"Wie ein Stich ins Herz"

Abriss in vollem Gange: Die Tailfinger Kirche ist jetzt Geschichte

Schon lange war es klar, jetzt rollen in Albstadt-Tailfingen die Bagger und reißen die Erlöserkirche nieder. Pfarrer Johannes Hartmann sieht darin Ende und Neuanfang zugleich.

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Stand

Von Autor/in Maren Seehuber

Seit 2018 war klar, dass die Gemeinde Albstadt-Tailfingen ihre Erlöserkirche nicht weiter halten kann. Deshalb wurde sie an die Stadt verkauft. Jetzt hat der Abriss begonnen, denn auf ihrem Grund soll neuer städtischer Wohnraum entstehen. Pfarrer Johannes Hartmann sieht mit einem weinenden Auge in die halb abgerissene Kirche, aber auch mit einem lachenden Auge in die Zukunft der Kirchengemeinde.

Kirchengebäude in Tailfingen finanziell nicht mehr tragbar

Zur Entscheidung, die Kirche zu verkaufen, haben viele Faktoren beigetragen. "Zum einen sind Sonntag für Sonntag immer weniger Gläubige in die Kirche gekommen", sagt Pfarrer Hartmann. Zum anderen sei das Gebäude schon lange nicht mehr energie-effizient gewesen. Doch die Kirche neu dämmen zu lassen hätte den Kostenrahmen gesprengt, so Hartmann.

Pfarrer Johannes Hartmann steht vor der Kirche in Tailfingen, die schon teilweise abgerissen ist.
Für Pfarrer Johannes Hartmann ist der Abschied von der alten Erlöserkirche in Albstadt-Tailfingen zugleich auch ein Neuanfang für die schrumpfende Gemeinde.

Wir hatten hier im Jahr 20.000 - 30.000 Euro Energiekosten. Wir haben sozusagen zum Dach rausgeheizt.

Man habe lange über verschiedene Ideen über den Verbleib der Kirche diskutiert. Trotzdem reifte der Entschluss, dass ein Verkauf das Beste sei. Wohnungsbau auf dem großen Gelände würde den Menschen der Gemeinde zugute kommen, bekräftigt Hartmann. Durch den Verkauf des Grundstücks konnten auch Teile des neuen Gemeindezentrums finanziert werden. Dort sei weiterhin Raum für Begegnungen. Keiner müsse sich von der Kirche verlassen fühlen, nur weil das Gebäude nicht mehr steht, so der Pfarrer.

Vier Wochen Abschied der Erlöserkirche gefeiert

Bereits 2024 wurde die Erlöserkirche vier Wochen lang gebührend verabschiedet. Passend zur damaligen Fußball-EM gab es sogar ein Public Viewing in der Kirche. Besonders emotional wurde es beim allerletzten Gottesdienst in der Kirche. Dabei wurde das Kreuz mit dem überlebensgroßen Jesus von starken Männern aus der Gemeinde abgenommen. Das lagert jetzt bei einem Schreiner. Johannes Hartmann findet das sehr passend, denn Jesus Vater war auch Zimmermann.

Das große Kreuz wird von zwei Männern beim letzten Gottesdienst vom Altar genommen.
Beim letzten Gottesdienst in der Erlöserkirche in Albstadt-Tailfingen wurde das große Kreuz vom Altar abgenommen. Für den Pfarrer war das ein biblischer Anblick wie auf Golgatha.

Trotz Abriss: Die Kirche lebt an verschiedenen Orten weiter

Mit einem Lächeln erzählt Pfarrer Hartmann dem SWR, dass die Kirche nicht einfach zu Schutt geworden ist. Die Glocken wurden zum Beispiel nach Polen verkauft und dürfen dort weiterhin erklingen. Die Orgel ist jetzt in einer Gemeinde in Baden. Die Stühle wurden an eine Kirchengemeinde in Frankreich verschenkt, deren Gemeindehaus abgebrannt ist. Weitere Erinnerungsstücke kamen in einem kleinen Museum im Turm der evangelischen Peterskirche im Tal unter.

Abgerissene Wände bei der Erlöserkirche in Tailfingen. Der lang geplante Abriss der Erlöserkirche ist in vollem Gange.
An dem Ort, wo früher die Orgel stand, ist jetzt der Blick frei auf Tailfingen. Der lang geplante Abriss der Erlöserkirche ist in vollem Gange.

Trauer um Kirche mit vielen Erinnerungen

Beim Blick in die abgebrochene Kirche wird auch Pfarrer Hartmann ganz emotional. Viele Menschen haben hier geheiratet, wurden konfirmiert oder haben sich von ihren Liebsten verabschiedet. Er kann gut verstehen, dass Menschen in der Gemeinde an dem Gebäude hängen. Ein Anwohner sagte dem SWR, dass der Weg in die Kirche im Tal, oder zum Gemeindezentrum auf der anderen Seite des Ortes, nun weiter sei. Dorthin laufen würde er nicht mehr.

Neues Gemeindezentrum in Tailfingen bietet auch Vorteile

Das neue Gemeindezentrum sei klimafreundlicher, barrierefrei und biete mehr Raum für Gemeindeaktivitäten, so Hartmann. Gut 3.000 Stunden an freiwilliger Arbeit seien dort hinein geflossen. Der evangelische Pfarrer freut sich, dass seine Kirchengemeinde aktiv und gemeinsam in die Zukunft blickt, auch wenn der Abschied der Erlöserkirche schmerzt.

Wenn wir uns an die alten Steine klammern, dann wird das nichts mit unserer Kirche. Wir müssen da, denke ich, neue Wege gehen.

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Autor/in
Maren Seehuber
Maren Seehuber ist Reporterin für Hörfunk und Online beim SWR im Studio Tübingen.

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