Tradition oder Rassismus?

"Mohrenkönig" beim Wurmlinger Pfingstritt: weiter heftig umstritten

Auf dem traditionellen Pfingstritt in Wurmlingen am Pfingstmontag soll wieder die Figur des "Mohrenkönig" zu sehen sein - mit schwarz angemaltem Gesicht. Das sorgt für Diskussionen.

Teilen

Stand

Von Autor/in Theresa Krampfl

Die Figur "Mohrenkönig" mit schwarz angemaltem Gesicht wird auf dem Pfingstritt in Rottenburg-Wurmlingen (Kreis Tübingen) in diesem Jahr wieder zu sehen sein. Das ist die Entscheidung des Organistationsteams gemeinsam mit dem Ortschaftsrat von Wurmlingen. Die vorigen Organisatoren hatten die Figur abgeändert, mit anderem Namen und ohne das sogenannte Blackfacing, also dem Schwärzen des Gesichts. Dass die Figur nun wieder im Stil der Tradition auftreten soll, finden einige gut, andere kritisieren es:

Bei der SWR-Umfrage auf den Straßen Wurmlingens wollten zwei Personen, die das Verhalten der Organisatoren kritisieren, nichts ins Mikrofon sagen. Sie hatten den Eindruck, ihre Meinung nicht öffentlich sagen zu können, weil sie dafür verurteilt werden würden. Ein paar Menschen gibt es trotzdem, die ihre Kritik laut äußern, direkt bei den Verantwortlichen oder in den Sozialen Medien.

Tübinger Wissenschaftlerin verurteilt diese Tradition des Pfingstritts

Auf SWR-Anfrage ordnet die Tübinger Wissenschaftlerin Johanna Roering die Thematik ein. Sie beschäftigt sich beruflich viel mit der Geschichte von Rassismus und Diskriminierung und stellt fest: "Dass weiße Menschen sich schwarz anmalen, entspringt rassistischen Traditionen aus dem 19. Jahrhundert. Das ist auch der Fall beim Pfingstritt, der aus dem von Kolonialisierung und Orientalismus geprägten 19. Jahrhundert stammt."

Auch den Begriff "Mohrenkönig" kritisiert sie. "Mohr" stamme aus dem Mittelalter und habe sich dort als abwertender Begriff für Menschen mit dunkler Hautfarbe etabliert, so Roering.

Ortsvorsteher und Organisatoren sehen keinen Rassismus

Der Ortsvorsteher von Wurmlingen, Michael Elmenthaler (Unabhängige Wählervereinigung Wurmlingen), weist die Vorwürfe des Rassismus zurück: "Der Vorwurf trifft sicher auf viele Darstellungen von dunkelhäutigen Menschen im Zusammenhang mit Sklaverei zu. (...) Das bringen wir aber nicht mit dem Mohrenkönig in Verbindung." Dieser verkörpere eine starke Person, so Elmenthaler. Er stelle Vielfalt dar und werde von allen Beteiligten geschätzt.

Dem schließt sich auch das Organisatorenteam an. Der "Mohrenkönig" erinnere daran, dass unsere Gemeinschaft bunt ist und stehe dafür, "dass jede und jeder von uns einen wertvollen Beitrag leistet, ganz gleich, woher wir kommen oder wie wir aussehen."

Auch darauf reagiert die Tübinger Wissenschaftlerin Roering:

Blackfacing ist in jedem Kontext diskriminierend, egal ob es Sklaven darstellen soll, Tina Turner oder einen König.

Auch wenn es niemand böse meine, fühlten sich viele Menschen von Blackfacing verletzt. Mit dieser Einschätzung schließt sich Roering der Initiative Schwarzer Menschen in Deutschland an.

Oberbürgermeister Neher: "An den Haaren herbei gezogen"

Rottenburgs Oberbürgermeister und Schirmherr des Pfingstritts, Stephan Neher (CDU), findet das eine Scheindebatte. Man solle sich lieber auf die konzentrieren, die wirklich fremdenfeindlich seien.

Wenn es nichts Wichtigeres zu diskutieren gibt, scheint es der Gesellschaft gut zu gehen.

Beim Pfingstritt vor zwei Jahren hatte das Organisationsteam entschieden, die umstrittene Figur umzubenennen und auf das Anmalen des Gesichts zu verzichten. Das wurde damals demokratisch beschlossen. Der damalige Vorstand möchte sich aber nicht an der aktuellen Diskussion beteiligen.

Beim Wurmlinger Pfingstritt gibt es traditionell die Figur "Mohrenkönig", die im Gesicht schwarz angemalt wird. Die Kritik daran wächst, es gibt aber auch viele Befürworter.
Beim Wurmlinger Pfingstritt gibt es traditionell die Figur "Mohrenkönig", die im Gesicht schwarz angemalt wird. Die Kritik daran wächst, es gibt aber auch viele Befürworter.

Pfingstritt: Ein Fest voller Traditionen

Der Wurmlinger Pfingstritt findet alle zwei Jahre statt. Es gibt ihn den Überlieferungen nach seit 1852. Organisiert wird er von jungen, engagierten Menschen, die sich freiwillig melden. Alle zwei Jahre ist ein anderer Jahrgang dran, dieses Mal der Jahrgang 2005/2006. In diesem Jahr sind von 13 Personen aus dem Organisationsteam drei Frauen dabei. Sie planen die Veranstaltung zwei Jahre lang, sammeln Gelder und organisieren Pferde für den Ritt. Die Frauen dürfen traditionell nicht reiten. Alle Pfingstreiter haben eigene Rollen, die traditionell festgeschrieben sind. Am Pfingstmontag treten sie gegeneinander an: Auf Pferden reitend versuchen sie, einen Maibaum aus einer Halterung zu ziehen. Wer es schafft, hat gewonnen.

Baden-Württemberg

Verbindung zu politischer Ermordung und Kolonialzeit "Lumumba" auf Weihnachtsmärkten in BW: Darum ist der Begriff problematisch

Nach Frankfurt reagieren Weihnachtsmärkte in BW auf die Kritik an der Bezeichnung für Kakao mit Schuss. Auch Comedian Cossu und eine Geschichtsinitiative sehen Handlungsbedarf.

SWR1 Baden-Württemberg SWR1 Baden-Württemberg