"Niemand wusste davon"

70 Jahre Stocherkahnrennen: So begann die Tradition in Tübingen

Vor fast 70 Jahren entstand in Tübingen das Stocherkahnrennen. Die hochbetagten Erfinder haben sich getroffen. Sie erzählen, wie 1956 alles anfing – und fast im Chaos endete.

Teilen

Stand

Von Autor/in Sonja Legisa

In Bebenhausen haben sich die Mitbegründer des Tübinger Stocherkahnrennens getroffen. Sie sind mittlerweile über neunzig Jahre alt. Nächstes Jahr jährt sich das Stocherkahnrennen zum siebzigsten Mal. Anlässlich des Jubiläums erinnern sich die Männer an die Anfänge.

Wie aus einer Studentenparty eine Tradition in Tübingen wurde

Es ist das Jahr 1955: Der junge Student Uli Göltenboth sitzt mit Kommilitonen im Türmchen des Lichtensteinhauses. Sie trinken Bier, blicken auf den Neckar. Da hat Göltenboth eine Idee, die Tübingen bis heute prägt: ein Stocherkahnrennen. So erzählt es sein damaliger Mitstudent Konrad Straub.

Die Akademische Verbindung Lichtenstein, der beide angehören, hat kurz zuvor im Schwarzwald einen Stocherkahn für stolze 400 D-Mark gekauft. Mit einem Rennen soll der Kahn eingeweiht werden.

Stocherkähne gleiten über dem Neckar in Tübingen beim Stocherkahnrennen 1977. Die Gründungsväter des Events haben sich in Tübingen getroffen und sich erinnert, wie alles begonnen hat.
Im Laufe der Zeit hat die Anzahl der Stocherkähne beim Stocherkahnrennen in Tübingen stetig zugenommen. Dieses Foto zeigt das Stocherkahnrennen von 1977. Michael Fiegle

"Keiner wusste davon" - trotzdem kamen Massen zum Stocherkahnrennen

Im Juni 1956 ist es so weit. Sieben Stocherkähne gehen an den Start – alle gehören Studentenverbindungen, denn nur sie besitzen damals Boote. Pro Kahn sind acht Personen erlaubt. Start- und Zielpunkt ist die Spitze der Neckarinsel. Die Route führt einmal um die Insel.

"Keiner in der Stadt außer uns wusste, dass es ein Stocherkahnrennen geben wird", erzählt Helmut Schuhmann, der damals auch als Stocherer den Kahn der Verbindung Lichtenstein lenkt. Doch als sein Kahn als erster ins Ziel kommt, stehen Massen von Menschen auf der Brücke. "Die Brücke war voll, überall Leute, die zufällig vorbeikamen. Die haben geklatscht und sich unheimlich gefreut. Das müssen Tausende gewesen sein, auch den Neckar entlang", erinnert sich Schuhmann.

Zuschauer stehen auf Gleisen beim 1. Stocherkahnrennen

Vor lauter Aufregung stellen sich Menschen aus dem Publikum sogar auf die Gleise der Brücke an der Spitze der Neckarinsel. Ein herannahender Zug muss abrupt abbremsen. "Die waren alle außer sich", erinnert sich Konrad Straub, der damalige Vorsitzende der akademinschen Verbindung Lichtenstein.

Die Männer der akademischen Verbindung Lichtenstein (heute ein eingetragener Verein) im Restaurant Hirsch in Bebenhausen (Kreis Tübingen) bei ihrem jährlichen Treffen, bei dem sie sich auch immer an das Stocherkahnrennen erinnern.
Die Mitglieder der akademischen Verbindung Lichtenstein (heute ein eingetragener Verein) im Restaurant Hirsch in Bebenhausen bei ihrem jährlichen Treffen. Helmut Schuhmann (mitte) fuhr auch als Stocherer beim ersten Stocherkahnrennen mit.

Regeln der Erfinder des Stocherkahnrennens gelten bis heute

Schuhmann und seine Kameraden gewinnen, weil sie akribisch trainiert haben – vor allem das sogenannte "Nadelöhr", bis heute die gefürchteste Stelle des Rennens: eine enge Passage um den Brückenpfeiler. Sie entwickeln eine Technik, bei der sich der Kahn fast auf der Stelle dreht, und schaffen es, ungehindert durch das Hindernis zu manövrieren.

Verlierer muss Lebertran trinken wird zur Tradition beim Stocherkahnrennen

"Wie die Achter-Regel, so gelten auch andere Regeln bis heute", erzählt der 92-jährige Konrad Straub. Die Verlierer mussten schon damals Lebertran trinken – das hat sich auch Uli Göltenboth ausgedacht. Noch heute dürfen nur acht Personen pro Kahn teilnehmen. Und eine Regel, die zufällig entstand: Der Sieger richtet die Gewinnerparty aus.

Die erste Gewinnerparty in Tübingen und 16 Beschwerden

Nach dem Rennen feiern die Studenten im Haus Lichtenstein – mehr als hundert Gäste sollen dort gewesen sein. "Eine der schönsten Erinnerungen meines Lebens", sagt Schuhmann. Zwar gehen 16 Beschwerden wegen Ruhestörung bei der Polizei ein, doch Stadt und Ordnungshüter drücken ein Auge zu. Tübingen hat ein neues Spektakel. Sie lassen die Studenten bis in den Morgen feiern.

Der Erfinder Uli Göltenboth ist längst verstorben, berichten seine Freunde. Ob sie selbst zum 70-jährigen Jubiläum des Stocherkahnrennens noch einmal nach Tübingen kommen, wollen sie offenlassen. "Niemand hat sich vorstellen können, dass es so einschlägt. Aber es freut uns, dass wir zufällig den Grundstein für so ein überregionales Ereignis gelegt haben."

Tübingen

Halber Liter Lebertran für die Verlierer Sportverbindung gewinnt Tübinger Stocherkahnrennen 2025

Beim Stocherkahnrennen stocherten am Donnerstag bei sonnigem Wetter 47 Teams mit ihren Kähnen um die Wette. Ein Riesenspaß - doch auch Kritik an Studentenverbindungen wurde laut.

SWR Aktuell Baden-Württemberg SWR BW

Tübingen

Artisten-Treffen in Tübingen Jonglieren auf dem Stocherkahn

Stocherkähne auf dem Neckar sind ein typisches Tübinger Postkartenmotiv. Dass auf ihnen im Regen jongliert wird, sieht man sehr selten. Am Samstag waren Profis auf dem Wasser.

SWR4 am Sonntag SWR4

Erstmals publiziert am
Stand
Autor/in
Sonja Legisa
Sonja Legisa ist Reporterin für Hörfunk, Online und Fernsehen beim SWR im Studio Tübingen.

Unsere Quellen

Transparenz ist uns wichtig! Hier sagen wir Ihnen, woher wir unsere Infos haben!