In Bebenhausen haben sich die Mitbegründer des Tübinger Stocherkahnrennens getroffen. Sie sind mittlerweile über neunzig Jahre alt. Nächstes Jahr jährt sich das Stocherkahnrennen zum siebzigsten Mal. Anlässlich des Jubiläums erinnern sich die Männer an die Anfänge.
Wie aus einer Studentenparty eine Tradition in Tübingen wurde
Es ist das Jahr 1955: Der junge Student Uli Göltenboth sitzt mit Kommilitonen im Türmchen des Lichtensteinhauses. Sie trinken Bier, blicken auf den Neckar. Da hat Göltenboth eine Idee, die Tübingen bis heute prägt: ein Stocherkahnrennen. So erzählt es sein damaliger Mitstudent Konrad Straub.
Die Akademische Verbindung Lichtenstein, der beide angehören, hat kurz zuvor im Schwarzwald einen Stocherkahn für stolze 400 D-Mark gekauft. Mit einem Rennen soll der Kahn eingeweiht werden.
"Keiner wusste davon" - trotzdem kamen Massen zum Stocherkahnrennen
Im Juni 1956 ist es so weit. Sieben Stocherkähne gehen an den Start – alle gehören Studentenverbindungen, denn nur sie besitzen damals Boote. Pro Kahn sind acht Personen erlaubt. Start- und Zielpunkt ist die Spitze der Neckarinsel. Die Route führt einmal um die Insel.
"Keiner in der Stadt außer uns wusste, dass es ein Stocherkahnrennen geben wird", erzählt Helmut Schuhmann, der damals auch als Stocherer den Kahn der Verbindung Lichtenstein lenkt. Doch als sein Kahn als erster ins Ziel kommt, stehen Massen von Menschen auf der Brücke. "Die Brücke war voll, überall Leute, die zufällig vorbeikamen. Die haben geklatscht und sich unheimlich gefreut. Das müssen Tausende gewesen sein, auch den Neckar entlang", erinnert sich Schuhmann.
Zuschauer stehen auf Gleisen beim 1. Stocherkahnrennen
Vor lauter Aufregung stellen sich Menschen aus dem Publikum sogar auf die Gleise der Brücke an der Spitze der Neckarinsel. Ein herannahender Zug muss abrupt abbremsen. "Die waren alle außer sich", erinnert sich Konrad Straub, der damalige Vorsitzende der akademinschen Verbindung Lichtenstein.
Regeln der Erfinder des Stocherkahnrennens gelten bis heute
Schuhmann und seine Kameraden gewinnen, weil sie akribisch trainiert haben – vor allem das sogenannte "Nadelöhr", bis heute die gefürchteste Stelle des Rennens: eine enge Passage um den Brückenpfeiler. Sie entwickeln eine Technik, bei der sich der Kahn fast auf der Stelle dreht, und schaffen es, ungehindert durch das Hindernis zu manövrieren.
Verlierer muss Lebertran trinken wird zur Tradition beim Stocherkahnrennen
"Wie die Achter-Regel, so gelten auch andere Regeln bis heute", erzählt der 92-jährige Konrad Straub. Die Verlierer mussten schon damals Lebertran trinken – das hat sich auch Uli Göltenboth ausgedacht. Noch heute dürfen nur acht Personen pro Kahn teilnehmen. Und eine Regel, die zufällig entstand: Der Sieger richtet die Gewinnerparty aus.
Die erste Gewinnerparty in Tübingen und 16 Beschwerden
Nach dem Rennen feiern die Studenten im Haus Lichtenstein – mehr als hundert Gäste sollen dort gewesen sein. "Eine der schönsten Erinnerungen meines Lebens", sagt Schuhmann. Zwar gehen 16 Beschwerden wegen Ruhestörung bei der Polizei ein, doch Stadt und Ordnungshüter drücken ein Auge zu. Tübingen hat ein neues Spektakel. Sie lassen die Studenten bis in den Morgen feiern.
Der Erfinder Uli Göltenboth ist längst verstorben, berichten seine Freunde. Ob sie selbst zum 70-jährigen Jubiläum des Stocherkahnrennens noch einmal nach Tübingen kommen, wollen sie offenlassen. "Niemand hat sich vorstellen können, dass es so einschlägt. Aber es freut uns, dass wir zufällig den Grundstein für so ein überregionales Ereignis gelegt haben."