Ein Zeckenstich - und plötzlich verträgt der Körper kein Fleisch mehr: Das sogenannte Alpha-Gal-Syndrom ist eine seltene Erkrankung, an der die Universität Tübingen seit Jahren forscht. Bei Betroffenen bleibt sie häufig lange unerkannt.
Jahrzehntelang unerklärliche Beschwerden
Vor mehr als 30 Jahren fing es bei Werner Mehlhorn aus Sontheim an der Brenz (Kreis Heidenheim) an. Nachdem er Fleisch gegessen hatte, wachte er in der Nacht mit einem starken Juckreiz auf. Es könnte eine allergische Reaktion sein, dachte Mehlhorn zunächst. Er hatte vorher auf dem Dachboden Vogelkot weggemacht. Allergie - das war auch die Annahme der Ärzte. Mit Allergiemitteln ließ sich der Juckreiz vorerst eindämmen. Das ging über Jahrzehnte gut.
Auf Fleischgenuss folgt der Schreck
Jahre später, im Jahr 2022 dann sein persönliches Schockerlebnis: Nachdem er ein noch blutiges Filet gegessen hatte, bekam er in der Nacht erneut einen starken Hautausschlag und dazu noch Atemnot. Sein Weg führte ihn direkt in die Notaufnahme.
Dort können die Ärzte mit starken Allergiemitteln zwar helfen - die Ursache seines Leidens blieb aber unerkannt.
Mein Körper ist ausgerastet. Ich wurde vom Eintakter zum zwölf Zylinder.
Ausschlag und Jucken: Verdacht auf Fleischallergie
Für Werner Mehlhorn ist hingegen klar: "Das muss mit dem schlecht gegarten Fleisch zu tun haben", sagt er. Seine Hautärztin Tatjana Hellstern aus Nürtingen hat einen Verdacht.
"Ich war einige Monate zuvor auf einer Fortbildung in Tübingen. Dort wurde über eine Fleischallergie ausgelöst durch einen Zeckenbiss, das Alpha-Gal-Syndrom, gesprochen.", erzählt Hellstern dem SWR. "Als Herr Mehlhorn mir seine Symptome erzählte, habe ich mich daran erinnert", so die Ärztin. Daraufhin habe sie eine Blutabnahme in einem Speziallabor veranlasst. Dort sei die Annahme bestätigt worden - Diagnose: Fleischallergie.
Es ist eine medizinische Rarität.
Weshalb ein Zeckenbiss eine Fleischallergie auslösen kann
Beim Stich gelangen über den Speichel der Zecke bestimmte Zuckermoleküle, das sogenannte Alpha-Gal, in den Körper. Der menschliche Körper will die Moleküle abwehren - mit Antikörpern. "Diese Antikörper teste ich dann im Blut", erklärt Hellstern.
Betroffene reagieren auf unterschiedliche Fleischsorten allergisch. Welche es bei Werner Mehlhorn sind, haben Ärzte im Uniklinikum herausgefunden. Dort führte das Team um Manfred Kneilling einen Allergietest durch. Dabei ritzten die Ärztinnen und Ärzte Mehlhorns Haut leicht an und träufelten jeweils ein Serum darauf. Getestet wurde vom Schwein über Geflügel bis hin zu Fisch. Das Ergebnis: Mehlhorns Haut reagiert vor allem auf rohes Fleisch - Geflügel kann er gelegentlich essen.
Wie häufig kommt das Alpha-Gal-Syndrom vor?
Für die meisten Menschen bleibt das Alpha-Gal-Syndrom eine medizinische Seltenheit. Forschende der Uni Tübingen sprechen jedoch von einem leichten Anstieg der Diagnosen. Eine Fleischallergie festzustellen, ist nicht leicht: Betroffene reagieren oft erst Stunden nachdem sie Fleisch gegessen haben. Wer in dem Zusammenhang wiederholt unter Juckreiz, Hautausschlag oder Atemnot leidet, sollte das ärztlich abklären lassen. Und dabei auch frühere Zeckenstiche erwähnen.