Jessy ist 39 Jahre alt. Vor einem Jahr wurde bei ihr ADHS diagnostiziert und das eher zufällig. Als ihre Tochter in die ADHS-Diagnostik gekommen ist und typische Symptome abgefragt wurden, passierte etwas, womit Jessy aus der Pfalz nicht gerechnet hatte. "Dann dachte ich mir: Das trifft auf mich zu und das trifft auf mich zu! Und das hat so Dinge aus der Vergangenheit erklärt."
ADHS-Symptome bei Frauen oft anders
Dass ADHS bei Mädchen häufig unerkannt bleibt, hängt unter anderem damit zusammen, dass bei ihnen die sogenannte hypoaktive Form deutlich häufiger auftritt als die hyperaktive. Die hypoaktive Ausprägung ist durch Verträumtheit, Langsamkeit und Unsicherheit gekennzeichnet, schreibt Psychologin Gisa Baller auf ihrer Website. Sie ist auf ADHS-Diagnostik bei Erwachsenen spezialisiert und bietet Diagnostik und Therapie deutschlandweit digital an.
"In der Kindheit sind mit einem Geschlechterverhältnis von 3-4:1 mehr Jungen als Mädchen betroffen, im Erwachsenenalter gleicht sich das Verhältnis an", schreibt auch der Verein ADHS Deutschland auf der Website "ADHS und Frauen". Mädchen mit ADHS entsprechen oft nicht dem klassischen Bild des "Zappel-Philipps". Sie zeigen seltener auffälliges Verhalten oder lernen früh, es zu kontrollieren.
Bei Jessy aus Maxdorf ist es ähnlich. Lange hatte niemand bei ihr ADHS vermutet. In ihrer Kindheit war ADHS vor allem "das Zappel-Philipp-Syndrom". Weil sie nicht klassisch hibbelig war, fiel sie in der Hinsicht einfach nicht auf: "Da ich so eine nach innen gerichtete ADHS habe, hat das halt irgendwie keiner auf dem Schirm gehabt."
Wie sich das anfühlt? "Ich bin so innerlich unruhig. Am besten beschreibt sich das mit so 40 offenen Tabs und irgendwo spielt Musik." Außen wirkt sie ruhig, angepasst, aufmerksam, innerlich herrscht Dauerbetrieb. Wie vielfältig ADHS sein kann, ist erst in den vergangenen Jahren mehr und mehr in den Vordergrund gerückt.
Ein Leben mit Selbstzweifeln
Vor der Diagnose hat Jessy immer wieder ihr Verhalten in Frage gestellt: "Wieso kriegen meine Kollegen das so schnell hin? Wieso lasse ich mich ablenken? Wieso kann ich nicht anfangen? Warum esse ich seit zwei Wochen das ein und selbe Gericht? […] Und ich habe gedacht, ich bin einfach irgendwie komisch."
Mit der Diagnose veränderte sich ihr Blick auf sich selbst und es kam die große Erleichterung. Sie erlebt ihren Alltag seitdem anders: "Also ich gehe Dinge gelassener an und wenn ich dann halt die Momente habe, wo ich prokrastiniere und nicht vorwärtskomme, dann setze ich mich nicht selber unter Druck." Heute weiß sie: "Das ist halt, weil das Hirn gerade nicht will."
Seit der Diagnose macht Jessy eine Verhaltenstherapie, arbeitet vor allem an Impulsivität und Emotionsregulation. Struktur hilft ihr: Pläne und Listen unterstützen sie im Alltag.
ADHS und Social Media
Ihr wichtigster Tipp für andere Betroffene: sich selbst anzunehmen, Hilfe zu suchen und auf diesem Weg nicht aufzugeben, auch wenn Wartezeiten oft sehr lang sind.
Viel Halt findet Jessy außerdem in Social-Media-Accounts von anderen Menschen mit ADHS: "Das nimmt mir auch so ein bisschen den Leidensdruck, weil ich sagen kann: Hey, das ist bei mir ja genauso. Ich bin gar kein Freak."
Disclaimer
ADHS kann sich von Person zu Person sehr unterschiedlich äußern. Symptome, Belastungen und Stärken sind individuell und hängen von vielen Faktoren ab, unter anderem vom Geschlecht, vom Umfeld und von persönlichen Lebensumständen. Die Erfahrungen von Jessy zeigen nur einen kleinen Ausschnitt der möglichen Ausprägungen von ADHS und können nicht verallgemeinert werden. Der Artikel möchte vor allem Einblicke geben und sensibilisieren.