Hitze, Hunderte Kinder im Wasser, dazu Stress, Streit und Sekundenschnelle Entscheidungen: Wenn im Bergbad Giengen über 4.000 Menschen Abkühlung suchen, hängt ihre Sicherheit an wenigen Augenpaaren. Bademeister Vitalij Buchholz muss dann erkennen, ob ein Kind nur spielt - oder gerade zu ertrinken droht. Wie behält er in diesem Chaos die Nerven?
Hochbetrieb im Bergbad: Viel zu tun für den Bademeister
Vitalij Buchholz steht am Beckenrand, sein Blick wandert ununterbrochen: vom Sprungturm zur Rutsche, weiter zu den Schwimmerbahnen und wieder zurück. "An heißen Tagen wuselt es hier richtig", sagt der Bademeister. Seit 18 Jahren arbeitet er im Bergbad in Giengen - und kennt jeden Winkel, jede typische Gefahrensituation.
An heißen Tagen wuselt es hier richtig.
"Wir haben hier im Bergbad Glück", sagt Buchholz. An Spitzentagen unterstützen ihn die Ortsgruppe der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG) und das Deutschen Roten Kreuzes (DRK). Bei über 4.000 Badegästen täglich sei das eine große Hilfe. So könnten er und seine Schwimmmeister-Kollegen sich auf das Wesentliche konzentrieren: die Wasseraufsicht.
Trotz Unterstützung sei die Belastung an heißen Tagen hoch. "Wir sind viele Stunden in der Sonne, es ist laut und alles etwas chaotischer", sagt Buchholz. Trotzdem habe er in all den Jahren noch nie das Gefühl gehabt, die Situation nicht mehr unter Kontrolle zu haben. Einen Einlassstopp oder gar eine Schließung, wie sie andere Bäder an Extremtagen schon verhängen mussten, hat es in Giengen bislang nicht gegeben. Für Buchholz steht fest: Entscheidend ist nicht nur die Zahl der Gäste - entscheidend ist, ob genug Personal vor Ort ist.
Wenn der Streit am Beckenrand eskaliert
Wo viele Menschen aufeinandertreffen, gibt es auch Konfliktpotenzial. Je voller das Bergbad ist, desto häufiger muss der Bademeister eingreifen. Erst kürzlich gerieten zwei Väter am Babyplanschbecken aneinander, erzählt Buchholz. Aus einem Wortgefecht wurde eine handfeste Auseinandersetzung. "Wenn es um ihre Kinder geht, verstehen Eltern keinen Spaß", sagt er. Mehrmals am Tag müsse er mit Müttern und Vätern das Gespräch suchen.
Wenn es um ihre Kinder geht, verstehen Eltern keinen Spaß.
Am Sprungturm wird gedrängelt, an der gelben Rutsche halten Kinder keinen Abstand, im Nichtschwimmerbecken springt ein kleiner Badegast immer wieder unerlaubt vom Beckenrand. Situationen wie diese gehören für ihn zum Alltag. "Das Wichtigste ist dann, Ruhe zu bewahren", betont Buchholz. Sein Job sei es nicht nur, Regeln durchzusetzen, sondern auch zu erklären, warum es diese Regeln gibt.
"Wir Bademeister leisten dann viel Aufklärungsarbeit." Diese werde mal mehr, mal weniger gut angenommen. Halten sich Kinder oder Jugendliche nach mehrmaligem Ermahnen nicht an die Regeln, verhängt der Bademeister schon einmal eine einstündige Badepause. Eltern zeigen sich dann oft uneinsichtig und fordern sogar ihr Eintrittsgeld zurück. "Wir haben aber nun mal Baderegeln, und an die müssen sich alle Gäste halten", erklärt Buchholz. Buchholz wünscht sich von den Badegästen mehr Rücksicht.
Wir haben aber nun mal Baderegeln, und an die müssen sich alle Gäste halten.
Seit Kurzem unterstützt ein Sicherheitsdienst das Team. Immer wieder versuchen Leute, über den Zaun ins Bad zu klettern oder trinken zu viel Alkohol. Der Sicherheitsdienst greift ein - und verweist im Ernstfall Gäste des Bades. Für Buchholz eine spürbare Entlastung im Alltag.
Freibad: Kinder im Wasser - Eltern in der Verantwortung
Ein Thema, das den Bademeister besonders beschäftigt, sind Kinder im Wasser. Vitalij Buchholz beobachtet immer wieder, dass Eltern ihren Nachwuchs nicht ausreichend im Blick haben. "Auch ein Babyplanschbecken mit nur 20 Zentimetern Wassertiefe ist gefährlich", mahnt er. Trotzdem liegen Mütter und Väter häufig einige Meter entfernt oder schauen aufs Handy.
Je mehr Menschen im Wasser sind, desto unübersichtlicher wird die Situation auch für die Bademeister. Besonders schwierig sei es, wenn Kinder mit Taucherbrille und Schnorchel unterwegs sind. "Die liegen dann ganz ruhig im Wasser und schauen auf den Boden", erzählt Buchholz. Schnelles Handeln sei dann wichtig, da nicht sofort erkennbar sei, ob ein Kind nur taucht oder möglicherweise bewusstlos ist. Dann zählt jede Sekunde.
Buchholz appelliert daher an die Eltern: An heißen und vollen Tagen könne man sich nicht darauf verlassen, dass der Bademeister jederzeit alles im Blick habe. In erster Linie seien die Eltern für ihre Kinder verantwortlich.
"Mein Job ist mehr als nur am Beckenrand zu stehen"
Eigentlich hat Vitalij Buchholz Metallbauer gelernt. Nach seiner Ausbildung arbeitete er zunächst übergangsweise als Rettungsschwimmer im Giengener Bergbad, um Geld zu verdienen. Doch aus der Übergangslösung wurde mehr. Die Arbeit im Freibad gefiel ihm so gut, dass er die Weiterbildung zum Fachangestellten für Bäderbetriebe absolvierte.
"Ich mag meinen Job", sagt der 37-Jährige. "Ich kümmere mich nicht nur um die Wasseraufsicht, sondern auch um die Technik, kontrolliere die Wasserqualität und leiste im Notfall Erste Hilfe." Der Beruf sei deutlich vielseitiger, als viele denken. "Es steckt viel mehr dahinter, als nur am Beckenrand zu stehen."