Viele Suchtkranke leiden auch an ADHS - oft wird das nicht erkannt. Rund 21 Prozent aller Drogenabhängigen sind betroffen, bei Alkoholabhängigen sogar jede vierte Person, so eine Studie der Universität Bonn. Ein schwächer arbeitendes Belohnungssystem im Gehirn von ADHS Patientinnen und Patienten und die Selbstmedikation mit Drogen erhöhen das Suchtrisiko deutlich. So reagieren sie weniger stark etwa auf normalere Reize, wie beispielsweise gutes Essen und suchen daher nach stärkeren und intensiveren Reizen.
Die Behandlung ist komplex, da Symptome von ADHS und Sucht sich überschneiden. Der Fall der 18-jährigen Emily aus dem Kreis Lörrach zeigt, wie wichtig eine frühzeitige Diagnose ist.
Emily therapierte ihr ADHS mit Amphetaminen
Emily übernimmt schon früh viel Verantwortung für sich und ihre achtjährige Schwester. Irgendwann wird ihr alles zu viel, sie bekommt Panikattacken, geht kaum noch zur Schule.
Mit 16 Jahren fängt sie an, Amphetamine und Ecstasy zu nehmen - auch in der Schule. Dort merkt sie: Sie ist dann nicht mehr so zappelig und unruhig.
Ich habe angefangen, in der Schule zu konsumieren und konnte mich dann einfach richtig gut konzentrieren.
ADHS-Diagnose mit 18 Jahren
Mit 18 Jahren erleidet Emily schließlich einen Nervenzusammenbruch. In einer psychiatrischen Klinik erhält sie nach mehreren Tests die Diagnose: ADHS.
Ich habe mich oft auf dem Klo eingesperrt und Panikattacken bekommen.
ADHS ist eine neurologische Störung, die meist in der Kindheit beginnt und oft lebenslang bleibt. In Deutschland sind rund zwei Millionen Menschen betroffen. Typische Symptome sind Unaufmerksamkeit, innere Unruhe und impulsives Verhalten. Die Behandlung erfolgt mit Verhaltenstherapie, Medikamenten und Beratung.
ADHS erhöht Risiko für Drogen- und Alkoholsucht
Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Universität Bonn haben 31 Studien ausgewertet und festgestellt: Rund 21 Prozent aller Drogenabhängigen leiden auch an ADHS. Das ist etwa jede fünfte Person. Bei Kokainabhängigen lag der Anteil bei 19 Prozent, bei Opioidabhängigen bei 18 Prozent.
Besonders hoch war der Wert bei Alkoholabhängigen: Dort hatte jede vierte Person zusätzlich ADHS. Zum Vergleich: In der Allgemeinbevölkerung ist nur etwa eine von 40 erwachsenen Personen von ADHS betroffen.
Warum ADHS zur Sucht führen kann
Unbehandeltes ADHS kann im Erwachsenenalter zur Sucht führen. Dafür sieht Francesca Borlak, Chefärztin an der AGJ-Fachklinik Lindenhof in Schallstadt (Kreis Breisgau-Hochschwarzwald), zwei Hauptgründe: Erstens, das sogenannte Sensation Seeking, also der starke Drang nach intensiven Erlebnissen - oft auch durch Drogen oder Alkohol.
Zweitens die Selbstmedikation, viele Betroffene nutzen Rauschmittel, um ihre Symptome kurzfristig zu lindern. Dem zugrunde liegt ein starkes Ungleichgewicht im Belohnungssystem bei ADHS-Patienten, so Borlak weiter.
Den ADHS-Patienten mangelt es an Dopamin. Ein Botenstoff, den der Körper bei angenehmen Erfahrungen ausschüttet und der für Motivation und Glücksgefühle wichtig ist. Deshalb suchen viele Betroffene nach schnellen Belohnungen, zum Beispiel durch Drogen. Das kann das Risiko für eine Sucht erhöhen.
"Also ganz grundsätzlich kann man sagen, dass Menschen mit ADHS ein deutlich erhöhtes Risiko haben, eine Suchtproblematik im Laufe ihres Lebens zu entwickeln. Man kann davon ausgehen, dass das Risiko circa vierfach erhöht ist", sagt Francesca Borlak, Chefärztin der Fachklinik Lindenhof.
Behandlung von ADHS und Sucht ist schwierig
ADHS und Suchterkrankungen gemeinsam zu behandeln, sei nicht einfach, sagt Chefärztin Francesca Borlak. Bei der Behandlung mit Medikamenten gebe es Unsicherheiten - vor allem, wenn Mittel eingesetzt werden sollen, die ähnlich wie Amphetamine als Stimulanzien wirken.
Emily hat sich in der Psychiatrie entschieden, keine stimulierenden Medikamente wie Ritalin zu nehmen. Zu groß ist ihre Angst, wieder in die Abhängigkeit zu geraten. Verschiedene Therapieangebote helfen der 18-Jährigen, ihren Alltag besser zu bewältigen - ganz ohne Drogen. "Dass ich endlich fühlen kann, das ist so unglaublich schön, dass ich auch mal weinen kann vor Freude", sagt Emily.
Nach der Therapie möchte sie ein freiwilliges soziales Jahr machen und später eine Ausbildung zur Schreinerin.