Weniger Sorgen, mehr Nudeln

Das Nudelhaus Trossingen ist jetzt staatlich zertifizierter Inklusionsbetrieb

Im Nudelhaus Trossingen arbeiten seit 30 Jahren Menschen mit und ohne Behinderung - im Betrieb oder Verkauf. Das Projekt feiert die offizielle Anerkennung als Inklusionsbetrieb.

Teilen

Stand

Von Autor/in Katrin Kleinbrahm

"Manchmal sollte man sich statt Sorgen lieber Nudeln machen". Aus diesem Spruch ist vor über 30 Jahren in Trossingen ein Inklusionsprojekt mit Vorbildcharakter in der Region entstanden: Im Nudelhaus arbeiten Menschen mit und ohne Behinderung zusammen, sie produzieren Pasta in 50 Varianten, dazu Saucen und Gebäck aus regionalen Zutaten.

Mitarbeiterin: Nudelhaus wie Familie

"An manchen Tagen verbrauchen wir schon mal 800 Kilo Mehl", sagt Silke Ende, die gerade die frischen Salbei-Ravioli in Pappschachteln verpackt. Sie sagt auch: "Das hier ist wie so eine große Familie für mich." Sie ist seit fast 30 Jahren dabei.

Nudelhaus Trossingen
Im Trockenschrank verbringen die fertig geformten Nudeln bis zu zwei Tage bei rund 30 Grad. Das Nudelhaus produziert insgesamt rund 50 verschiedene Sorten – frisch oder getrocknet, klassisch gelb oder bunt, zum Teil mit Kräutern oder gefüllt. Katrin Kleinbrahm

Drei Meter weiter sorgen zwei Maschinen für Nachschub: Die eine walzt den Nudelteig aus, die zweite schneidet daraus die Ober- und Unterteile der Ravioli und drückt einen Klecks Füllung dazwischen - z.B. Tomate-Mozzarella, Gorgonzola-Birne oder saisonal auch Bärlauch oder Spargel.

Struktur und Wertschätzung für Menschen, die es schwer haben

Gut 30 Leute arbeiten im Nudelhaus, rund ein Drittel hat eine psychische oder körperliche Behinderung, manchmal auch beides. Sie helfen unter anderem bei der Produktion, beim Verpacken oder im Verkauf. Die kaufmännische Leiterin Annika Stier erklärt, warum das Nudelhaus für sie eine richtig gute Chance ist: "Wir bieten einen Arbeitsplatz für Menschen mit Beeinträchtigungen, die auf dem anderen Arbeitsmarkt wahrscheinlich keine Chance haben, die vielleicht ein paar Wochen bestehen, aber dann eher Jobhopping machen. Bei uns haben sie die Möglichkeit, sich zu entwickeln. Es gibt eine Struktur, es gibt Wertschätzung und eine Aufgabe".

Einer dieser Menschen davon ist Carina Münch, die schon seit rund 20 Jahren im Nudelhaus arbeitet. Sie verpackt Nudeln: wiegt sie sorgfältig ab und verschließt die Tüte. Die fertigen Päckchen werden dann in den beiden Läden in Trossingen und Rottweil verkauft, außerdem auf mehreren Wochenmärkten und sie gehen auch an Wiederverkäufer. Was Carina Münch an ihrem Job hier mag? "Dass ich gut aufgenommen bin beim Arbeiten, dass sie auf mich aufpassen. Das ist halt so, weil ich eine Arbeitsbehinderung habe und da brauche ich oft Unterstützung."

Nudelhaus Trossingen
Carina Münch verpackt im Nudelhaus Trossingen Kräuter-Fettuccine. Sie arbeitet seit über 20 Jahren dort und sagt: „Meine Kollegen passen auf mich auf.“ Katrin Kleinbrahm

Langsam getrocknete Nudeln halten länger satt

Sazgar Anwar sitzt im Rollstuhl, weil sie Kinderlähmung hatte. Auch sie verpackt Fettuccine, seit zwei Monaten ist sie im Nudelhaus. Sie sei froh, dort arbeiten zu können, erzählt sie, die Kollegen seien sehr nett und hilfsbereit. Im Raum neben ihr surrt es Tag und Nacht. Dort stehen hohe Schränke mit Holzschubladen, darin trocknen Fusilli, Spaghetti, Radiatori und wie sie alle heißen, bis zu zwei Tage lang bei rund 30 Grad. "Durch das schonende Trocknen bleibt in den Nudeln viel mehr erhalten und sie machen länger satt", so Annika Stier.

Das Zertifikat macht stolz

Dass das Nudelhaus jetzt – nach über 30 Jahren – ein staatlich anerkannter Inklusionsbetrieb ist, macht sie stolz. Abgesehen davon eröffnet das Zertifikat neue Möglichkeiten: "Wir sind ein sozialwirtschaftlicher Verein, es ist für uns nicht einfach auf dem normalen Arbeitsmarkt. Wir bekommen jetzt mehr finanzielle Förderung, wir können natürlich damit auch werben und noch mehr Menschen einen Arbeitsplatz bieten."

Baden-Württemberg

Kommunen fordern mehr Geld für Eingliederung Inklusion: Rebekkas Familie kämpft für 14-Jährige - Eltern sind oft auf sich gestellt

Ohne ihrer Eltern wäre Rebekkas Leben mit Downsyndrom anders. Kinder mit Behinderung sind bei der Inklusion oft auf Eltern oder Kommunen angewiesen. Letztere müssen aber sparen.

ZUR SACHE Baden-Württemberg SWR BW

Emmendingen: Trainingswohnung für Jugendliche mit Behinderung

Zuhause ausziehen ist aufregend und ein großer Schritt im Leben. Besonders junge Menschen mit Förderbedarf stehen plötzlich vor großen Herausforderungen und jeder Menge Fragen... 

Neuwied

Zukunft noch ungewiss Insolvent: Inklusionsbetrieb aus Neuwied sucht Lösungen

Mitte September hatte die Geschäftsleitung von InForma in Neuwied mitgeteilt, dass der Inklusionsbetrieb insolvent ist. Jetzt kämpft der Betrieb um den Erhalt.

SWR4 am Nachmittag SWR4

Erstmals publiziert am
Stand
Autor/in
Katrin Kleinbrahm
Moderatorin Katrin Kleinbrahm aus dem SWR1 Team

Unsere Quellen

Transparenz ist uns wichtig! Hier sagen wir Ihnen, woher wir unsere Infos haben!