Datenanalyse von Umzugsbewegungen

Warum junge Familien aus Baden-Württembergs Städten fliehen

Stand

Von Autor/in David Wünschel, Max Köhler, SWR Data Lab

Julia Schaaf ist selbständige Architektin und Maklerin, und als solche kennt sie sich mit dem Wohnungsmarkt gut aus. Vor der Pandemie lebte die 40-Jährige in einer, nach eigenen Angaben, wunderbaren Wohnung: drei Zimmer am Stuttgarter Stadtrand, am Ende einer Sackgasse, ruhig, grün, nicht allzu weit vom Stadtzentrum entfernt.

Dann zog ihr Partner zu ihr, die beiden bekamen eine Tochter. Schaaf arbeitete viel im Homeoffice, die Wohnung wurde zu klein. Also suchte sie in Stuttgart nach einem bezahlbaren Haus. Sie schaltete Anzeigen, verteilte Flyer - und fand nichts. "Wir zählen finanziell zur gehobenen Mittelschicht", sagt Schaaf. "Aber alle adäquaten Häuser waren absurd teuer, wir konnten uns keines leisten."

Julia Schaaf
Julia Schaaf ist 2022 gemeinsam mit ihrer Familie von Stuttgart aufs Land gezogen. Privat

Fündig wurde sie schließlich in Weil der Stadt im Landkreis Böblingen, rund 40 Minuten mit dem Auto entfernt. 2022 zog sie mit ihrer Familie in ein Haus direkt am Grünen. Anders als in Stuttgart fand Schaaf für ihre Tochter sofort einen Kindergartenplatz mit Ganztagsbetreuung. Heute könne ihre Tochter allein in die Schule laufen, sagt Schaaf. Der Wald liege vor der Tür und die Gemeinde, die Vereine und Nachbarn hätten sie herzlich aufgenommen. "Wir haben keine Reue. Es war der richtige Schritt."

Das SWR Data Lab hat Umzüge der vergangenen 20 Jahre ausgewertet

Mit ihrer Entscheidung liegen die Schaafs im Trend. Jedes Jahr ziehen in Baden-Württemberg Tausende junge Familien aus der Großstadt ins Grüne. Um das Ausmaß der Stadtflucht zu erfassen, hat das SWR Data Lab innerdeutsche Umzüge der vergangenen 20 Jahre ausgewertet. Berücksichtigt wurden dabei

  • Umzüge über Kreisgrenzen hinweg - also keine Wechsel innerhalb von Großstädten beziehungsweise Kreisen
  • nur deutsche Staatsbürgerinnen und Staatsbürger, weil viele Zugewanderte zunächst in städtischen Aufnahmeeinrichtungen unterkommen und von dort ins Umland ziehen.

Die Ergebnisse zeigen, wie unattraktiv Baden-Württembergs Großstädte für junge Familien geworden sind.

Viele Menschen suchen auf dem Land bezahlbaren Wohnraum

Warum das so ist, weiß Annette Spellerberg. Die Professorin für Stadt- und Regionalsoziologie erforscht an der RPTU Kaiserslautern-Landau, was Menschen aus der Stadt aufs Land treibt. Ruhe, Nähe zum Grünen, bessere Umweltbedingungen, das seien wichtige Gründe. Aber vor allem: bezahlbarer Wohnraum. "Wenn man den Stuttgarter Wohnungsmarkt nimmt, dann ist da im wahrsten Sinne des Wortes ein riesiger Druck im Kessel", sagt Spellerberg.

Das hängt unter anderem mit der Zuwanderung zusammen. Als in den Jahren ab 2015 Hunderttausende nach Deutschland flüchteten, kamen die meisten Ankömmlinge zunächst in Großstädten unter. Obwohl viele Familien fortzogen, wuchsen die Städte, die Mieten stiegen.

Die Infrastruktur sei allerdings nicht in ausreichendem Maße mitgewachsen, sagt Spellerberg: Vielerorts fehle es an Kindertagesstätten, an Parks und Parkplätzen, der Verkehr habe zugenommen. "Das Leben in den Städten ist anstrengender geworden", so Spellerberg. Wer sich nach einem ruhigen, bezahlbaren Eigenheim sehne, ziehe aufs Land.

Die Zuzugsregionen liegen vor den Toren der Großstädte

Welche Regionen von der Stadtflucht profitieren, zeigen die Umzugsdaten deutlich. In folgendem Diagramm sind die jeweils drei größten Abwanderungsströme aus baden-württembergischen Großstädten (2020 bis 2024) von Menschen im typischen Familienalter (unter 18 beziehungsweise 30 bis 49 Jahre) dargestellt.

Aus Mannheim und Heidelberg zieht es die meisten Familien demnach in den Rhein-Neckar-Kreis, aus Pforzheim in den Enzkreis, aus Freiburg in den Landkreis Breisgau-Hochschwarzwald, aus Karlsruhe in den gleichnamigen Landkreis und aus Stuttgart in die Kreise Ludwigsburg, Esslingen und den Rems-Murr-Kreis. Die großen Zuzugsregionen liegen direkt vor den Toren der Großstädte.

Junge Großstadt-Familien suchen also keine Einsamkeit auf dem Land - sie ziehen meist nur ein paar Kilometer weiter in den Speckgürtel. "Dann verliert man seine sozialen Beziehungen nicht", sagt Annette Spellerberg.

Die Wissenschaftlerin sieht in der Stadtflucht vor allem Chancen für die aufnehmenden Regionen. Steigende Kinderzahlen könnten Schulschließungen verhindern und Kitas oder Ganztagsangebote sichern. "Die Infrastrukturen bleiben erhalten und leerstehende Gebäude werden wieder genutzt", so Spellerberg.

Für Familie Schaaf hat sich der Umzug gelohnt

Für die abgebenden Großstädte seien die Folgen hingegen gemischt. Einerseits sorge die Stadtflucht für Entlastung auf dem Wohnungsmarkt. Andererseits steige das Risiko sozialer und ethnischer Entmischung, wenn deutsche Familien wegziehen und Zuwanderer nachrücken.

Für Julia Schaaf, die 2022 gemeinsam mit ihrer Familie aus Stuttgart fortzog, hat sich der Umzug gelohnt. In Weil der Stadt lebt sie in einem Haus, das sie sich in Stuttgart nie hätte leisten können. "Unsere Kreditrate ist deutlich niedriger als die Miete für ein vergleichbares Haus in Stuttgart", sagt Schaaf.

Am Großstadtleben vermisse sie kaum etwas - nur gute Restaurants und einige Freundinnen, die noch in der Stadt wohnen. Spontane Treffen seien zwar seltener geworden, sagt sie, "aber dafür sind sie intensiver".

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