Im Frühjahr 2017 wird die Journalistin Meşale Tolu in der Türkei wegen Terrorvorwurfs verhaftet. Drei Wochen nach ihrem Mann. Bis Dezember bleibt sie in Haft, zusammen mit ihrem damals zweijährigen Sohn. Danach darf sie das Land für weitere Monate nicht verlassen. Erst im August 2018 kann sie zurück nach Deutschland fliegen. Im SWR-Interview erzählt die 42-jährige Journalistin, wie sie inzwischen auf den Schockmoment damals blickt.
SWR Aktuell: Wie geht es Ihnen heute?
Meşale Tolu: Vielen Dank, es geht mir sehr gut, ja. Der Alltag holt einen natürlich ein, und man ist immer so beschäftigt, dass man sich diese Frage vielleicht nicht oft genug stellt.
SWR Aktuell: Der Anlass für unser Interesse an einem Interview ist die Verhaftung eines Ulmers in der Türkei. Ihr Fall und Ihre Verhaftung liegen jetzt neun Jahre zurück. Wie schauen Sie heute auf die Zeit?
Tolu: Es ist sehr schwer, diese Zeit komplett zu vergessen oder auch nur annäherungsweise zu verarbeiten. Natürlich geht der Alltag weiter, das Leben geht weiter, man beschäftigt sich mit verschiedenen Themen und kommt darüber hinweg. Aber es ist schon so, dass jeder Fall mich wieder in diese Zeit bringt. Ich fühle, was ich damals gefühlt habe, ich spüre und ich kann, glaube ich, auch mitfühlen, was die Menschen und auch die Angehörigen erleben, wenn sie eine Inhaftierung oder auch Repression in der Türkei erleben.
SWR Aktuell: Was macht es mit einem, wenn man plötzlich so aus dem Nichts heraus verhaftet wird?
Tolu: Es ist ein Schockmoment, weil man natürlich nicht darauf vorbereitet ist. Ich bin in Deutschland geboren und aufgewachsen, ich wurde hier sozialisiert. Ich denke, ich erlebe eine sehr gute Demokratie hier. Gerade wenn man so aufgewachsen ist, kann man sich kaum vorstellen, dass solch ein Überfall in einem anderen Land einfach geschehen darf. Ich war sehr überwältigt von dieser Repression und wusste im ersten Moment nicht, wie ich darauf reagieren soll.
Deniz Yücel war ja auch ein Fall, der sich kurz vor mir ereignet hatte. Aber man erwartet natürlich nie, dass es einen selbst trifft.
Aber andererseits war mir die Türkei als Land ja nicht fremd. Ich wusste auch um die politische Situation und welche Repressionen und welche Verhaftungen es im Vorfeld gab. Deniz Yücel war ja auch ein Fall, der sich kurz vor mir ereignet hatte. Aber man erwartet natürlich nie, dass es einen selbst trifft. Erst mal ist es eine totale Fremdheit, die man erlebt und dass man einfach diesen Schutzraum, den man eigentlich um sich glaubt zu haben, verliert. Und ich denke, das ist vielleicht auch das größte Trauma, dass man sich dann nie wieder so sicher fühlt wie vor diesem Fall.
SWR Aktuell: Wie erinnern Sie sich an die Haft selber? War das eine permanente Anspannung?
Tolu: Ja, schon. In der Türkei kann man ja schon lange nicht von Rechtsstaatlichkeit und von Demokratie sprechen. Ich glaube, das ist das größte Problem, dass man nicht darauf hoffen kann, dass irgendwann mal Recht einkehrt und man freikommt. Man ist einer Ungewissheit ausgesetzt und von daher ist einfach die Haft immer eine Anspannung, aber auch immer eine Erwartungshaltung. Man erwartet ja, dass irgendwann etwas passiert, auch wenn man nicht weiß, zu welchem Zeitpunkt, an welchem Ort. Man ist losgelöst von der realen Welt und hofft darauf, dass am Ende des Tunnels wieder Licht gesehen werden kann.
SWR Aktuell: Ging es Ihren Angehörigen genauso wie Ihnen?
Tolu: Ich war ja selbst Angehörige, als mein Mann drei Wochen vor mir inhaftiert wurde. Und ich weiß noch, dass ich damals nicht wusste, was ich fühlen soll, weil plötzlich der wichtigste Mensch im Leben aus dem Alltag, aus der Familie rausgerissen wurde. Ich glaube, so ging es meiner Familie auch. Da war auch das Besondere, dass ich ja mit meinem Sohn inhaftiert wurde. Ich glaube, das war sehr dramatisch für meine Familie, dass die Tochter und der Sohn quasi im Gefängnis sind und sie eben nichts bewirken können.
Vor neun Jahren war wenig Kontakt zu ihrer Familie möglich, erzählt Meşale Tolu, da damals in der Türkei der Notstand ausgerufen war. Alle zwei Wochen konnte sie für zehn Minuten telefonieren. Einmal im Monat durfte ihr Vater sie besuchen.
SWR Aktuell: Wie schauen Sie heute auf die Türkei?
Tolu: Die Türkei hat sich im Sinne der Demokratie nicht weiterentwickelt. Das war aber schon abzusehen. Wir haben ja damals, als wir freigelassen wurden - Peter Steudtner, Deniz Yücel und ich, die damals als deutsche Staatsangehörige sehr oft in den Medien waren, immer wieder betont, dass sich in der Türkei durch unsere Freilassung nichts verändern wird und dass es sogar krasser ist, von den Entwicklungen her, weil die Türkei einfach sehr autoritär ist und mit Rechtsstaatlichkeit eigentlich gar nichts zu tun hat. Heute blicke ich natürlich immer noch mit Sorge auf die Türkei, weil dort sehr viele Oppositionspolitiker inhaftiert sind, Anwälte, aber auch Politikerinnen, Frauen, die sich für die Frauenbewegung einsetzen.
Selbst sei sie nicht mehr in der Türkei gereist, so Meşale Tolu. Sie liebe die Türkei als Land sehr, mit seiner Vielfalt, der Kultur und den Menschen. Aber eine Reise würde sie nicht wagen. 2022 wurde die Journalistin schließlich endgültig freigesprochen.
SWR Aktuell: Erfahren Sie von Verhaftungen, auch von nicht bekannten Fällen?
Tolu: Ich glaube, die meisten Fälle werden bekannt, weil die Menschen an unseren Fällen gesehen haben, dass Öffentlichkeit etwas bewirken kann. Aber es ist so, dass sich auch Familien bei mir melden. Die melden sich natürlich, um zu fragen, was sie machen sollen, wie sie weiter verfahren können oder ob ich sie unterstützen kann.
SWR Aktuell: Sie sagen, man merkt, diese Öffentlichkeit bewirkt etwas. Wie wichtig ist der Kontakt zum Beispiel zu deutschen Journalisten oder zur deutschen Politik?
Tolu: Der Kontakt ist sehr wichtig. Ich schätze das sehr hoch ein, weil ich meine Freilassung dieser Öffentlichkeit verdanke. Wenn man im Gefängnis ist, dann braucht man eine Unterstützung. Es war sehr wichtig, dass Journalistinnen und Journalisten damals Briefe von mir veröffentlicht haben, mit mir gesprochen oder auch Fragen gestellt haben, auf die ich schriftlich antworten konnte, weil sich dadurch eine große Öffentlichkeit in Deutschland gebildet und für mich eingesetzt hat.
SWR Aktuell: Haben Sie auch in den Jahren nach Ihrer Rückkehr nach Deutschland noch Unterstützung erfahren?
Tolu: Ich muss sagen, dass ich immer noch von Menschen angesprochen werde, die meine Geschichte kennen. Heutzutage ist es immer noch so, dass die sich freuen, wenn ich als Journalistin bei ihnen anklopfe oder wenn sie mich sehen. Manche wollen mich auch gar nicht mehr darauf ansprechen, damit ich nicht alles nochmal miterleben muss. Ich finde schon, dass die Unterstützung immer noch da ist.