Der ehemalige Landrat von Freudenstadt, Klaus Rückert (CDU), hat am Wochenende seine erste Predigt als angehender Diakon gehalten. Im September 2025 hatte der Politiker seinen vorzeitigen Rückzug aus dem Landratsamt bekanntgegeben. In seinem "zweiten Leben" arbeitet Rückert Teilzeit als Richter am Amtsgericht Rottweil und widmet sich ansonsten ganz der christlichen Nächstenliebe.
Diakon werden heißt: Sich als "Mensch Klaus Rückert" einzubringen
Sichtlich gerührt, mit feuchten Augen, sitzt der Mann zwischen leeren Kirchenbänken, der vor Kurzem noch verantwortlich für mehr als 120.000 Menschen im Kreis Freudenstadt war. Es waren bewegte Jahre als Landrat, erinnert sich Rückert: In seinen beiden Amtszeiten wurde ein Krankenhaus in Horb geschlossen, ein neues in Freudenstadt gebaut. Er hat den Nationalpark Schwarzwald mitaufgebaut, die Corona-Pandemie und die Unterbringung Geflüchteter organisiert. "Mir war es wichtig, mit den Menschen zu arbeiten", so Rückert über sein Amt. Zwischen politischen Aufgaben und Verwaltung habe ihm jedoch gefehlt, sich als "Mensch Klaus Rückert" einzubringen. Deshalb habe er sich entschieden, sein Amt vorzeitig abzugeben und Diakon zu werden.
Der "Mensch Klaus Rückert" ist an diesem Sonntag in der Herrenberger St. Martin-Kirche (Kreis Böblingen) ganz nah: aufgeregt und emotional vor seiner ersten Predigt. Die ist Teil der diakonalen Ausbildung, die Rückert derzeit durchläuft. Vor Menschen sprechen - als ehemaliger Landrat Routine? Nein, meint Rückert: "Vom eigenen Glauben erzählen ist schon noch mal eine andere Dimension als eine politische Rede zu halten." Rund 80 Menschen sind zum Gottesdienst gekommen. Sie hören, wie Rückert leidenschaftlich über Zweifel im Glauben spricht, über Hoffnung und über die Aufgaben von Diakonie.
Es geht mir darum, wirklich Menschen in Nöten zu helfen.
Theologie-Studium unter dem Radar
Eine gute Stunde später hat Rückert seine erste Predigt geschafft. Im sonnigen Kirchhof spricht er aus, was ihm deutlich anzusehen ist: "Ich bin glücklich und dankbar!" Unter Kirchenmitgliedern wird Rückerts Premiere diskutiert: "Er hätte noch länger Landrat sein können. Sich jetzt für so eine Laufbahn zu entscheiden, das verlangt meine Hochachtung", meint Wolfgang Zwick. Nur etwas kürzer hätte die Predigt sein können, findet er. "Das ist jemand, der das Leben kennt, der auch die Probleme der Menschen kennt", findet Hildegard Zwick. Als Landrat habe Rückert praktisches Arbeiten erlebt, meint Sabine Dith. "Jetzt macht er vielleicht das, was wirklich in ihm ist."
Den Plan, sich der christlichen Nächstenliebe zu widmen, verfolgt Rückert schon seit vielen Jahren. 2017, vor der Wiederwahl als Landrat, beginnt er ein Fernstudium der Theologie. Nur seine engsten Vertrauten, darunter seine Frau und die gemeinsamen Töchter, weiht Rückert ein. Inzwischen hat er das Studium erfolgreich abgeschlossen "Das war sehr anstrengend", erinnert er sich. Oft habe er bis spät in die Nacht gelernt. "Das Auswendiglernen mit 59 geht nicht mehr wie mit 29 Jahren. Aber wenn man weiß, dass das der Weg ist, dann klappt es."
Weihe zum Diakon in gut einem Jahr
Diese Überzeugung dürfte ihn auch durch die Ausbildung zum Diakon begleiten. Dafür hat Rückert den Chefsessel im Landratsamt gegen die Rolle als Teilzeit-Azubi eingetauscht. Neben seiner 50-Prozent-Stelle als Richter am Rottweiler Amtsgericht lernt er nun einiges an Theorie: Darunter Bibelauslegung, Aufgaben im Gottesdienst und Seelsorge. Den praktischen Teil übt Rückert in der Gemeinde St. Martin in Herrenberg. Den Umstieg vom Landrat zum Diakonenanwärter habe er gut geschafft, findet Rückerts Mentor, Pfarrer Markus Ziegler: "Den Weg geht er voller Überzeugung und mich beeindruckt das."
Erstes diakonisches Projekt am Waldfriedhof
Seit wenigen Tagen betreut Rückert sein erstes diakonisches Projekt: Ein Gesprächsangebot bei Kaffee oder einem Glas Wasser am Herrenberger Waldfriedhof. Dort habe er schon einige spannende Unterhaltungen geführt. "Ich empfinde das als riesengroßes Geschenk", freut sich Rückert. Er selbst sei in die Kirche hineingeboren worden und verbinde schöne Erlebnisse damit. Er wolle Kirche mitgestalten - in Zeiten massenhafter Kirchenaustritte und Kontroversen. "Ich finde all das, was unter dem Thema Missbrauch angesprochen wird, selbst furchtbar. Dennoch stehe ich zu der Institution Kirche und bin aktiver Teil." Für ihn sei Kirche Gemeinschaft. Dass er nun noch intensiver mit Menschen in Kontakt sein darf, mache ihn glücklich. In rund einem Jahr, am Pfingstsamstag 2027, soll Rückert dann in der Kirche St. Martin in Herrenberg zum Diakon geweiht werden. Dort also, wo er nun seine erste Predigt gehalten hat.