Stuttgart 21 hätte eigentlich Ende 2026 eröffnet werden sollen. Das Projekt wurde erneut verschoben, diesmal auf unbestimmte Zeit. Die Menschen Im ländlichen Raum, zwischen Stuttgart und Ulm und auf dem Weg zum Bodensee, reagieren teils verärgert. Für manche Regionen hat die Verschiebung aber nicht nur Nachteile.
- Ulm: Ärger über erneute Verschiebung von Stuttgart 21-Eröffnung
- Merklingen wünscht sich schnelle Fertigstellung
- Gäubahn: Unterbrechung der Stecke kommt wohl erstmal nicht
- Singens OB: Pfaffensteigtunnel muss trotz S21-Verschiebung gebaut werden
Bahnkunden in Ulm verärgert über erneute Stuttgart 21-Verschiebung
Die Reaktionen der Menschen in Ulm auf die Nachricht der erneuten Stuttgart 21-Verschiebung fielen einstimmig aus: Verärgerung und Fassungslosigkeit. "Dass es sich so lange verzögert, ist unhaltbar", moniert eine Frau.
Für Christoph Reebel aus Ulm sei die Verschiebung vorhersehbar gewesen. Er hat lange in Stuttgart gewohnt und bezeichnet sich selbst als Gegner des Projekts. "Es gab entsprechende Gutachten, dass es nicht funktionieren wird und es wird auch nicht funktionieren".
Zu teuer, zu oft verschoben, zu schlecht geplant - die Verärgerung bei den Kunden der Bahn ist groß. Auch Ulms Oberbürgermeister Martin Ansbacher (SPD) ist verärgert. Das Vertrauen in die Bahn würde schwinden. "Auf dieses Projekt warten wir schon lange", beklagt er sich. "Die Bahn hätte sagen können: 'Wir stehen zu diesem Termin', der ja ohnehin erst Ende 2026 gewesen wäre".
IHK: Wirtschaft würde von Stuttgart 21 stark profitieren
Auch die Wirtschaft würde von einer Fertigstellung des Bahnprojekts profitieren, meint Jonas Pürckhauer, stellvertretender Hauptgeschäftsführer der IHK Ulm. Gerade für Pendler oder Geschäftsreisende die zum Flughafen wollen, sei Stuttgart 21 wichtig. Die IHK Ulm erhofft sich langfristig auch, dass mit Fertigstellung von S21 auch mehr Güterverkehr auf die Filstalbahn verlegt werden kann.
Fahrgäste in Ulm müssten nun noch länger warten als ohnehin schon. Die Züge fahren zwar schon auf der Neubaustrecke Wendlingen-Ulm. Der Anschluss an den Bahnhof in Stuttgart fehlt aber noch.
RE 200: Merklingen wünscht sich schnelle Stuttgart 21-Fertigstellung
Vor allem die Menschen im ländlichen Raum würden von einer schnellen Anbindung nach Stuttgart profitieren. Das weiß auch Merklingens Bürgermeister Sven Kneipp (parteilos). Bislang hätten die Menschen im Merklinger Umland das Glück, mit dem RE 200 fahren zu können. Der Regionalexpress verbindet Wendlingen (Kreis Esslingen) und Ulm und gilt als "schnellster Regionalzug Deutschlands".
Mit der Eröffnung von Stuttgart 21 würde diese Verbindung wahrscheinlich wegfallen. Die Verschiebung des Termins sei deshalb für die Region um Merklingen nicht so dramatisch, so Kneipp. Trotzdem würde auch er sich eine schnelle Fertigstellung von S21 wünschen. Das Projekt habe eine "riesen Bedeutung für den ländlichen Raum". Vor allem für Arbeitskräfte und das kulturelle Leben gäbe es dann eine viel schnellere Verbindung an Messe, Flughafen und die Stadt Stuttgart.
Vom RE 200 profitieren nicht nur Passagiere zwischen Ulm und der Region Stuttgart. Auch Fahrgäste aus Tübingen und Reutlingen sparen sich durch diese Verbindung etwa 20 Minuten auf dem Weg nach Ulm. Sie müssen nicht in Plochingen (Kreis Esslingen) oder Stuttgart umsteigen, sondern können es in Wendlingen tun, um mit dem Regionalverkehr von oder nach Ulm zu fahren.
Aktionsbündnis "Pro Gäubahn" begrüßt Verschiebung
Es gibt aber nicht nur Verlierer. Die Gäubahn, die von Stuttgart über Singen nach Zürich fährt, profitiert von der Verschiebung, sagt das Aktionsbündnis "Pro Gäubahn". Die Zugstrecke wäre aufgrund von Stuttgart 21 planmäßig ab Frühjahr 2027 unterbrochen worden. Reisende hätten dann bis 2032 in Stuttgart-Vaihingen auf S- und Stadtbahnen umsteigen müssen.
Das Landesbündnis "Pro Gäubahn" begrüßt daher die Verschiebung von Stuttgart 21 in einer Pressemitteilung. Denn das bedeute auch, dass die geplante Unterbrechung der Gäubahn-Strecke von Stuttgart über Herrenberg, Horb nach Singen und Zürich wohl erstmal nicht kommen werde. Das Bündnis fordert, den bisherigen Kopfbahnhof nicht nur vorübergehend, sondern dauerhaft für einen zukunftsfähigen Zugverkehr zu erhalten.
Singens OB: Pfaffensteigtunnel muss trotz S21-Verschiebung gebaut werden
Singens Oberbürgermeister Bernd Häusler (CDU) freut sich auf der einen Seite, dass die Gäubahn wohl weiter ohne Unterbrechung in den Stuttgarter Hauptbahnhof einfahren kann. Auf der anderen Seite sei es natürlich traurig, das S21 nach wie vor nicht eröffnet werden kann. Der OB betont weiter, dass trotz der S21-Verschiebung der Pfaffensteigtunnel zwischen Böblingen und dem Stuttgarter Flughafen dennoch dringend gebaut werden muss. Es brauche die Anbindung der Gäubahn an den neuen Tiefbahnhof.