Eine Großstadtwohnung, die am Gasnetz hängt, ein Einfamilienhaus, das Fernwärme aus einem Kohlekraftwerk bezieht, ein Hof auf dem Land mit Ölheizung im Keller: Aktuell heizt Baden-Württemberg noch größtenteils fossil. Doch damit das Land bis 2040 klimaneutral werden kann, muss die Wärme in den Heizungen aus erneuerbaren Quellen kommen.
Die Wärmewende ist ein Mammutprojekt, bei dem es um aufgerissene Straßen, sehr viel Geld und die eigenen vier Wände geht. Der SWR und CORRECTIV haben monatelang dazu recherchiert, wie sie gelingen kann. Dabei zeigt sich: Überall im Land arbeiten Kommunen und Stadtwerke auf dasselbe Ziel hin. Doch alle kämpfen mit unterschiedlichen Voraussetzungen. Stuttgart, Lörrach und Vaihingen an der Enz zeigen beispielhaft, vor welchen Herausforderungen Baden-Württemberg bei der Wärmewende steht.
Fernwärme in Stuttgart: Mehr, aber trotzdem zu wenig?
Stuttgart hat so hohen Zeitdruck beim Umbau der Wärmeversorgung wie nur wenige andere Städte im Land. Denn die Stadt will schon 2035 klimaneutral sein. Wie das gelingen soll, zeigt der Stuttgarter Wärmeplan. Städte und Gemeinden müssen in diesen Plänen ihren Weg zur klimaneutralen Wärmeversorgung beschreiben. Außerdem sollen die Pläne Hauseigentümerinnen und -eigentümern zeigen, wo Wärmenetze ausgebaut werden und wo sie sich selbst um eine klimaneutrale Heizung kümmern müssen.
Nach dem Stuttgarter Wärmeplan sollen Wärmenetze, also Fern- und Nahwärme, künftig mehr als die Hälfte des Wärmebedarfs decken – statt bisher ein Viertel. Wärmenetze gelten vor allem in dicht besiedelten Gebieten, in denen kein Platz für private Wärmepumpen ist, als Zukunftshoffnung für klimaneutrales Heizen. Denn sie können viele Gebäude gleichzeitig mit Wärme aus einer großen grünen Energiequelle beliefern.
Umweltverbände: Zu wenig Fernwärme
Neben dem KUS kritisieren auch weitere Umweltverbände und die Stuttgarter SPD-Fraktion: Die Stadt plane insgesamt zu wenig mit Fernwärme, die Umsetzung sei zu langsam und unverbindlich.
Stuttgart steht laut dem Wärmeplan beim Ausbau der Wärmenetze vor besonderen Herausforderungen: Die vielen Hanglagen beschränkten den Ausbau, Teile der Stadt sind Heilquellenschutzgebiete, andere liegen auf bis zu 550 Metern. Das erschwere den Bau von Wärmenetzen oder mache ihn unmöglich.
Von Kohle, Gas und Öl hin zu grünen Energiequellen
Die Bedingungen vor Ort beeinflussen auch, woher die Wärme für die Netze kommt. Die baden-württembergischen Kommunen untersuchen bei ihrer Wärmeplanung, wo Wärme aus Flüssen, aus dem Erdboden und aus der Industrie genutzt werden kann. Denn damit neue und bestehende Wärmenetze überhaupt klimaneutral sind, müssen sie mit erneuerbaren Energieträgern oder mit Abwärme, zum Beispiel aus Rechenzentren oder Fabriken, betrieben werden.
Aktuell kommt der Großteil der Stuttgarter Fernwärme laut dem 2023 veröffentlichten Wärmeplan aus Abfall, Erdgas und Kohle. In Zukunft setzt die Stadt weiterhin auf unvermeidbare Abwärme aus der Müllverbrennung. Außerdem soll Wasserstoff das Gas in den Wärmenetzen ersetzen. 2040 sollen 44 Prozent der Fernwärme daraus gewonnen werden. Mit anderen erneuerbaren wird in kleinerer Menge geplant, denn in dicht besiedelten Städten wie Stuttgart gebe es kaum freie Flächen, um erneuerbare Energiequellen wie Geothermie zu nutzen, so ein Sprecher der Stadt.
Lörrach denkt über Stadtgrenzen hinaus
Dichte Bebauung, hoher Wärmebedarf, wenig Platz: Die Stadt Lörrach an der Schweizer Grenze steht vor ähnlichen Herausforderungen wie Stuttgart.
Ursprünglich hatte die Stadt geplant, ihren Wärmebedarf bis 2040 zu 61 Prozent aus Wärmenetzen zu decken. Inzwischen habe sich gezeigt, dass nur ein Teil davon tatsächlich realisierbar sei, so Staub-Abt. Die Stadt rechne nur noch mit einem Wärmenetz-Anteil von 45 Prozent.
Das Beispiel zeigt: Die Pläne sind eben erstmal nur Pläne. Manchmal gehen sie auf, an manchen Stellen muss nachgebessert werden. So kann es sein, dass sich Hausbesitzerinnen und Hausbesitzer in Gebieten, in denen der Wärmeplan den Anschluss an Fernwärme vorsieht, am Ende doch um eine Wärmepumpe kümmern müssen. Spätestens alle sieben Jahre müssen die Kommunen laut Gesetz ihre Pläne überarbeiten.
Vaihingen an der Enz setzt auf Wärmepumpen
Planungssicherheit herrscht vor allem dort, wo keine Wärmenetze vorgesehen sind. Denn hier ist klar, dass Eigentümerinnen und Eigentümer sich meist selbst um eine klimaneutrale Wärmeversorgung kümmern müssen. Rund ein Drittel des Wärmebedarfs soll in den Kommunen 2040 insgesamt über private Wärmepumpen gedeckt werden. In einigen kleineren Gemeinden und Städten liegt der Anteil deutlich darüber. So auch in Vaihingen an der Enz, mit 56 Prozent. Mit Wärmenetzen wird dagegen weniger geplant als in den größeren Städten Lörrach und Stuttgart. Das Vaihinger Stadtgebiet besteht aus der Kernstadt und acht umliegenden Teilorten.
Pläne der Kommunen "sehr ambitioniert"
Die Planungen der drei Kommunen zeigen die Herausforderungen, mit denen sich überall im Land Behörden, Stadtwerke und Planungsbüros auseinandersetzen müssen. Bis Anfang Oktober hatten bereits 290 Kommunen in Baden-Württemberg einen Wärmeplan erstellt, 370 arbeiten daran, 441 haben noch nicht mit der Planung begonnen.
Die bisherigen Ergebnisse seien "sehr ambitioniert", so das Fazit einer Studie des Instituts für Energie- und Umweltforschung Heidelberg. Bund, Land und Kommunen müssten viele Ressourcen investieren, um die Pläne zu realisieren, schreiben die Autoren.
An den Erfahrungen, die baden-württembergische Kommunen bei der Planung gesammelt haben, können sich Kommunen bundesweit orientieren. Denn in den meisten anderen Bundesländern müssen größere Städte kommendes Jahr, kleinere Gemeinden erst 2028 Pläne für die klimaneutrale Wärmeversorgung vorlegen.
Der SWR eröffnet zusammen mit der Rechercheplattform CORRECTIV am 14. Oktober ein PopUp Studio in Stuttgart. Eine gute Woche lang geht es um Fragen, Erfahrungen und Diskussionen rund um die Themen Wärmewende, Heizung und Heizen. Weitere PopUp Studios eröffnen Ende Oktober und Anfang November in Vaihingen an der Enz (Kreis Ludwigsburg) und Lörrach. Weitere Infos finden Sie hier.
Rege Online-Beteiligung und viele Veranstaltungen in den PopUp Studios PopUp Studio in Lörrach zum Thema Heizen und Wärmewende
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