Geothermie gilt in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz als wichtiger Baustein für die Wärmewende. Sie liefert verlässliche, wetterunabhängige Wärme und kann über Fernwärmenetze Privat-Haushalte und Industrie mit Wärmeenergie versorgen.
- Welches Potenzial hat die Geothermie im Südwesten?
- Welche geologischen Besonderheiten machen Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg zu Top-Regionen für Geothermie?
- Seit wann werden diese Besonderheiten erforscht?
- Welche konkreten Projekte für die industrielle Anwendung der Geothermie sind im SWR-Sendegebiet in Planung?
- Wie groß ist die Gefahr von Erdbeben durch die Nutzung der Geothermie?
- Wie ist die Belastung durch die Nutzung von Geothermie im Vergleich zu anderen Energiequellen einzuschätzen?
Welches Potenzial hat die Geothermie im Südwesten?
Prof. Thomas Kohl, Geothermie-Experte am Karlsruher Institut für Technik, sieht die Geothermie im Südwesten als eine herausragende Energiequelle an: "Das entspräche der Energie für 500.000 Haushalte über dreißig Jahre oder über 250.000 Tankladungen Erdöl. Von daher: eine riesige Energiemenge, die unter unseren Füßen liegt."
Welche geologischen Besonderheiten machen Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg zu Top-Regionen für Geothermie?
Vor allem im Oberrheingraben - etwa von Mainz bis Basel - drängt sich die Nutzung der Geothermie im Südwesten geradezu auf, sagt Andreas Tschauder, Direktor am Landesamt für Geologie und Bergbau Rheinland-Pfalz: "Der Oberrheingraben hat ein besonderes geothermisches Potenzial, weil wir hier in rund 3.000 Metern Tiefe Temperaturen von rund 150 Grad Celsius antreffen. Das hängt einfach mit der speziellen Geologie des Oberrheingrabens zusammen."
Im Oberrheingraben hat sich im Laufe von geologischen Bewegungen eine Bruchstruktur entwickelt. Solides Gestein zerbrach in Schollen zwischen denen hydrothermales Wasser einlagert, das sich mit seinen hohen Temperaturen direkt zur Stromerzeugung oder zur Nutzung der Wärmeenergie eignet.
Seit wann werden diese Besonderheiten erforscht?
Schon in den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts bestätigten Probebohrungen die Existenz von ausgedehnten hydrothermalen Wasserreservoiren im Oberrheingraben. Seit den 80er Jahren liefern seismische Messungen ein genaueres Bild des geologischen Tiefenprofils der Region.
Dazu schicken speziell ausgestattete LKW, sogenannte "Vibro-Trucks", mit hydraulischen Rüttelplatten Schwingungen in die Erdkruste. Empfindliche "Geophone" fangen die Schwingungsechos auf, aus denen per Computer geologische Profile erstellt werden.
Welche konkreten Projekte für die industrielle Anwendung der Geothermie sind im Südwesten in Planung?
Thomas Tschauder nennt beispielhaft zwei Geothermie-Projekte, die im Südwesten vor der Umsetzung stehen: So brauche die BASF für chemische Prozesse etwa 4.000 Tonnen Dampf pro Stunde. Die würden bisher zum größten Teil mit Erdgas erzeugt. 60 Prozent des Erdgaseinsatzes werde mittelfristig durch die Nutzung von Geothermie eingespart.
In Wörth bei Karlsruhe sei es das Ziel, das Werk von Daimler-Lkw-Truck - das größte Lkw-Werk der Welt - und die umliegenden Gemeinden, insbesondere die Stadt Wörth, mit Erdwärme zu versorgen.
Wie groß ist die Gefahr von Erdbeben durch die Nutzung der Geothermie?
Probleme gab es in der Vergangenheit mit seismischen Prozessen - sprich: mit Mikroerdbeben, die im Zusammenhang mit der Geothermie-Nutzung aufgetreten sind. Doch dafür gebe es inzwischen Messnetze, die seismische Aktivitäten permanent messen. Treten Probleme auf, so Andreas Tschauder, Direktor des Rheinland-Pfälzischen Landesamtes für Geologie und Bergbau, könne der Betrieb der Anlagen angepasst oder, im Ernstfall, ganz eingestellt werden.
Damit habe man gute Erfahrungen: "Das ist auch erprobt in dem Geothermie-Kraftwerk in Insheim, das jetzt über zehn Jahre einen vollkommen störungsfreien Betrieb hatte. Und insofern sind wir guten Mutes, dass wir auch die neuen Projekte mit diesem System sicher fahren können."
Wie ist die Belastung durch die Nutzung von Geothermie im Vergleich zu anderen Energiequellen einzuschätzen?
Im Vergleich mit dem Landschaftsverbrauch durch Windkraftwerke, dem Co2-Ausstoß aus fossilen Brennstoffen, dem strahlenden Müll aus Kernenergie, sehen Experten in der umsichtigen Nutzung der Erdwärme praktisch keine unerwünschten Nebenwirkungen.
Sie betonen: der Südwesten sei durch eine europaweit fast einzigartige Verfügbarkeit von Erdwärme privilegiert für die umweltfreundliche Nutzung der Geothermie.