Liebespaar seit vier Jahren

Sie haben sich durch Igel kennengelernt - jetzt hilft das Paar aus Tübingen den Tieren rund um die Uhr

Sie sind ein gutes Team: Michaela und Oliver Wiens im Kreis Tübingen helfen zusammen ehrenamtlich Igeln. Manchmal kommen die Stachelpelze sogar mit ins Restaurant.

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Von Autor/in Anne Jethon

Bei Michaela und Oliver Wiens in Ammerbuch-Pfäffingen (Kreis Tübingen) gibt's gerade viel zu tun. Sie betreiben die Igel-Pflegestelle Ammerbuch und ziehen aktuell 14 Igelsäuglinge per Hand auf. Außerdem leben noch ein paar andere Igel bei ihnen.

Das Paar sitzt in ihrem Wintergarten, als es an der Haustüre klingelt. Eine Familie steht vorm Gartentor, ein Mädchen hält einen roten Schuhkarton in ihrer Hand. Darin: ein Igel, der nur ungern sein Gesicht zeigen will.

Oliver Wiens weiß, was zu tun ist: Igel untersuchen und wiegen, Geschlecht bestimmen, Protokoll schreiben. Jedes einzelne Detail kommt auf den Papierbogen. Zum Beispiel: Wie heißen die Finder des Igels, wie lautet ihre Telefonnummer? Das ist dem ehemaligen Kripo-Beamten wichtig. Denn bei Ehepaar Wiens kommen jährlich bis zu 200 Igel vorbei.

Oliver Wiens schreibt ein Protokoll über den neu angekommenen Igel in Ammerbuch im Kreis Tübingen.
Immer wenn ein neuer Igel dazu kommt, erstellt Oliver Wiens ein Protokoll.

Hitze: Igel finden kaum Insekten und Würmer

Der Igel ist jung, aber kein Baby mehr - das erkennt Oliver Wiens sofort. Laut der Familie war er wohl mehrere Tage tagsüber draußen unterwegs. Das ist untypisch, denn Igel sind normalerweise nachtaktiv. Trotzdem scheint es ihm einigermaßen gut zu gehen: Das Tier stellt seine Stacheln auf, wenn Oliver Wiens es anstupst. Außerdem hat es ein gutes Gewicht.

Der Jungigel kommt trotzdem für ein paar Tage unter die Fittiche der Igel-Pflegestelle Ammerbuch. Er bekommt reines Katzenfutter mit 95 Prozent Fleischanteil, ohne Fisch. Das vertragen die Tierchen am besten. "Da wird er nachher entsprechend reinhauen", so der 70-Jährige. Hundefutter sollte man Igeln nicht geben - davon bekommen sie Durchfall.

Wegen der Trockenheit der vergangenen Wochen können die Tiere nur schwer nach Würmern graben, Pflanzen seien ausgedörrt, Insekten kaum zu finden, erzählt Wiens. Er kennt sich aus: Seit 18 Jahren nimmt er hilfsbedürftige Igel bei sich auf.

Igelbabys brauchen fast stündlich Milch

Michaela Wiens ist währenddessen mit den Igelsäuglingen beschäftigt. Gerade hält sie einen winzigen Igel mit faltigem Bauch in der Hand. Weil das Tier keine Milch will, gibt sie ihm wenigstens Fencheltee mit einer Spritze ins Mäulchen. Ob es die kommenden Tage überlebt, ist unklar. "Die macht mir Sorgen", sagt Michaela Wiens zu ihrem Ehemann. Die beiden wissen: Zu keinem Zeitpunkt der Aufzucht können sie sich sicher sein, dass die Igelbabys durchkommen.

Das kann uns schnell passieren, dass einer aus den Würfen morgens tot in der Box liegt.

Und trotzdem: Jedes Igelchen, das durchkommt, ist ein Gewinn. Seit mehr als vier Jahren meistern die beiden zusammen den tierischen Alltag. Kennengelernt haben sie sich durch einen Igel. Der sei an einem kalten Novembertag im Jahr 2021 "todesmutig", wie Michaela Wiens sagt, vor ihr Auto gekrabbelt. Sie habe den Igel zu sich genommen, wusste aber nicht, wie sie ihm helfen konnte.

Sie bekam den Tipp, sich bei Igelflüsterer Oliver Wiens zu melden. Mehrere Telefonate über Igel folgten, irgendwann sprang dann der Funke über. Jetzt sind sie seit zwei Jahren verheiratet - und sie sind ein gutes Team. Mit viel Humor meistern sie das Ehrenamt mit den Igeln.

Kleiner Igel bekommt Milch mit der Flasche verabreicht. Um die Tiere kümmert sich das Paar Wiens aus Ammerbuch (Kreis Tübingen).
Mäulchen auf: Diesem Igel scheint die Milch zu schmecken. Bild in Detailansicht öffnen
Ein kleiner Igel geht in einer Kiste umher. Das Tier wird von Helfern im Kreis Tübingen umsorgt.
Die Tiere bekommen Kindernagellack auf ihr Stachelfell. So können Michaela und Oliver Wiens sie voneinander unterscheiden. Und trotzdem: "Jeder Igel hat sein eigenes Gesicht", sagt Michaela Wiens. Bild in Detailansicht öffnen
Mehrere Igel schlafen in einer Kiste in Ammerbuch (Kreis Tübingen)
Am Besten ist es für die jungen Tiere, wenn sie in Gruppen aufgezogen werden. Erwachsene Igel sind laut NABU Einzelgänger. Bild in Detailansicht öffnen
Igel frisst grüne Katzenminze. Im Kreis Tübingen werden die Tiere versorgt.
Dieser Jungigel frisst schon feste Nahrung. Oliver Wiens gibt ihm Katzenfutter, mit hohem Fleischanteil und: Katzenminze. Damit hat der Igel einen vielfältigeren Speiseplan. Bild in Detailansicht öffnen
Eine Hummel und eine Biene sitzen auf einer Sonnenblume in Ammerbuch-Pfäffingen (Kreis Tübingen). Tiere fühlen sich im Garten der Wiens wohl.
Ob Biene, Hummel oder Vogel: Auch andere Tiere fühlen sich im Garten von Ehepaar Wiens wohl. Das ist ihnen auch wichtig: "Jeder ist willkommen." Bild in Detailansicht öffnen

Igel durften auch schon beim Geburtstag dabei sein

Teilweise haben sie mit den Igelbabys so viel zu tun, dass die Tierchen kurzerhand mit ins Restaurant zu einem Geburtstag kommen. "Die waren der Star des Abends", erzählt Oliver Wiens grinsend. Denn die Säuglinge brauchen stündlich frisch zubereitete Milch. Nur so überleben sie. Eine Herzensangelegenheit für Michaela Wiens, sie kümmert sich hauptsächlich um die Handaufzucht der Igelbabys.

Sie und ihr Mann sind fasziniert von den Tieren. Oliver Wiens ist froh, dass er sich jetzt mit Igeln beschäftigen kann. Früher hat er als Kripo-Beamter Mordfälle bearbeitet: "Ich halte mich an Tiere, weil die sind ehrlich. Ich bin in meinem Berufsleben so oft angelogen worden, dass meine vertrauensbildende Maßnahme den Menschen gegenüber sehr gelitten hat. Und bei Tieren ist es einfach so, die sind ehrlich."

Und so nehmen er und seine Frau auch weitere hilfsbedürftige Igel gerne bei sich auf. So lange, bis die Tiere wieder in die Freiheit dürfen. Denn: Dass die Wildtiere am Ende ganz selbständig und ohne den Menschen leben, sei das wichtigste Ziel.

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Autor/in
Anne Jethon
Anne Jethon ist Reporterin für Hörfunk, Online und Fernsehen beim SWR im Studio Tübingen.

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