Die soziale Einrichtung InForma mit Sitz im Neuwieder Stadtteil Oberbieber wurde vor fast 30 Jahren aus einem Förderverein von Eltern gehörloser Kinder gegründet. Der Betrieb beschäftigt 57 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit Beeinträchtigung, insbesondere mit Hörschädigung. Sie arbeiten beispielsweise in der Kantine für Schulmittagessen, in der Industrienäherei oder sortieren und füllen Waren ab. Außerdem werden in dem Betrieb Gebärdensprachkurse angeboten.
Das Besondere: Der Inklusionsbetrieb zahlt reguläre Gehälter nach Tarif an alle - anders als bei vielen anderen Einrichtungen dieser Art. Allerdings sei dieses Modell auch mit ein Grund, warum der Betrieb jetzt insolvent sei, sagt Sandra Müller, eine der beiden Geschäftsführerinnen: "Das ist ein bewusst gewähltes Modell - sozial gerecht, allerdings wirtschaftlich deutlich anspruchsvoller." Hinzu kommt, dass die Pacht und die Produktionskosten in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen seien.
Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Sorge um Jobs
Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit Beeinträchtigung habe die Insolvenz hart getroffen, sagt Müller. In einer ersten Betriebsversammlung hätten viele von ihnen noch nicht den Ernst der Lage verstanden. In einer zweiten Runde - zusammen mit dem Insolvenzverwalter - sei es ihnen dann aber bewusst geworden: "Da haben viele verstanden, jetzt wird es ernst. Jetzt haben wir wirklich ein Problem. Das war sehr emotional. Da sind viele Tränen geflossen, da waren viel Wut, Enttäuschung, Angst und Fragen", sagt Sandra Müller.
Markus Pilarek, der seit fünf Jahren bei InForma in Neuwied als Produktionsleiter tätig ist, fügt hinzu: "Das wühlt einen ganz schön auf und liegt einem schwer im Bauch. Man macht das hier ja aus Überzeugung." Viele hätten hier ihre Heimat gefunden und das breche dann vielleicht bald weg.
Das wühlt einen ganz schön auf und liegt einem schwer im Bauch. Man macht das hier ja aus Überzeugung.
Ziel: Neue Immobilie in oder um Neuwied finden
Die Löhne für die beiden nächsten Monate bis einschließlich November seien gesichert, sagt die Sozialarbeiterin und zweite Geschäftsführerin, Kerstin Comes. Wie es danach weitergeht, sei aber noch unklar. Kerstin Comes: "Unser Ziel ist es natürlich, so viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wie möglich zu übernehmen. Aber das muss sicherlich erst nochmal die nächsten Wochen reifen."
Erstmal suchten sie dringend eine neue Immobilie in Neuwied oder Umgebung. "Dazu der Aufruf: Wer etwas weiß, wir brauchen um die 300 Quadratmeter, vielleicht mit der einen oder anderen Halle dabei. Das wäre natürlich perfekt für uns." Außerdem seien Comes und Müller auf Sponsorensuche: Menschen, die ihnen mit gutem Rat, Ideen und finanziellen Mitteln zur Seite stehen wollen.
Starker Zusammenhalt im Inklusionsbetrieb in Neuwied
Derzeit würden viele Gespräche geführt, hin und her gerechnet, wie der Inklusionsbetrieb ab Dezember weiterlaufen könnte. Kerstin Comes bleibt optimistisch. Sie spüre trotz aller Emotionalität einen starken Zusammenhalt im Team. Das sei beeindruckend. Sandra Müller pflichtet ihr bei: "Die gehörlosen Menschen in unserem Betrieb wären auf sich allein gestellt, wenn es die InForma nicht mehr geben würde. Und wir glauben nicht, dass es soweit kommt."