"Manchmal sollte man sich statt Sorgen lieber Nudeln machen". Aus diesem Spruch ist vor über 30 Jahren in Trossingen ein Inklusionsprojekt mit Vorbildcharakter in der Region entstanden: Im Nudelhaus arbeiten Menschen mit und ohne Behinderung zusammen, sie produzieren Pasta in 50 Varianten, dazu Saucen und Gebäck aus regionalen Zutaten.
Mitarbeiterin: Nudelhaus wie Familie
"An manchen Tagen verbrauchen wir schon mal 800 Kilo Mehl", sagt Silke Ende, die gerade die frischen Salbei-Ravioli in Pappschachteln verpackt. Sie sagt auch: "Das hier ist wie so eine große Familie für mich." Sie ist seit fast 30 Jahren dabei.
Drei Meter weiter sorgen zwei Maschinen für Nachschub: Die eine walzt den Nudelteig aus, die zweite schneidet daraus die Ober- und Unterteile der Ravioli und drückt einen Klecks Füllung dazwischen - z.B. Tomate-Mozzarella, Gorgonzola-Birne oder saisonal auch Bärlauch oder Spargel.
Struktur und Wertschätzung für Menschen, die es schwer haben
Gut 30 Leute arbeiten im Nudelhaus, rund ein Drittel hat eine psychische oder körperliche Behinderung, manchmal auch beides. Sie helfen unter anderem bei der Produktion, beim Verpacken oder im Verkauf. Die kaufmännische Leiterin Annika Stier erklärt, warum das Nudelhaus für sie eine richtig gute Chance ist: "Wir bieten einen Arbeitsplatz für Menschen mit Beeinträchtigungen, die auf dem anderen Arbeitsmarkt wahrscheinlich keine Chance haben, die vielleicht ein paar Wochen bestehen, aber dann eher Jobhopping machen. Bei uns haben sie die Möglichkeit, sich zu entwickeln. Es gibt eine Struktur, es gibt Wertschätzung und eine Aufgabe".
Einer dieser Menschen davon ist Carina Münch, die schon seit rund 20 Jahren im Nudelhaus arbeitet. Sie verpackt Nudeln: wiegt sie sorgfältig ab und verschließt die Tüte. Die fertigen Päckchen werden dann in den beiden Läden in Trossingen und Rottweil verkauft, außerdem auf mehreren Wochenmärkten und sie gehen auch an Wiederverkäufer. Was Carina Münch an ihrem Job hier mag? "Dass ich gut aufgenommen bin beim Arbeiten, dass sie auf mich aufpassen. Das ist halt so, weil ich eine Arbeitsbehinderung habe und da brauche ich oft Unterstützung."
Langsam getrocknete Nudeln halten länger satt
Sazgar Anwar sitzt im Rollstuhl, weil sie Kinderlähmung hatte. Auch sie verpackt Fettuccine, seit zwei Monaten ist sie im Nudelhaus. Sie sei froh, dort arbeiten zu können, erzählt sie, die Kollegen seien sehr nett und hilfsbereit. Im Raum neben ihr surrt es Tag und Nacht. Dort stehen hohe Schränke mit Holzschubladen, darin trocknen Fusilli, Spaghetti, Radiatori und wie sie alle heißen, bis zu zwei Tage lang bei rund 30 Grad. "Durch das schonende Trocknen bleibt in den Nudeln viel mehr erhalten und sie machen länger satt", so Annika Stier.
Das Zertifikat macht stolz
Dass das Nudelhaus jetzt – nach über 30 Jahren – ein staatlich anerkannter Inklusionsbetrieb ist, macht sie stolz. Abgesehen davon eröffnet das Zertifikat neue Möglichkeiten: "Wir sind ein sozialwirtschaftlicher Verein, es ist für uns nicht einfach auf dem normalen Arbeitsmarkt. Wir bekommen jetzt mehr finanzielle Förderung, wir können natürlich damit auch werben und noch mehr Menschen einen Arbeitsplatz bieten."