Nicht als Investition in Immobilien, sondern als Lösung für Personalprobleme: Mehrere kleine und mittlere Unternehmen in Tübingen lassen für ihre Beschäftigten Wohnungen bauen. Denn nicht nur hier, auch Firmen und Behörden in anderen beliebten Städten wissen kaum noch, wie sie neuen Mitarbeitern in mittleren oder niedrigen Gehaltsgruppen bei der Wohnungssuche helfen können. Nach Angaben des Bundesbauministeriums erschwert der Mangel an bezahlbarem Wohnraum in vielen Regionen die schnelle Einstellung von Auszubildenden und Fachkräften. Deshalb fördert der Staat den Wohnungsbau für Mitarbeitende.
Metzger, Händler und Architekten werden zu Bauherren
Auch in der Unistadt Tübingen sind günstige Apartments ein Sechser im Lotto. Ein gutes Dutzend Unternehmer aus unterschiedlichen Branchen - Architektur, Buchhandel, Gebäudereinigung, Recyclingwirtschaft, IT-Support - hat deshalb dort beschlossen das Problem ganz konkret anzugehen. Sie bauen zusammen bezahlbaren Wohnraum für Mitarbeitende. Der Spatenstich für das Projekt ist am 20. Juni. Bis Anfang 2027 soll das Apartmenthaus bereits fertig werden.
Einer der beteiligten Unternehmer ist Bernhard Klein. Er ist Geschäftsführer einer Groß-Metzgerei mit 340 Beschäftigten in 29 Filialen. Regelmäßig sucht er Nachwuchs vor allem im Ausland. Dabei taucht immer häufiger das Wohnungsproblem auf.
Wir holen uns Azubis aus dem Ausland, die müssen wir aber unterbringen und in Tübingen ist Wohnraum sehr teuer und sehr schwer zu finden.
Bernhard Klein und rund ein Dutzend anderer Unternehmer und Privatpersonen werden jetzt selbst Vermieter: Geplant sind 69 Apartments in der Tübinger Südstadt an der Marienburger Straße. Kostenpunkt 13 Millionen Euro. Rentabel wird das Projekt dank sechs Millionen Euro Fördermittel vom Land.
Einzigartiges Bündnis für Werkswohnungen
Der Tübinger Architekt Thomas Gauggel hat das Großprojekt von Beginn an begleitet. Er lobt es auch als "einzigartig" und hofft, dass es Nachahmer findet. Allerdings seien dazu auch Unterstützer wichtig - wie etwa eine hilfsbereite, innovative Stadtverwaltung.
Warum es nicht alle so machen? (..) Es hat sicher mit einer Förderlandschaft zu tun. Es hat aber auch mit der Bereitschaft einer Stadtverwaltung zu tun, Grundstücke mal ein Jahr zu reservieren, damit man in Ruhe ein Projekt entwickeln, aufsetzen kann.
Mehr Aufwand für bezahlbaren Wohnraum
In Tübingen hat die Stadt mitgezogen und die Initiative übernommen. Für die Stadt sei das zwar ein großer Verwaltungsaufwand, sagt Baubürgermeister Cord Soehlke (parteilos). Es lohne sich aber für bezahlbaren Wohnraum. Soehlke ist davon überzeugt, dass Kommunen einen Aufwand betreiben müssen, um das Wohnungsproblem in den Griff zu kriegen.
Ich halte Wohnen für eine der ganz großen sozialen Fragen unserer Zeit. Ich glaube, dass es einen Einfluss auf ganz viele andere gesellschaftliche Themen hat. Deshalb glaube ich auch, dass es sich jede Minute lohnt, die wir da reingesteckt haben.
Miete muss lange unter normalen Niveau liegen
Die Miete in den Wohnungen muss für 40 Jahre deutlich unter dem normalen Mietniveau liegen. Das ist eine Bedingung für die Förderung. Für die beteiligten Bauherren ist dies ein guter Kompromiss. So kann Bernhard Klein seine Azubis aus Marokko, Algerien, Zimbabwe oder Vietnam auch vor Ort in Tübingen unterbringen. Der Geschäftsführer der Großmetzgerei musste nicht lange überlegen, als er gefragt wurde, ob er bei dem Bauprojekt mitmachen will.
Das ist genau die Lösung für ein Problem, das ich akut jetzt gerade habe. Das war so eine Entscheidung von zehn Minuten zu sagen, da sind wir mit dabei und da machen wir mit.
Weiterer Rückgang zum Vorjahr Immer weniger neue Wohnungen in Baden-Württemberg
In Baden-Württemberg sind vergangenes Jahr knapp 25.000 neue Wohnungen gebaut worden. Dies ist ein enormer Rückgang vor allem bei sozialen Mietwohnungen, so der Branchenverband.
IW-Studie: Mitarbeiterwohnungen können beim Kampf um Fachkräfte helfen
Eine Firmen-Befragung des Instituts der Deutschen Wirtschaft (IW) im Sommer 2025 ergab: Rund neun Prozent der Unternehmen stellen ihren Beschäftigten direkt Wohnraum zur Verfügung, weitere 21 Prozent unterstützen indirekt - etwa durch interne Wohnungsbörsen oder auch die Übernahme von Maklerkosten.
Noch besser sei aber der Wohnungsbau auf Betriebsgrundstücken - etwa auf Industrieflächen oder in leerstehenden Bürogebäuden. So könnte neuer Wohnraum geschaffen werden, ohne andere Wohnungssuchende zu verdrängen: Im Wettbewerb um qualifizierte Fachkräfte können Mitarbeiterwohnungen ein entscheidender Standortvorteil sein, meinen die IW-Experten.