Bahn-Chefin zieht Reißleine

Eröffnung von Stuttgart 21 für 2026 abgesagt: BW-Verkehrsminister spricht von fataler Nachricht

Die Deutsche Bahn hat die Inbetriebnahme des Milliardenprojekts nach Informationen des SWR verschoben. Ein neuer Termin steht noch nicht fest.

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Stand

Der Start von Stuttgart 21 verzögert sich weiter. Das hat der SWR am Mittwoch aus Kreisen der Projektpartner erfahren. Laut Medienberichten sagte Bahn-Chefin Evelyn Palla die Eröffnung des Tiefbahnhofs für 2026 ab. Ein neuer Eröffnungstermin könne voraussichtlich erst Mitte 2026 genannt werden. Grund seien Probleme mit der Zulassung von Technik des japanischen Konzerns Hitachi. Die Technik wird für die Digitalisierung der Leit- und Sicherungstechnik der Bahn im Großraum Stuttgart benötigt.

Verschiebung von S21-Eröffnung: Probleme bei Digitalisierung?

Die Bahn wollte die Verschiebung bislang nicht bestätigen. Sie verwies auf die nächste Sitzung des Aufsichtsrats am 10. Dezember. Nur dieser könne final entscheiden. Schriftlich heißt es von der Bahn allerdings: "Wir hatten bereits im September im Aufsichtsrat und im Oktober im Lenkungskreis darüber informiert, dass für das Inbetriebnahmekonzept für das Pilotprojekt Digitaler Knoten Stuttgart (DKS) und Stuttgart 21 weiterhin Terminrisiken bestehen."

Nun hätten sich diese "in einer so bisher nicht vorhersehbaren Dimension erhärtet" und würden vom Aufsichtsrat bewertet. Weiter heißt es: "Bitte haben Sie Verständnis dafür, dass wir der Diskussion dort nicht vorgreifen wollen."

Zuletzt war eine Teil-Eröffnung im Dezember 2026 geplant

Im Juli hatte die Bahn noch angekündigt, Stuttgart 21 im Dezember 2026 zumindest teilweise in Betrieb nehmen zu wollen. Der Fernverkehr und ein Teil des Regionalverkehrs sollten ab dann in den neuen Tiefbahnhof fahren, ein Teil des Regionalverkehrs dagegen bis Juli 2027 weiter im alten oberirdischen Kopfbahnhof enden, wie die Bahn damals mitteilte.

Verkehrsminister Hermann: "Fatale Nachricht für die Fahrgäste"

Die erneute Verschiebung von Stuttgart 21 ist aus Sicht von BW-Verkehrsminister Winfried Hermann (Grüne) eine fatale Nachricht für die Fahrgäste. Die Fahrgäste ächzten seit Jahren unter den Folgen der Großbaustelle und es sei einfach kein Ende des angeblich 'best geplanten' Bauprojekts absehbar, zitiert das baden-württembergische Verkehrsministerium den Minister: "Das letzte bisschen Vertrauen in die Bahn wird mit dieser Ankündigung verspielt."

Es bestätige sich abermals, dass die Bahn politisch in ein unfassbar kompliziertes und teures Mega-Projekt getrieben worden sei. Stuttgart 21 zeige seit Jahren ein Muster: "Die Deutsche Bahn vertröstet, beschönigt, verzögert und die Kosten steigen", so der Verkehrsminister weiter. Offenbar sei die Bahn mit diesem Großprojekt überfordert. "Wir fordern von der neuen Bahnchefin Evelin Palla echte Transparenz. Wir wollen keine neuen Termine ohne Substanz."

Stuttgart

Projektpartner wollen zeitweise Kombibetrieb Stuttgart 21 wird vorerst nur in Teilen in Betrieb genommen

Ab Dezember 2026 sollen ICE-Züge planmäßig durch den neuen Tiefbahnhof fahren. Der Kopfbahnhof bleibt vorerst weiter in Betrieb. S-Bahn-Fahrgäste müssen mit Einschränkungen rechnen.

Oberbürgermeister von Stuttgart und Ulm verärgert

Stuttgarts Oberbürgermeister Frank Nopper (CDU) nennt die weitere Verzögerung eine "Hiobsbotschaft". Er appellierte am Mittwoch: "Die Deutsche Bahn muss jetzt reinen Tisch machen und offen und ehrlich sagen, was sie realisieren kann und was nicht." Nopper und der Verband Region Stuttgart fordern nun einen Sonderlenkungskreis zu S21.

Ulms Oberbürgermeister Martin Ansbacher (SPD) findet es "höchst bedauerlich", dass viele Bürgerinnen, Bürger und Fahrgäste nun noch länger warten müssten als ohnehin schon. Er erinnerte daran, dass die schnelle Verbindung Ulm-Wendlingen bereits existiere aber noch der Anschluss an den S21-Tiefbahnhof fehle.

Kritik von Pro Bahn, Zustimmung vom VCD

Kritik kommt auch vom Chef des Fahrgastverbands Pro Bahn, Detlef Neuß. In der "Rheinischen Post" (Donnerstagsausgabe) wird er zitiert: "Das ist eine Riesen-Blamage. Die Verschiebung schadet erneut dem Image der Bahn." Weil der Tiefbahnhof nicht wie geplant im Dezember 2026 zumindest teilweise öffne, "wird das wieder jede Menge Geld kosten, das woanders bei der Bahn fehlen wird", so der Pro Bahn-Chef weiter.

Der ökologische Verkehrsclub Baden-Württemberg (VCD) hat die weitere Verschiebung des Eröffnungstermins hingegen begrüßt. Für die Inbetriebnahme des Projekts Stuttgart 21 müsse ein stabiler und zuverlässiger Bahnbetrieb Vorrang haben, schreibt der VCD. "Da offenbar Gründe für eine Absage der Eröffnung des neuen Bahnhofs vorliegen, begrüßen wir die Entscheidung." Doch Gero Treuner, bahnpolitischer Sprecher des VCD kritisiert, dass die Entscheidung zu spät komme.

Eröffnung von S21 Tiefbahnhof hat europaweite Auswirkungen

Bahnexperte Hans Leister von "Zukunft Schiene" geht davon aus, dass die Eröffnung um mindestens ein Jahr verschoben wird - also frühestens zum Fahrplanwechsel im Dezember 2027. Denn die Rahmenverträge mit anderen Verkehrsunternehmen, wie FlixTrain oder dem österreichischen Bahnunternehmen ÖBB, werden ebenfalls zum Fahrplanwechsel geschlossen.

Wenn der neue Tiefbahnhof von Stuttgart 21 an den Start geht, "wird das ein sehr großer Fahrplanwechsel mit europaweiten Auswirkungen", so Leister. Er sagte dem SWR, es ehre die neue Bahnchefin Palla fast, dass sie nun die Reißleine gezogen habe. Denn die DB könnte sich schadensersatzpflichtig machen, wenn später nachgewiesen werden könnte, dass sie schon vorher wusste, dass sie den Eröffnungstermin nicht einhalten kann.

S21: Inbetriebnahme bereits mehrfach verschoben 

Am Tiefbahnhof wird bereits seit 2010 gebaut. Die geplante Inbetriebnahme war mehrfach verschoben worden - zuletzt auf Dezember 2026. Bei Abschluss der Finanzierungsvereinbarung im Jahr 2009 war man von einer Eröffnung 2019 ausgegangen. Für die mehrfache Verschiebungen gibt es laut Bahn mehrere Gründe: Klagen gegen das Projekt und geänderte Auflagen etwa beim Brandschutz. Weitere Faktoren für die Verzögerungen seien der "geologisch anspruchsvolle Untergrund im Stuttgarter Stadtgebiet" oder aufwendige Genehmigungsverfahren durch geänderte Gesetze beim Artenschutz gewesen.

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Frieder Kümmerer
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Magdalena Haupt
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