Warum junge Familien aus rheinland-pfälzischen Städten fliehen

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Von Autor/in David Wünschel, Max Köhler, SWR Data Lab

Als das erste Kind auf der Welt war und das zweite in Planung, war für Tina Roensch und ihren Ehemann klar: Wir wollen eine Bleibe, die uns selbst gehört. Die beiden lebten damals in einer schönen Mietwohnung am Trierer Dom, mitten in der Innenstadt. Doch die Wohnung stand nicht zum Verkauf. Also begann das Banker-Paar, nach einer eigenen Immobilie zu suchen. Da beide in der Kindheit längere Schulwege per Bus hatten, wollten sie es für ihre eigenen Kinder bequemer lösen. In der Stadt gab es jedoch keine passenden Optionen.

Fündig wurden sie stattdessen in Schweich, einer Kleinstadt ein paar Kilometer entfernt. In einem Neubaugebiet kauften sie ein Grundstück, planten ein Eigenheim mit Garten und zogen Ende 2014 ein. Weil auch viele andere Familien mit Kindern im ähnlichen Alter dort wohnten, fanden sie schnell Anschluss. Sie trafen sich, machten Straßenfeste, freundeten sich an.

Tina Roensch
Tina Roensch ist 2014 mit ihrer Familie von Trier nach Schweich gezogen.

Heute könnten die Kinder auf der Straße vor dem Haus ein Fußballtor aufstellen, ohne dass sich jemand beschwert, sagt Tina Roensch. In Schweich gebe es viele Geschäfte, Ärzte, ein Schwimmbad, mehrere Schulen und Sportvereine - alles mit dem Rad erreichbar oder mit ausreichend Parkplätzen. "Die Kinder haben ein gutes Umfeld zum Heranwachsen, Schweich hat eine tolle Lage an der Mosel und auch die Infrastruktur passt”, sagt die 48-Jährige. “Wir sind froh, dass wir uns damals so entschieden haben."

Das SWR Data Lab hat Umzüge der vergangenen 20 Jahre ausgewertet

Dass Familien wie die Roenschs die Städte verlassen, ist inzwischen ein breiter Trend. Jedes Jahr ziehen in Rheinland-Pfalz Tausende Familien aus der Großstadt ins Grüne. Um das Ausmaß der Stadtflucht zu erfassen, hat das SWR Data Lab innerdeutsche Umzüge der vergangenen 20 Jahre ausgewertet. Berücksichtigt wurden dabei

  • Umzüge über Kreisgrenzen hinweg - also keine Wechsel innerhalb von Großstädten beziehungsweise Kreisen
  • nur deutsche Staatsbürgerinnen und Staatsbürger, weil viele Zugewanderte zunächst in städtischen Aufnahmeeinrichtungen unterkommen und von dort ins Umland ziehen.

Die Ergebnisse zeigen, wie unattraktiv die rheinland-pfälzischen Großstädte für junge Familien geworden sind.

Viele Menschen suchen auf dem Land bezahlbaren Wohnraum

Warum das so ist, weiß Annette Spellerberg. Die Professorin für Stadt- und Regionalsoziologie erforscht an der RPTU Kaiserslautern-Landau, was Menschen aus der Stadt aufs Land treibt. Ruhe, Nähe zum Grünen, bessere Umweltbedingungen, all das seien wichtige Gründe. Aber vor allem: bezahlbarer Wohnraum. "In den Städten ist es selbst mit zwei überdurchschnittlichen Einkommen kaum noch möglich, sich ein Haus mit Garten zu leisten."

Das hängt unter anderem mit der Zuwanderung zusammen. Als in den Jahren ab 2015 Hunderttausende nach Deutschland flüchteten, kamen die meisten Ankömmlinge zunächst in Großstädten unter. Obwohl viele Familien fortzogen, wuchsen die Städte, die Mieten stiegen.

Die Infrastruktur sei allerdings nicht in ausreichendem Maße mitgewachsen, sagt Spellerberg: Vielerorts fehle es an Kindertagesstätten, an Parks und Parkplätzen, der Verkehr habe zugenommen. "Das Leben in den Städten ist anstrengender geworden", so Spellerberg. Wer sich nach einem ruhigen, bezahlbaren Eigenheim sehne, ziehe aufs Land.

Die Zuzugsregionen liegen vor den Toren der Großstädte

Welche Regionen von der Stadtflucht profitieren, zeigen die Umzugsdaten deutlich. Im folgenden Diagramm sind die jeweils drei größten Abwanderungsströme aus rheinland-pfälzischen Großstädten (2020 bis 2024) von Menschen im typischen Familienalter (unter 18 beziehungsweise 30 bis 49 Jahre) dargestellt.

Aus Mainz zieht es die meisten Familien demnach in den Kreis Mainz-Bingen, aus Trier nach Trier-Saarburg, aus Koblenz nach Mayen-Koblenz, aus Ludwigshafen in den Rhein-Pfalz-Kreis, aus Worms nach Alzey-Worms und aus der Stadt Kaiserslautern in den gleichnamigen Landkreis. Die großen Zuzugsregionen liegen direkt vor den Toren der Großstädte.

Junge Großstadt-Familien suchen also keine Einsamkeit auf dem Land - sie ziehen meist nur ein paar Kilometer weiter in den Speckgürtel. "Dann verliert man seine sozialen Beziehungen nicht", sagt Annette Spellerberg.

Die Wissenschaftlerin sieht in der Stadtflucht vor allem Chancen für die aufnehmenden Regionen. Steigende Kinderzahlen könnten Schulschließungen verhindern und Kitas oder Ganztagsangebote sichern. "Die Infrastrukturen bleiben erhalten und leerstehende Gebäude werden wieder genutzt", so Spellerberg.

Für die abgebenden Großstädte seien die Folgen hingegen gemischt. Einerseits sorge die Stadtflucht für Entlastung auf dem Wohnungsmarkt. Andererseits steige das Risiko sozialer und ethnischer Entmischung, wenn deutsche Familien wegziehen und Zuwanderer nachrücken.

Für Familie Roensch hat sich der Umzug gelohnt

Für Tina Roensch, die 2014 mit ihrer Familie von Trier nach Schweich gezogen ist, hat sich der Umzug gelohnt. Ihre beiden Söhne besuchen inzwischen ein zweigliedriges, familiäres Gymnasium. Sie selbst arbeitet als Vermögensverwalterin, entweder im Büro in Luxemburg oder besucht Kundinnen und Kunden vor Ort - von Schweich aus mit guter Anbindung an die Autobahn. Auch ihr Mann erreicht seinen Arbeitsplatz in einem Nachbarort schnell mit dem Auto.

Am Großstadtleben vermisse sie am ehesten die größere Auswahl an Restaurants, sagt sie. In ein paar Jahren, wenn ihre Söhne eigene Wege gehen, möchten sie und ihr Mann vielleicht noch einmal umziehen. Ob es dann zurück in die Stadt geht, oder noch weiter weg von Trier, vielleicht in die Berge - das sei noch offen, sagt Tina Roensch.

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