Online-Handel verstopft Autobahnen

Staus, Baustellen, viele Lkw: Wird Verkehr auf den Autobahnen in BW immer langsamer?

Fließt der Verkehr auf den Autobahnen in Baden-Württemberg immer zäher? Expertinnen und Experten ordnen die Verkehrslage ein und erklären, woran das liegt.

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Von Autor/in Hendrik Huber

Staus, Baustellen und immer mehr Lkw auf den Straßen, wird sich daran auf den Autobahnen in Zukunft mal etwas ändern? Alles Wissenswerte hier als FAQ:


Ist der Verkehr auf Autobahnen langsamer geworden?

"2024 haben die Staus auf den baden-württembergischen Autobahnen deutlich zugenommen", sagt Holger Bach, Abteilungsleiter Verkehr und Umwelt beim ADAC Württemberg. Für 2024 verzeichnete der ADAC insgesamt 49.059 Stunden Stau auf den Autobahnen im Land. Das waren 15 Prozent mehr als im Vorjahr (2023: 42.770 Stunden). Auch die Anzahl der Staus auf den baden-württembergischen Autobahnen steigerte sich von 42.841 auf 46.162, ebenso die Staukilometer von 98.452 Kilometer auf 104.135 Kilometer. Ein Sprecher des Bundesverbands Güterkraftverkehr Logistik und Entsorgung (BGL) stimmt dem zu: "Im letzten Jahrzehnt ist der Verkehr auf den Straßen zäher geworden."

Während der Pkw-Verkehrsanteil leicht rückläufig ist, stieg der Lkw-Verkehrsanteil in den letzten Jahren deutlich an. Lkw belasten die Straßen und Brücken jedoch erheblich mehr als Pkw. "Denn ein vollbeladener 40-Tonnen-Lkw verursacht bei einer Überfahrt ungefähr so einen Verschleiß wie 60.000 Autos", sagt Bach vom ADAC. Das erkläre den zunehmenden Sanierungsbedarf. Das Resultat: 16 der am stärksten beschädigten Autobahnbrücken in Deutschland befinden sich in Baden-Württemberg.

Wie viel Zeit kosten Baustellen?

Laut ADAC verursachen Baustellen einen Großteil der Staus auf den deutschen Autobahnen. Exemplarisch zu nennen wäre etwa der Baustellenbereich zwischen Pforzheim-Nord und Pforzheim-Süd (in beiden Fahrtrichtungen). Hier verzeichnete der ADAC für die Jahre 2022 bis 2024 insgesamt eine Staudauer von 16.147 Stunden, also umgerechnet an fast 673 Tagen.

Doch auch Geschwindigkeitsbegrenzungen aufgrund von Brücken- oder Fahrbahnschäden lassen den Verkehr langsamer fließen. "Dies ist eine Maßnahme, um den Zeitraum bis zur Vollsanierung oder bis zum Neubau einer Brücke oder Straßenabschnitts zu strecken. Dadurch reduziert sich die Kapazität und es führt schon Jahre vor der eigentlichen Baumaßnahme zu Behinderungen", sagt Holger Bach.

Welche Umweltbelastung entsteht durch Staus und längere Fahrtzeiten?

Baustellen, Staus oder gar Unfälle lassen den Verkehr zäher fließen, sagt ein Pressesprecher des Bundesverbands Güterkraftverkehr Logistik und Entsorgung (BGL). Die stärksten Auswirkungen werden bei Brückensperrungen spürbar: So wurde beispielsweise die A6 bei Hockenheim wegen Bauarbeiten an einer Brücke voll gesperrt. Das führt zu massiven Rückstaus und großen Umwegen. Vor allem brauche es dann auch zusätzliche Kraftstoffe, was zu höheren Emissionen führe, so der BGL-Pressesprecher. Das Abbremsen und Anfahren in Staus steigere den Spritverbrauch und den CO2-Ausstoß, sagt auch der ADAC.

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Finanzierung von Sanierungen bleibt fraglich

Schlechter Straßenbelag und marode Strecken bremsten den Verkehr aus, sagt ein BGL-Sprecher. Auf der A8 soll deshalb der in die Jahre gekommene und sanierungsbedürftige Albaufstieg mit zwei Brücken und Tunneln aufgewertet werden. Das soll zu mehr Kapazität und weniger Stau auf der Autobahn führen. Doch das Bauvorhaben wankt: Es braucht Finanzierungs- und Planungssicherheit. Seit Januar gilt im Bund die soganannte vorläufige Haushaltsführung. Neue Projekte können nicht ohne Weiteres angestoßen werden. Und über den Haushalt entscheidet der Bundestag erst im September.

Die bundeseigene Autobahn GmbH hat deswegen einen sofortigen Ausschreibungsstopp für das Jahr 2025 verhängt und ruft die Gemeinden dazu auf, Druck auf den Bund zu machen. Bürgerinnen und Bürger der Gemeinden an dem Streckenabschnitt haben in den vergangenen Jahren auch immer wieder demonstriert. Denn bei Staus werden die umliegenden Gemeinden durch den Durchgangsverkehr stark belastet.

Immer mehr Lkw? - Schiff, Luft, Schiene und Landweg im Verhältnis

Luftfracht hat laut einem BGL-Pressesprecher nur einen verschwindend geringen Anteil von etwa einem Prozent am Weltwarenhandel. Der Fokus hierbei liege auf dem interkontinentalen Transportweg, wenn es schnell gehen müsse. Die Binnenschiffahrt ist, ähnlich wie der Zug, ein Massenverkehrsträger, welcher in erster Linie für Roh- und Baustoffe wie Kohle, Erze oder Sand verwendet wird. Lkw seien da "irre teuer im Vergleich", was man anhand der Weizen-Transporte aus der Ukraine gesehen habe, so der BGL-Pressesprecher.

Aufgrund der Energiewende werden per Schiff und Eisenbahn transportierte Massengüter wie Kohle, Ölprodukte oder Eisenerz weniger, sagt ein Sprecher der Deutschen Umwelthilfe. Gleichzeitig müssen laut BGL Kaufmannsgüter und einzelverpackte Sendungen des Online-Handels jedoch schneller und großflächiger per Lkw transportiert werden. "Das Zeug muss schnell transportiert werden, man kann nicht warten, bis der Güterzug in den nächsten drei bis fünf Tagen voll ist", sagt der BGL-Sprecher. Das führe dazu, dass der Transport von Gütern auf dem Landweg, also per Lkw, zunehme. Währenddessen nehme der Transport per Schiff und Eisenbahn ab, sagt der BGL.

Wie steht es um wirtschaftliche Auswirkungen für BW als Standort?

Für das Bundesland Baden-Württemberg sind funktionierende Logistikketten mit seinem hohen Industrieanteil sehr wichtig, sagt Holger Bach vom ADAC. Dafür seien einwandfreie Straßen eine Grundvoraussetzung. Aktuell sei der beste Ansatz, die Kapazitäten auf den Autobahnen effizienter zu nutzen, etwa durch Digitalisierung.

Welche Lösungsansätze gibt es für den Güterverkehr auf Autobahnen?

"Funktionierende Logistik ist das A und O für ein Exportland wie Deutschland", sagt der BGL-Sprecher. Deshalb wäre künftig ein gut funktionierendes, digitiales und intelligentes Verkehrsleitsystem entscheidend. So könne man Staus vermeiden und den Verkehr gut auf Strecken verteilen, die noch frei sind, so der BGL. Beim autonomen Fahren ist der BGL-Sprecher jedoch skeptisch. In fünf bis zehn Jahren wäre ein Szenario denkbar, in dem Lkw-Fahrer auf ausgewählten Streckenabschnitten nicht mehr die Hände am Lenkrad haben.

Die Rolle von Lkw-Fahrerinnen und -Fahrern sei jedoch nicht zu unterschätzen, so der BGL-Sprecher: Der Fahrer fährt nicht nur, sondern bewacht die Ladung, macht Ladungssicherung in der Pause, übergibt die Ladung an den Kunden und kontolliert, dass alles sicher beladen ist. In den Lkw "muss ein Mensch rein, was autonome Fahrsysteme nicht leisten können", sagt der Sprecher.

Unternehmen können besonders in Ballungszentren mit einer Home-Office-Option dazu beitragen, den Berufsverkehr zu reduzieren oder auf die Wochentage besser zu verteilen, sagt ADAC-Experte Holger Bach.

Wie sieht die Zukunft der Autobahnen aus?

Ob es in Zukunft weniger Lkw auf den Autobahnen gibt, hängt laut BGL stark von der wirtschaftlichen Entwicklung ab, denn Güterverkehr ist eine abgeleitete Nachfrage. Bei einem Wirtschaftsaufschwung werde mehr gehandelt und mehr transportiert, was zu mehr Verkehr auf den Autobahnen führe. Der Straßenverkehr habe sich verdoppelt seit den 1990ern, so der BGL-Sprecher. Denn gerade wenn der Online-Handel boomt, ist der Lkw das Hauptverkehrsmittel, um schnell und zuverlässig Waren zu transportieren.

In der Bauphase der nächsten Jahre wird die Situation für alle Verkehrsteilnehmer erst einmal herausfordernder, bevor sie sich hoffentlich schrittweise verbessert.

Laut der Verkehrsprognose des Bundesverkehrsministeriums für 2040 wird der motorisierte Personenindividualverkehr leicht zurückgehen, dafür werden Steigerungen im Radverkehr und auf der Schiene erwartet. Beim Güterverkehr wird sogar von einer deutlichen Steigerung ausgegangen, besonders auf der Straße, gefolgt von der Schiene. Diese Steigerung des Güterverkehrsaufkommens auf der Straße nimmt ein Sprecher der Deutschen Umwelthilfe (DUH) als "alarmierend" wahr: "Sowohl für die Menschen, die straßennah leben, als auch für den Zustand der Infrastruktur." Hier gelte es, alle politischen Hebel in Bewegung zu setzen, damit diese Prognose nicht eintrete und das zunehmende Güterverkehrsaufkommen über die Schiene abgewickelt werden könne, so die DUH.

Bei den Autobahnen, insbesondere an den Brücken, gibt es einen enormen Sanierungsbedarf, sagt der ADAC. Die Situation sei ähnlich wie bei der Bahn: "In der Bauphase der nächsten Jahre wird die Situation für alle Verkehrsteilnehmer erst einmal herausfordernder, bevor sie sich hoffentlich schrittweise verbessert", so Bach vom ADAC. Er sagt: "Daher benötigen alle Beteiligten viel Geduld." Voraussetzung hierfür sei jedoch, dass erst einmal die notwendigen Sanierungen effizient umgesetzt und Finanzmittel zügig bereitgestellt werden.

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