine weitere Anhebung des Renteneintrittsalters in den kommenden vier Jahren. "Wir wollen auch in dieser Legislaturperiode das Renteneintrittsalter auf jeden Fall nicht erhöhen", sagte Winfried Mack, wirtschaftspolitischer Sprecher der CDU-Landtagsfraktion, in der SWR-Sendung "Zur Sache! BW". Mack verwies darauf, dass die Altersgrenze für die Regelaltersrente ohne Abschläge noch bis 2031 schrittweise auf 67 Jahre angehoben werde. 

Winfried Mack, wirtschaftspolitischer Sprecher der CDU-Landtagsfraktion (links) und Verena Bentele, Präsidentin des Sozialverbands VdK, diskutierten in der SWR-Sendung "Zur Sache! BW".
Winfried Mack, wirtschaftspolitischer Sprecher der CDU-Landtagsfraktion (links) und Verena Bentele, Präsidentin des Sozialverbands VdK, diskutierten in der SWR-Sendung "Zur Sache! BW".

Zuletzt hatte auch CDU-Generalsekretär Carsten Linnemann gesagt, dass Rentnerinnen und Rentner zu wenig arbeiteten. Die Präsidentin des Sozialverbands VdK, Verena Bentele, kritisierte in der SWR-Sendung, die CDU setze die Menschen unter Druck, "die nicht mehr arbeiten können" - etwa Pflegekräfte, Maurer, Dachdecker oder Menschen, die am Band arbeiten.

Neuanfang dank Altersteilzeit

Während die Bundes- und Landespolitik früher oder später eine Anhebung des Rentenalters fordert gehen in Baden-Württemberg mehr als die Hälfte der Menschen (59 Prozent) vor dem gesetzlichen Rentenalter aus dem Job. Menschen, die es sich finanziell leisten können.

So wie Wolfgang Aich. Der 60-Jährige genießt seine Altersteilzeit und die damit gewonnene Freiheit. Das heißt bei seinem Modell: Er arbeitet in zwei Blöcken erst voll, dann gar nicht mehr. Gerade ist Aich in der sogenannten passiven Phase seiner Altersteilzeit. Ab jetzt kann er deshalb seinen vorgezogenen Ruhestand genießen.

Wolfgang Aich ist frühzeitig in Altersteilzeit gegangen - und lebt sich jetzt als DJ aus.
Wolfgang Aich ist frühzeitig in Altersteilzeit gegangen - und lebt sich jetzt als DJ aus.

Einst Pressesprecher, heute DJ auf Oldiepartys

Früher war er Pressesprecher bei der Sparkasse. Ein Job, der spannend, aber auch sehr stressig war. Ein Schlaganfall führte dazu, dass er sich vermehrt um seinen Lebensabend Gedanken machte. Aich entschied sich, langsamer zu machen. Jetzt plant er seine Zeit frei und verbringt viel Zeit mit seinem Königspudel Elvis. "Ich bin nicht mehr auf den Terminkalender fixiert, sondern kann so planen, wie es für die Familie am besten passt", erzählt er. Seine Freizeit nutzt er, um Rosen zu schneiden oder Musik zu digitalisieren. Sein größtes Hobby: Er ist Fan der Fünfzigerjahre - und tritt als DJ auf Oldiepartys auf. Wolfgang Aich hat das Glück, seinen Ruhestand flexibel zu gestalten zu können.

Bei Petra Prieler zeigt sich die andere Seite der Realität: Sie arbeitet nicht nur im Tafelladen. Sie kauft hier auch ein, um zu sparen. Viele Annehmlichkeiten, die für andere Rentner selbstverständlich sind, bleiben ihr verwehrt. Einen Kaffee oder ein Stück Kuchen im Café? Für sie ein Luxus, den sie sich nicht leistet, weil sie das Geld lieber in Lebensmittel für zu Hause steckt. "Ich frage mich manchmal, ob ich etwas falsch gemacht habe. Aber was?", sagt sie.

Wer Lücken im Lebenslauf hat, wer aus anderen Gründen wenig Rente bezieht oder etwa nicht genügend finanzielle Rücklagen hat - für den kann das Rentnerleben ein Leben in Armut bedeuten.

Baden-Württemberg

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Zur Sache! Baden-Württemberg SWR BW