ARD-Doku zeigt Verflechtungen in der Gesellschaft

Graue Wölfe: Türkische Rechtsextreme in Baden-Württemberg

Der sogenannte Wolfsgruß ist das Erkennungszeichen der Grauen Wölfe. Bei der Europameisterschaft 2024 löste die Geste eines türkischen Fußballers Empörung aus.

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Stand

Türkische Rechtsextreme versuchen, sich in der deutschen Gesellschaft festzusetzen. In Baden-Württemberg haben sie damit teilweise Erfolg. Die sogenannten Grauen Wölfe haben in Deutschland knapp 13.000 Mitglieder. Die ARD-Doku "Im Visier der Grauen Wölfe" zeigt die Strukturen der Gruppierung. In der Doku decken Journalistinnen und Journalisten kriminelle Verflechtungen auf, jede Menge Rassismus und Gewaltbereitschaft. Veranstaltungen der Grauen Wölfe fanden sie unter anderem in Freudenstadt.

Graue Wölfe in Freudenstadt

Im Februar 2025 fand in einer Turnhalle in Freudenstadt ein türkischer Kulturabend statt. Es gab landestypisches Essen und türkische Musik. Das Publikum war meist weiblich. Es war "Ladies Night". Spätestens vor Ort war klar: Es war ein Abend der "Türk Federasyon", wie etliche Banner, Logos und Reden belegten.

Erst später wurde öffentlich, dass hinter der Veranstaltung ein Ortsverein der Grauen Wölfe steckte. Die Stadt antwortete auf eine Anfrage des Recherche-Teams mit einem Statement. Darin hieß es, dass die Miete der Halle durch einen örtlichen, der Stadt bekannten Kultur- und Freundschaftsverein erfolgt sei. Der Stadt Freudenstadt sei nicht bekannt gewesen, dass der Verein vom Verfassungsschutz Baden-Württemberg beobachtet wird.

Die Recherchen des ARD-Teams auf Social Media zeigen: Der Verein, der die Veranstaltung bei der Stadt anmeldete, scheint dieselben Räumlichkeiten und Funktionäre wie der offizielle Verein der Grauen Wölfe in Freudenstadt zu haben. Eine Nachfrage beim Landesamt für Verfassungsschutz Baden-Württemberg bestätigt, dass der mietende Verein "Türkisch-Deutscher Freundschaftsverein Freudenstadt e.V." durchaus zum türkisch-rechtsextremen Dachverband der Türk Federasyon gehört - und beobachtet wird. Eine Information, die auch die Stadtverwaltung hätte erfragen können.

Klar ist: In diesem Fall hat ein rechtsextremer, vom Verfassungsschutz beobachteter Verein eine städtische Halle gemietet. Das Beispiel zeigt die Herausforderung im Umgang mit den türkischen Ultranationalisten in Deutschland. Oft haben Städte und Kommunen wenig oder kein Wissen darüber, welche Ideologie sich hinter einem Vereinsnamen versteckt.

Ein Zitat der Stadt Freudenstadt. Sie habe nicht gewusst, dass die Organisatoren einer Veranstaltung der rechtsextremen türkischen Gruppierung Graue Wölfe nahestand.
Die Stadt Freudenstadt habe nicht gewusst, welche Verflechtungen die Veranstaltung mit den rechtsextremen türkischen Grauen Wölfen hatte. WDR HR

Graue Wölfe haben rund 2.500 Anhänger in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz

Als "Graue Wölfe" werden Anhänger der rechtsextremistischen "Ülkücü"-Bewegung bezeichnet. In Deutschland wird diese vom Verfassungsschutz beobachtet. Die Ideologie der "Ülkücü"-Bewegung entstand Mitte des 20. Jahrhunderts in der Türkei. Sie ist historisch geprägt und basiert unter anderem auf den Erinnerungen an das ehemalige Osmanische Reich. Die "Ülkücü"-Ideologie fußt dabei laut der Behörde auf einer nationalistischen, antisemitischen und rassistischen Ideologie, deren Wurzeln im Panturkismus/Turanismus liegen.

Bundesweit umfasst die Szene rund 12.900 Personen. Die meisten ihrer etwa 2.200 Anhänger in Baden-Württemberg sind in zahlreichen Vereinigungen und Zusammenschlüssen aktiv. Zum Milieu gehören auch nicht organisierte Jugendliche, "die sich vor allem im Internet durch aggressive und radikale Äußerungen bemerkbar machen und überdies gewalt- sowie waffenaffin sind", heißt es vom Verfassungsschutz. 

Zum "Ülkücü"-Spektrum in Baden-Württemberg gehören im Wesentlichen Mitglieder der Föderation der Türkisch-Demokratischen Idealistenvereine in Deutschland e. V. (ADÜTDF). Diese inoffizielle Vertretung der türkischen nationalistischen Partei MHP in Deutschland wurde 1978 gegründet und ist auch unter der Bezeichnung "Türk Federasyon" bekannt. 

Laut den Verfassungsschützern verfolgen die ADÜTDF und ihre Mitgliedsvereine eine rechtsextremistische und antisemitische Ideologie, die unter anderem gegen den Gedanken der Völkerverständigung und insbesondere gegen das friedliche Zusammenleben der Völker gerichtet sei. Die ADÜTDF ist der größte von drei Dachverbänden innerhalb des türkischen Rechtsextremismus in Deutschland.

Verboten ist die Organisation nicht, auch nicht ihre Symbole wie der "Wolfsgruß". Die Grauen Wölfe gelten als größte ausländische rechtsextreme Bewegung in Deutschland. In Rheinland-Pfalz sollen 280 (Stand: 2023) Anhänger leben. Wie viele zusätzliche Sympathisanten des ultranationalistischen Gedankenguts es gibt, ist nicht klar.

Ein Plakat der Türk Federasyon wirbt für eine Veranstaltung in Freudenstadt. Die Organisatoren stehen der rechtsextremen türkischen Gruppierung Graue Wölfe nahe.
In Freudenstadt hing ein Plakat, das für eine Veranstaltung in einer Turn- und Festhalle warb. Die Organisatoren stehen der rechtsextremen türkischen Gruppierung Graue Wölfe nahe. WDR HR

Unter anderem Hassfigur für die Grauen Wölfe: Cem Özdemir

Eine der größten Hassfiguren der grauen Wölfe ist Cem Özdemir. Der Grünen-Politiker setzte sich unter anderem dafür ein, den Genozid gegen Armenier im Jahr 1915 als Völkermord anerkennen zu lassen. Bei Reden zu solchen Gelegenheiten kritisierte er die Grauen Wölfe. Dafür bekam er Personenschutz. Dennoch wird er immer wieder bedroht. Sogar einen Selbstverteidigungskurs belegte der Ehrenbürger Bad Urachs (Kreis Reutlingen). Auch seine Kinder nahmen an dem Kurs teil.

Die Armenier-Resolution habe sein Leben "in ein Davor und ein Danach verändert", so der Grünen-Politiker. Ihm sei klar gewesen, "das wird einschneidende Konsequenzen haben". Er habe auch Teile seines Berliner Wohnviertels Kreuzberg meiden müssen. Özdemir berichtet, von Taxifahrern bedrängt worden zu sein, die türkische Nationalisten gewesen sein sollen. 

Weitere Feindbilder neben Özdemir sind Minderheiten wie Kurden und Aleviten, aber auch Juden, Homosexuelle und generell Andersdenkende. Seit den 1950er Jahren verüben Anhänger der Grauen Wölfe Gewalttaten gegen diese Gruppen in der Türkei. Seit den 1970er Jahren kommt es auch immer wieder zu Angriffen der Grauen Wölfe in Deutschland. Unter anderem auf Lehrer, Feministinnen, mutmaßlich auch auf türkische Exiljournalisten und auf kurdische Studenten.

Propaganda auf dem Fußballplatz

Bei den Recherchen fand das Team heraus, wie die Grauen Wölfe neue Anhänger anwerben. Beispielsweise würden Kinder und Jugendliche gezielt angesprochen. Das geschehe unter anderem über Konzert- und Freizeitveranstaltungen. Sehr beliebt sei Propaganda aber auch auf dem Fußballplatz.

Das zeigt auch ein Beispiel aus Köln, wo ein Sportverein zu einem örtlichen Verband der Türk Federasyon zu gehören scheint. Beide Vereine teilen sich eine Anschrift, der Vorsitzende des Sportvereins bestätigte im Interview die Anbindung als "Abteilung". Auf ihren Social Media Profilen finden sich bei den Fußballspielern Symbole der Grauen Wölfe wieder. So zeigen mehrere Kinder in Postings des Vereins den Wolfsgruß und ein graues, Wolfs-ähnliches Maskottchen. Man sei im Verein aber unpolitisch, behauptet der Vorsitzende.

Der türkische Fußballnationalspieler Merih Demiral zeigt im Stadion den Wolfsgruß. Es ist das Erkennungszeichen der rechtsextremen türkischen Gruppierung Graue Wölfe.
Der türkische Fußballnationalspieler Merih Demiral zeigte bei der EM 2024 den Wolfsgruß, das Erkennungszeichen der Graue Wölfe. WDR HR

Türkische Rechtsextreme europaweit aktiv

Die grauen Wölfe sind europaweit aktiv - auch auf großer Bühne. Bei der Fußball-Europameisterschaft 2024 zeigte der türkische Nationalspieler Merih Demiral den sogenannten Wolfsgruß, das Erkennungszeichen der Grauen Wölfe.

Experten und Beobachter sind sich einig: Deutschland ist mittlerweile der wichtigste Vernetzungsort für Anhänger der Grauen Wölfe in ganz Europa. Aussteiger berichteten davon, dass Hass geschürt werde, auch gegen Deutsche und sie erzählten von einer Zunahme von Gewaltexzessen.

Ziel: Großtürkisches Reich von Mitteleuropa nach China

Mit ihren Mitgliedern bilden die Grauen Wölfe eine der größten rechtsextremen Gruppierungen in Deutschland. Vom Verfassungsschutz werden sie als klar rechtsextremistisch eingestuft. Es handele sich um eine ultranationalistische Bewegung.

Unter anderem träumen die Grauen Wölfe von einem Großtürkischen Reich namens "Turan". Das soll sich von Mitteleuropa bis nach China erstrecken. Es soll unter türkischer Führung stehen, weil die Grauen Wölfe an die Überlegenheit der sogenannten türkischen Rasse glauben. Dementsprechend ist die Ideologie klar rassistisch.

Ismail Küpeli, Politikwissenschaftler an der Uni Bochum, sieht Parallelen zwischen den türkischen Wölfen und den deutschen Nationalsozialisten. Bei beiden sieht er Führerdenken, Rassismus, Antisemitismus und Nationalismus. Und trotzdem: Alle Anläufe, die Grauen Wölfe in Deutschland zu verbieten, sind bislang gescheitert. In Frankreich dagegen ist die rechtsextreme Bewegung verboten. Und in Österreich steht der Wolfsgruß seit 2019 offiziell unter Strafe.

Türkischer Rechtsextremismus "Ülkücü"-Anhänger in RLP nutzen "Wolfsgruß" bei Fußball-EM für Propaganda

Das Zeigen des umstrittenen "Wolfsgrußes" bei der Fußball-EM in Deutschland durch den türkischen Nationalspieler Merih Demiral hat auch in Rheinland-Pfalz Reaktionen ausgelöst.

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Ingemar Koerner
Ingemar Koerner ist Reporter für Hörfunk, Online und Fernsehen beim SWR im Studio Tübingen.

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