Ein echter Nolde ist aus dem Bestand der Uni Tübingen verschwunden - und zunächst hat es offenbar niemand bemerkt. Wie das "Schwäbische Tagblatt" zuerst berichtet hat, hat das Aquarell jahrelang im Büro eines Professors am Archäologischen Institut der Universität Tübingen gehangen. Irgendwann ist das Original gegen eine Kopie ausgetauscht worden. Aufgefallen ist das erst bei Renovierungsarbeiten. Seitdem fehlt von dem echten Nolde jede Spur.
Bei dem verschwundenen Werk handelt es sich um ein 30 mal 50 Zentimeter großes Aquarell auf Papier. Es zeigt eine Frau und stammt von Emil Nolde (1867–1956), einem der bekanntesten Vertreter des deutschen Expressionismus. Seine Aquarelle können auf dem Kunstmarkt fünf- bis sechsstellige Preise erzielen. Wie hoch der Wert des in Tübingen verschwundenen Aquarells ist, ist aktuell noch unklar.
Nolde verschwunden: Schwiegersohn des Professors vor Gericht
Bereits vor knapp drei Jahren fiel im Archäologischen Institut auf, dass es sich bei dem im Büro verbliebenen Gemälde nur noch um eine täuschend echte Kopie handelte. Mitarbeitende des Instituts recherchierten daraufhin, und die Universität erstattete Anzeige. Die Ermittlungen haben schließlich ins Umfeld des Professors geführt.
Auf der Anklagebank im Amtsgericht Tübingen saß am Mittwoch allerdings nicht der inzwischen pensionierte Professor selbst, sondern sein Schwiegersohn. Die Staatsanwaltschaft hat ihm vorgeworfen, das Aquarell - vielleicht gemeinsam mit anderen - gestohlen zu haben.
Zu einer Verurteilung ist es nicht gekommen: Das Amtsgericht Tübingen hat das Verfahren gegen eine Geldauflage eingestellt. 15.000 Euro muss der Angeklagte an die Universität zahlen. Die Staatsanwaltschaft hat dem SWR bestätigt, dass ein Strafverfahren unter bestimmten Voraussetzungen gegen Auflagen beendet werden kann, ohne dass es zu einem Urteil kommt.
Wo steckt der Nolde? Auch gegen den Professor ist ermittelt worden
Ob der Schwiegersohn den Tübinger Nolde gestohlen hat, ist damit nicht festgestellt. Auch der Professor selbst ist in den Fokus der Ermittler geraten. Er soll laut Universität schon vor einigen Jahren Kontakt zur Nolde-Stiftung in Seebüll in Schleswig-Holstein aufgenommen haben, um das Gemälde schätzen zu lassen. Auch soll er es dort zum Kauf angeboten haben.
Das Verfahren gegen ihn ist ebenfalls eingestellt worden. Die Tat könne nicht mit ausreichend sicheren Beweisen nachgewiesen werden, so die Staatsanwaltschaft. Damit bleiben in dem ungewöhnlichen Fall entscheidende Fragen offen: Wer hat den Nolde gegen eine Kopie getauscht und mitgenommen? Und wo ist das Original heute? Denn das wertvolle Aquarell ist weiterhin verschwunden. Laut Staatsanwaltschaft überprüfe man die Beweise aus der Verhandlung auf mögliche neue Ermittlungsansätze.