Zwei Frauen aus BW erzählen

Weltfrauentag: Zwischen Care-Arbeit, Gender-Pay-Gap und Tradwife-Trend

Frauen leisten mehr im Haushalt, betreuen häufiger die Kinder aber verdienen im Job weniger als Männer. Zwei Mütter über ihren unterschiedlichen Blick auf Familie und Karriere.

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Von Autor/in Daniel Jacob

Wenn die Achtjährige Leonie von der Schule nach Hause kommt, kann sie das frisch gekochte Essen bereits riechen. "Habt ihr denn Hunger eigentlich?", fragt ihre Mutter Vera Maurer und blickt in die leuchtenden Augen von Leonie und ihrem vier Jahre jüngeren Bruder Julian. Der Alltag von Vera Maurer aus Waldenbuch (Kreis Böblingen): Sie bereitet ihren Kindern ein warmes Essen zu, spielt mit ihnen, hilft bei den Hausaufgaben.

Vor den Kindern sah ihr Alltag ganz anders aus. "Ich hätte nie gedacht, dass ich so ein Leben führen würde - jemals", sagt die ehemalige Rettungssanitäterin. 17 Jahre lang war sie mit Blaulicht im Einsatz, zuletzt als Notfallsanitäterin. Ihren Beruf mochte sie - doch der Familie zuliebe traf sie gemeinsam mit ihrem Mann die Entscheidung, den Job aufzugeben.

Karriere und Familie - wie geht das? So managt Anna-Maria Rock das Leben als dreifache Mutter und erfolgreiche Eventplanerin:

Die ganze Sendung "Zur Sache Baden-Württemberg" vor dem Weltfrauentag am 8. März hier zum Nachschauen.

Karriere und Kinder: Die Großeltern springen ein

Zur Mittagszeit kocht es auch bei Petra Furtner-Althaus in Elzach (Kreis Emmendingen) in den Töpfen. Enkel und Töchter freuen sich, besonders Tochter Anna-Maria Rock, die als selbstständige Hochzeits- und Eventplanerin nach der Geburt des ersten Kindes wieder früh in den Beruf einstieg. "Als ich die erste Tochter bekommen hab, war für meinen Mann klar: Seine Welt läuft weiter, er arbeitet. Und ich war dann so: Hey, hallo? Ich arbeite auch!", erinnert sie sich.

Die Großeltern springen ein, wenn es nötig ist - mit warmem Essen und Betreuung an mehreren Tagen die Woche. Anna-Maria Rock und ihr Mann teilen sich die Verantwortung für Familie und Karriere gleichberechtigt. So ausgeglichen, wie in ihrer Familie läuft es längst nicht überall. Tatsächlich zeigen die Zahlen, dass die Last von Haushalt und Kinderbetreuung in Deutschland noch immer ungleich verteilt ist.

Frauen leisten mehr Care-Arbeit - und verdienen im Job weniger

Bei Paaren in Deutschland, die angeben die Verantwortung für Haushalt und Kinder weitestgehend gleich aufzuteilen, gibt es große Unterschiede beim tatsächlichen Zeitaufwand. Frauen leisten im Schnitt 10,6 Stunden pro Woche für den Haushalt - Männer lediglich 6,7 Stunden. Zudem kümmern sich Frauen im Durchschnitt rund 27,5 Stunden pro Woche um die Kinderbetreuung, das sind zehn Stunden mehr als Männer. Ein Grund, warum Frauen weniger arbeiten, ist die unzureichende Versorgung mit Kita-Plätzen. Allein in Baden-Württemberg fehlen über 45.000 Betreuungsplätze für Kinder unter drei Jahren.

Sind Frauen in Baden-Württemberg berufstätig, verdienen sie im Schnitt 22 Prozent weniger als Männer, unter anderem, weil sie häufiger in schlechter bezahlten Branchen arbeiten. Doch selbst bei vergleichbaren Positionen bleibt ein Unterschied bestehen: In Baden-Württemberg liegt die Einkommenslücke in diesen Fällen bei sechs Prozent.

Ein aktuelles Beispiel aus der Wissenschaft im Land zeigt: Trotz einheitlicher Besoldungsstufen verdienen Professorinnen an Universitäten in Baden-Württemberg im Schnitt weniger als ihre männlichen Kollegen. Laut einer Untersuchung des Wissenschaftsministeriums beträgt der geschlechtsspezifische Unterschied 5,7 Prozent oder 523 Euro - bezogen auf ein sogenanntes W3-Gehalt von rund 9.000 Euro monatlich. Der Grund: Männer profitieren stärker von Zulagen, etwa für zusätzliche Funktionen an der Universität oder das Einwerben von Drittmitteln.

Männer halten Bemühungen um Gleichberechtigung eher für ausreichend

Obwohl die Zahlen weiterhin deutliche Unterschiede zwischen den Geschlechtern zeigen, nehmen viele Deutsche Fortschritte in der Gleichstellung wahr. Eine Studie des Markt- und Meinungsforschungsinstituts Ipsos zeigt: Während 2019 nur ein Drittel der Meinung war, dass genug für die Gleichberechtigung von Frauen und Männern getan werde, sieht das fünf Jahre später bereits die Hälfte der Befragten so.

Doch die Wahrnehmung hängt hier maßgeblich vom Geschlecht ab: Sechs von zehn Männern halten die Bemühungen in Sachen Gleichberechtigung inzwischen für ausreichend, während nur 38 Prozent der Frauen dieser Ansicht sind. Fast die Hälfte der Männer glaubt sogar, dass die Förderung der Gleichstellung mittlerweile so weit fortgeschritten ist, dass sie selbst benachteiligt werden. Dieser Aussage stimmen wiederum nur 29 Prozent der Frauen zu.

Die Studie zeigt außerdem, dass vor allem jüngere Generationen zu einem traditionelleren Rollenverständnis tendieren: Mehr als ein Drittel der Millennials (Jahrgänge 1980-1995) findet es demnach unmännlich, wenn ein Mann zu Hause bleibt und sich um die Kinder kümmert. In der jüngeren Gen Z (Jahrgänge 1996-2012) stimmt immer noch mehr als jeder und jede Vierte dieser Aussage zu. Und laut Shell-Jugendstudie 2024 wünscht sich sogar jeder zweite Jugendliche eine eher traditionelle Aufteilung der Erwerbsarbeit mit dem Mann als Allein- oder Hauptverdiener.

Social Media: Tradwife-Phänomen aus den USA

Eine Entwicklung, die sich auch auf Social Media widerspiegelt, durch sogenannte Tradwives. Hinter dem aus den USA stammenden Phänomen verbergen sich oft junge Influencerinnen, die es als erstrebenswert darstellen, sich um Haus und Familie zu kümmern. Mit ihren Inhalten sammeln sie Tausende Follower auf Instagram und TikTok.

Auch Anna-Maria Rock aus Elzach kennt den Trend - und steht ihm genauso skeptisch gegenüber wie der Vorstellung, dass die Gleichberechtigung von Frauen und Männern bereits erreicht sei. "Rein durch Kindergarten und Schule würde ich diese Arbeitskraft, die ich hier für die Wirtschaft einbringe, nicht stemmen können", erklärt die Hochzeitsplanerin. Sie ist froh durch ihre Familie den notwendigen Rückhalt für die Kinderbetreuung zu haben. Wenn bald wieder die Hochzeitsaison startet, hat ihre Arbeitswoche auch mal mehr als 40 Stunden.

Eine Frau sitzt an einem Schreibtisch mit Smartphone und Tastatur und schreibt auf einen Zettel auf einem Klemmbrett. Anna-Maria Rock ist selbstständige Hochtzeitsplaner und hat drei Kinder.
Anna-Maria Brock und ihr Mann teilen sich Zeit für Karriere und Familie gleichberechtigt auf. Ohne die Hilfe der Großeltern wäre das häufig nicht möglich.

Als Tradwife inszeniert sich Vera Maurer aus Waldenbuch auf Sozialen Medien nicht. Ihre Entscheidung, zu Hause für die Kinder zu sorgen, sei das Ergebnis einer glücklichen Kindheitserfahrung. "Es war schön zu wissen, dass ich nach der Schule nach Hause komme und die Tür geht auf - und Mama ist da", erzählt sie. Diese Erfahrung teilt sie mit ihrem Mann, der es genauso empfand. Sie betrachtet es als Vorteil, dass die Familie es sich leisten kann, auf ein Gehalt zu verzichten. Und: "Für mich hat das nichts mit Emanzipation zu tun, ob ich zu Hause bin oder nicht."

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