Fachgespräch nach Anfeindungen

Langenauer Kirchengemeinde wehrt sich: Zusammen gegen Antisemitismus

Nach einer Reihe antisemitischer Vorfälle rund um die evangelische Martinskirche in Langenau sucht die Kirchengemeinde Gegenstrategien. Unterstützt wird sie von Polizei, Politik und Kirche.

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Stand

Seit Monaten ist die evangelische Martinskirche in Langenau (Alb-Donau-Kreis) Ziel von Anfeindungen: Beinahe wöchentlich protestiert eine Gruppe mit israelfeindlichen Plakaten vor der Kirche. Gottesdienstbesuchende berichten von Pöbeleien, fühlen sich bedrängt. Die Kirche wehrt sich - und hat zu einem Fachgespräch über Antisemitismus eingeladen.

Warum ausgerechnet Langenau? Diese Frage hört man in der Stadt seit Wochen. Seit bald anderthalb Jahren finden am Rande von Gottesdiensten lautstarke Kundgebungen einer Antiisrael-Gruppe statt. Die Gemeinde berichtet von teils anonymen Drohungen und nächtlichen Besuchen von Aktivisten am Pfarrhaus. Im Dezember 2024 sind judenfeindliche Schmierereien an der Kirche und am Rathaus aufgetaucht. All das, seit der Pfarrer der evangelischen Martinskirche am 15. Oktober 2023 ein Kanzelwort des Landesbischofs verlesen hat. So, wie nahezu alle Pfarrerinnen und Pfarrer in Württemberg. Darin kam auch der Überfall der Hamas auf Israel zur Sprache.

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Landesbeauftragter gegen Antisemitismus: "Mehr Solidarität mit Betroffenen"

"Wir würden uns wünschen, als Kirchengemeinde zur Normalität zurückzukehren", sagt Pfarrer Ralf Sedlak beim Fachgespräch. An einem runden Tisch im Gemeindesaal der evangelischen Martinskirche haben Studierende jüdischen Glaubens, Mitglieder der jüdischen Gemeinde Mannheim sowie Vertreter von Politik, Kirche und Polizei Platz genommen. Ziel dieses Fachgesprächs sei es, die Perspektiven jüdischer und nicht-jüdischer Betroffener zu beleuchten, so die Organisatoren. Außerdem gehe es darum, Erfahrungen auszutauschen, öffentlich aufzuklären und gemeinsam Handlungsstärke zu entwickeln.

Für den Landesbeauftragten gegen Antisemitismus, Michael Blume, braucht es dazu Solidarität mit Betroffenen und einen wehrhaften Rechtsstaat, der klare Regeln aufstellt. Dass in Langenau Mitte Juli Allgemeinverfügungen in Kraft getreten sind, die Kundgebungen und Versammlungen im Kontext von Gottesdiensten einschränken, lobt Blume. Auch, wenn sich die Stadt seiner Meinung nach spät dafür entschieden hat. Unter anderem gebe die Verfügung der Polizei Handlungssicherheit.

Wir würden uns wünschen, als Kirchengemeinde zur Normalität zurückzukehren.

Im Gemeindesaal der Langenauer Martinskirche unterhalten sich mehrere Grüppchen. Es ist ein Fachgespräch zu Antisemitismus.
Wie umgehen mit Antisemitismus? Eine der Fragen beim Fachgespräch in Langenau. Geladen hatte die evangelische Martinskirche Langenau.

Polizei bei Kundgebungen in Langenau deutlich präsent

Laut Josef Veser, dem Präsidenten des zuständigen Polizeipräsidiums Ulm, beobachten die Ermittler die Entwicklungen in Langenau weiter. Unterstützt werden sie dabei von den Spezialkräften des landesweiten "Polizeipräsidium Einsatz". Die Polizei handele dabei in enger Abstimmung mit der Stadt Langenau.

Seit Inkrafttreten der Allgemeinverfügungen haben zwei größere Kundgebungen in Langenau stattgefunden. Wie ein Sprecher des Polizeipräsidiums Ulm dazu mitteilte, haben sich die Teilnehmenden an die Verfügungen gehalten. Angesichts der Vorkommnisse der vergangenen Monate sei die Polizei bei Versammlungen in Langenau deutlich präsent. Ermittelt werde in rund 22 Fällen, unter anderem wegen des Verdachts auf Volksverhetzung, Beleidigungen und Sachbeschädigung.

Ein Langenauer Aktivist, der vor der Martinskirche regelmäßig mit Unterstützern protestiert, hat eine Anfrage des SWR zu einer Stellungnahme im üblichen Rahmen abgelehnt.

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Jüdische Gemeinde Mannheim seit Monaten angefeindet

Blume zufolge braucht es außerdem Prävention, etwa an Schulen und in den Medien. Um "so früh wie möglich zu verhindern, dass Menschen verschwörungsgläubig, antisemitisch werden", so Blume. Amnon Seelig ist Kantor der Jüdischen Gemeinde Mannheim. Für das Projekt "Meet a Jew" geht er immer wieder an Schulen, um jungen Menschen Einblicke in das jüdische Leben zu geben. Oft begegnen ihm dabei Vorurteile wie: "Wir Juden würden keine Steuern zahlen", so der Kantor.

Seit Jahren erhält die Mannheimer Gemeinde Drohbriefe und -anrufe. Vor einem Jahr tauchte ein Hakenkreuz auf der Mauer des jüdischen Friedhofs auf. Mehrfach sind Fenster der Synagoge und des Gemeindezentrums eingeschlagen worden. Wie Seelig erzählt, nimmt die Aggressivität antiisraelischer Demonstrationen in Mannheim immer weiter zu. Viele Gemeindemitglieder kämen nicht mehr zur Synagoge , weil sich ihr Weg häufig mit dem von Aktivistinnen und Aktivisten kreuze.

Warum müssen wir uns für etwas erklären, für das wir nicht verantwortlich sind?

Studierende jüdischen Glaubens: "Trauen uns teils nicht an die Hochschule"

Welche Folgen Judenfeindlichkeit haben kann, berichten auch die Studierenden im evangelischen Gemeindehaus eindrücklich, darunter Cornelia d'Ambrosio. Die junge Frau erzählt, dass sie sich seit dem Überfall der Hamas nicht mehr sicher fühlt, wenn sie am Schabbat aus der Synagoge kommt. Immer wieder sei sie auf offener Straße angepöbelt worden.

An ihrer Uni fühle sie sich zunehmend unwohl: "Wir haben leider gerade die Situation, dass sich Antisemitismus extrem schnell verbreitet hat", so d'Ambrosio, die unter anderem in Heidelberg studiert. Einige Studierende würden sich nicht mehr an die Hochschule trauen. Die Studentin, die auch dem Bund Jüdischer Studierender Baden e.V. vorsteht, wünscht sich, dass besonders Hochschulstädte kommunale Meldestellen für antisemitische Zwischenfälle einrichten. In Heidelberg sei das bereits geschehen und habe sich bewährt.

Ähnliches berichten auch die drei anderen Studierenden in der Runde: Wie sie ihren Glauben vor Mitstudierenden verstecken, aus Angst vor Anfeindungen. Wie ihnen antisemitische Sticker auf Unitoiletten begegnen. Und dass sie immer wieder auf den Nahostkonflikt angesprochen werden. Alon Bindes, bis vor kurzem Student an der Universität Hohenheim, findet klare Worte: "Wir sind keine Botschafter des Staates Israel. Warum müssen wir uns für etwas erklären, für das wir nicht verantwortlich sind?"

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Auch der Ulmer Grünen-Landtagsabgeordnete Michael Joukov sitzt in der Runde, hört aufmerksam zu. Im November 2023 hat er die Grenze zum Gaza-Streifen besucht. Die Langenauer Kirchengemeinde sei bewusst "als Zielscheibe" im Gazakonflikt ausgesucht worden. Für Joukov geht es darum, "Unfrieden zu stiften". Mit teils berechtigter Kritik am Vorgehen Israels habe das nichts zu tun.

Auch für Michael Blume sind Anfeindungen gegen die evangelische Gemeinde in Langenau nicht "Langenau-spezifisch". Nach derzeitigen Erkenntnissen habe man es mit einem linksextremen Netzwerk mit Einfluss eines muslimischen Antisemitismus zu tun, das sich über das Internet verbreitet. "Antisemiten versuchen zu spalten. Sie tun so, als gebe es eine propalästinensische und eine proisraelische Position. Das ist nicht der Fall", so der Landesbeauftragte gegen Antisemitismus.

Das bekräftigt auch der Pfarrer der evangelischen Martinskirche, Ralf Sedlak. Er wünscht sich, dass seine Gemeinde bald wieder in Ruhe Gottesdienste abhalten kann. Und dass ein freier Meinungsaustausch möglich ist.

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SWR