Seit dem 1. April 2024 ist der Anbau und Besitz von Cannabis in Deutschland teilweise legal. Ziel des Konsumcannabisgesetzes (KCanG) war es, den Konsum zu entkriminalisieren, den Schwarzmarkt zurückzudrängen und den Jugendschutz zu stärken. Nun hat das EKOCAN-Projekt, ein Zusammenschluss aus mehreren Forschungseinrichtungen, seinen zweiten Zwischenbericht vorgelegt.
Zwei Jahre nach der Reform: Kein starker Anstieg des Cannabiskonsums
Die Ergebnisse des Berichts zeigen: Der Cannabiskonsum ist durch die Gesetzesänderung offenbar nicht gestiegen: "Wir haben sehr gute Datenreihen über viele Jahre, wo wir das beobachten, wie sich der Cannabiskonsum entwickelt“, erklärt Daniel Kotz, Suchtforscher an der Uniklinik Düsseldorf. Bei Jugendlichen sei der Konsum seit 2019 sogar stetig zurückgegangen. Bei Erwachsenen wächst der Konsum dagegen seit Jahren - seit der Gesetzesänderung aber auch nicht ungewöhnlich stark.
Jugendschutz: Weniger Frühinterventionen, unklare Zuständigkeiten
Jugendliche schätzen laut dem Bericht die Risiken von Cannabis nicht geringer ein als vor der Gesetzesänderung. Trotzdem gibt es neue Herausforderungen. So nehmen Jugendliche weniger sogenannte Frühinterventionsprogramme in Anspruch.
Diese Programme bieten Beratung und Unterstützung bei problematischem Konsum. "Das hängt wahrscheinlich damit zusammen, dass der Cannabiskonsum bei Jugendlichen jetzt nicht mehr bestraft wird und strafverfolgt wird“, erklärt Kotz. Früher wurden Jugendliche oft durch die Staatsanwaltschaft in solche Programme vermittelt - diese Zuweisungen entfallen jetzt oft.
Ein weiteres Problem: Es ist unklar, wer für den Jugendschutz zuständig ist - Polizei, Eltern oder Jugendamt? Für eine Meldung dorthin brauche es mehr, als dass ein Jugendlicher einen Joint raucht, meint Kotz. Die Forschenden fordern deshalb eine bessere Vernetzung und Koordination der beteiligten Stellen, um den Jugendschutz zu stärken.
Mehr legales Gras?
Ein positiver Effekt der Legalisierung ist, dass Cannabis zunehmend aus legalen Quellen stammt. Kriminologe Jörg Kinzig von der Universität Tübingen vermutet auch, dass die legalen Möglichkeiten, an Cannabis zu kommen, den Schwarzmarkt tendenziell zurückdrängen.
Er betont, dass die Justiz durch die Legalisierung teilweise entlastet wurde: "Das sind eben eine große Menge an Strafverfahren, die jetzt wegfallen." Allerdings brauche es Zeit, bis sich die Strafverfolgungsbehörden an die neuen, teils komplexen Vorschriften gewöhnt haben. Dadurch ergebe sich erstmal eine zusätzliche Belastung.
Der Eigenanbau und Anbauvereinigungen spielen laut dem Bericht jedoch bisher eine geringe Rolle bei der legalen Beschaffung von Cannabis. Nur etwa 3,5 Prozent der Konsumierenden beziehen ihr Cannabis aus solchen Clubs.
Vor allem viele junge Erwachsene holen sich Gras demnach auch von Online-Apotheken. Mit bis zu 200 Tonnen verfügbarem Medizinalcannabis pro Jahr sei in Deutschland der größte legal-kommerzielle Cannabismarkt Europas entstanden.
Medizinalcannabis: Ein boomender Markt mit Risiken
Genau das bereitet dem Forschungsteam Sorgen. Plattformen, die den Zugang zu medizinischem Cannabis erleichtern, boomen. "Es ist eben so einfach geworden, sich Cannabis innerhalb von weniger Minuten zu klicken, nach Hause zu schicken und dann natürlich auch zu konsumieren“, erklärt Jakob Manthey, Projektkoordinator am Uniklinikum Hamburg-Eppendorf.
Die Plattformen werben zum Teil aggressiv und mit zweifelhaften Behauptungen über die gesundheitlichen Vorteile von Cannabis, sagt er. Das bereitet Manthey vor allem deshalb Sorgen, weil medizinisches Cannabis oft sehr hoch dosiert sei. Er fordert eine Begrenzung des THC-Gehalts und mehr Investitionen in Forschung.
Baden-Württemberg: Fortschritte und Herausforderungen
Auch in Baden-Württemberg zeigt sich ein gemischtes Bild. Bis Ende 2025 gab es 28 genehmigte Anbauvereinigungen. In 55 Prozent der Kreise des Landes gab es keine einzige Anbauvereinigung. Gemessen an den Einwohnerzahlen ist die Versorgung in Rheinland Pfalz deutlich besser. Diese Versorgungslücken könnten laut Experten dazu führen, dass viele Konsumierende weiterhin auf den Schwarzmarkt zurückgreifen.
"Die bisherigen Fortschritte sind ermutigend, aber es ist klar, dass die Legalisierung nur dann erfolgreich sein kann, wenn die regionalen Versorgungsstrukturen ausgebaut und die bürokratischen Hürden für Anbauvereinigungen gesenkt werden", heißt es im Bericht.
Noch viele offene Fragen
Nach zwei Jahren ist eine abschließende Bewertung der Teillegalisierung nicht möglich. Der Abschlussbericht des EKOCAN-Projekts wird Ende April 2028 erwartet. Klar ist jedoch, dass die Gesetzesänderung sowohl positive als auch problematische Entwicklungen mit sich gebracht hat. Besonders der Jugendschutz, die Rolle von Anbauvereinigungen und der boomende Markt für Medizinalcannabis erfordern weitere Maßnahmen und Forschung.