Medikament gegen Demenzerkrankung

Alzheimer-Mittel Leqembi weckt Hoffnung bei frühen Stadien der Demenz

Leqembi kann den Verlauf von Alzheimer in frühen Stadien verlangsamen, ist aber teuer und umstritten. Eine Patientin aus Trier gehört zu den ersten Behandelten in Deutschland.

Teilen

Stand

Von Autor/in Frank Wittig

Im August dieses Jahres wurde das Medikament Leqembi gegen Alzheimer in Europa zugelassen. In Fachkreisen ist das Medikament nicht unumstritten. Die Kritik: Es ist sehr teuer und seine Wirksamkeit gilt als begrenzt. Andererseits ist es das erste Medikament, das ursächlich gegen die Altersdemenz wirkt und nicht nur die Symptome der Krankheit beeinflusst.

Frank Wittig aus der ARD-Wissenschaftsredaktion hat eine Patientin in Trier besucht, die zu den ersten gehört, die in Deutschland mit Leqembi behandelt werden. Die Patientin möchte anonym bleiben. Wir nennen sie Lisa B.   

Unerwünschte Nebenwirkungen von Leqembi

Station für Neurologie im Krankenhaus der Barmherzigen Brüder in Trier. Lisa B. bekommt eine Infusion mit dem Medikament Leqembi gegen ihre Alzheimer-Erkrankung. Vor zwei Jahren wurde die beginnende Demenz bei ihr entdeckt:  

"Mein Mann hat eines Tages zu mir gesagt: 'Irgendwas stimmt nicht mit dir. Du wiederholst dich ständig.' Und was ich noch gemerkt habe: Dass ich Namen vergessen habe. Und ich hatte immer ein super Namensgedächtnis. Das irritiert einen schon sehr."

Matthias Maschke, Leiter der Neurologie im Brüderkrankenhaus möchte wissen, wie die Patientin. die Infusion verträgt. Hat sie Nebenwirkungen, wie Schüttelfrost, Wärmeempfinden oder Temperaturerhöhung?  Nebenwirkungen sind bei Leqembi ein ernstes Thema. Deshalb gibt es verschiedene Kontroll-Prozeduren. Lisa B. verträgt das Mittel gut.  

 

Die Patientin aus Trier erhält eine Infusion mit dem Alzheimer-Mittel Leqembi um das Fortschreiten ihrer Demenz zu verlangsamen.
Die Patientin aus Trier erhält eine Infusion mit dem Alzheimer-Mittel Leqembi um das Fortschreiten ihrer Demenz zu verlangsamen.

Leqembi wirkt nur in einem frühen Stadium der Demenz

Leqembi bekämpft die Alzheimer-Demenz dort, wo sie entsteht: im Gehirn. Dort beeinträchtigen Eiweißablagerung die Funktion der Nervenzellen. Leqembi heftet sich an die schädlichen Eiweißmoleküle und lockt Fresszellen des Immunsystems herbei. Diese Fresszellen bauen die schädlichen Ablagerungen ab und verzögern so das Fortschreiten der Erkrankung.   

Doch nur für fünf bis zehn Prozent der Betroffenen ist das Medikament geeignet. Mit MRT-Aufnahmen des Gehirns, Untersuchungen des Nervenwassers und genetischen Tests müssen die passenden Patienten ermittelt werden.  

Das Medikament wirkt auch nur in einem sehr frühen Stadium der Erkrankung. Und während der Behandlung sind regelmäßige Tests nötig, um das Risiko von Gehirnblutungen so gering wie möglich zu halten.    

 

Das neue Alzheimer-Mittel weckt Hoffnung bei Demenz - aber es birgt auch Risiken und wirkt nur bestimmten Formen der Erkrankung.
Das neue Alzheimer-Mittel weckt Hoffnung bei Demenz - aber es birgt auch Risiken und wirkt nur bestimmten Formen der Erkrankung.

Erhebliche Belastung für das Gesundheitssystem in Deutschland

Kontrolluntersuchungen, Medikament, Patienten-Auswahl: Das alles treibt die Kosten für die Behandlung in die Höhe. Andreas Rhode, Experte für Arzneimittelversorgung beim Medizinischen Dienst, beziffert die Kosten, die pro Patient und Jahr entstehen:  

"Es ist davon auszugehen, dass jährlich ungefähr 24.000 € Medikamentenkosten auf der einen Seite entstehen. Darauf kommen schätzungsweise 10.000 € an Kosten für die ärztliche Behandlung."

Laut Rhode kämen zudem weitere Kosten hinzu, zum Beispiel für die vorher nötige Genanalyse und die Auswahl der Patientinnen und Patienten. 

Wenn alle infrage kommenden Patienten mit Leqembi behandelt werden, belastet das den Jahresetat der Krankenkassen erheblich, so Andreas Rhode:  

"Bei den vielen Millionen Betroffenen, die ja unter Alzheimer Demenz leiden oder zukünftig leiden werden, bewegen wir uns in einem höheren Milliardenbereich."

Neue Studienergebnisse machen Mut 

Nach den Ergebnissen der Zulassungsstudien verzögert Leqembi den Fortschritt der Demenz nur um wenige Monate.  

Neuere Analysen deuten jedoch darauf hin, dass der Effekt in bestimmten Gruppen stärker und länger anhalten könnte, so Matthias Maschke der leitende Neurologe aus dem Brüder-Krankenhaus. 

"Momentan rechnet man damit, die Uhr um etwa sechs Monate zurückdrehen. Aber es gibt jetzt Studien, die zeigen, dass die Wirkung unter Umständen über eine längere Phase doch noch deutlicher ist, dass die Erkrankung deutlich verlangsamt wird, wenn vielleicht nicht ganz aufgehalten wird."

Auf diese Perspektive - und auf noch weitere Fortschritte bei der Entwicklung der Medikamente - hofft auch Lisa B.: 

"Ich nehme weiterhin am Leben teil, im Freundeskreis, in der Familie. Ja, und ich sehe das alles positiv, dass die Forschung Möglichkeiten findet, diese Krankheit absolut zu bekämpfen."

Freiburg

Wirkstoff gegen voranschreitende Demenz Bei Alzheimer im Frühstadium: Neue Behandlung an der Uniklinik Freiburg

Für Menschen mit Alzheimer gibt es in Freiburg eine neue Behandlungsmethode. Damit kann der geistige Abbau verlangsamt werden. Die Therapie ist jedoch nicht für alle Erkrankten geeignet.

Medizin Alzheimer-Medikament Lecanemab: Die Vor- und Nachteile der Therapie

Über 1,8 Millionen Menschen leben in Deutschland mit einer Demenz, davon etwa zwei Drittel mit Alzheimer. Seit Anfang September gibt es mit dem Medikament Lecanemab eine neue Therapie, die den Krankheitsverlauf im Frühstadium verlangsamen kann. Wie läuft sie ab, was sind die Vorteile? Und welche Nebenwirkungen gibt es?
Martin Gramlich im Gespräch mit Prof. Jonas Hosp, Universitätsklinikum Freiburg.

Impuls SWR Kultur

Erstmals publiziert am
Stand
Autor/in
Frank Wittig
Frank Wittig, Reporter für SWR Wissen aktuell
Onlinefassung
Emily Burkhart
Portrait Bild der Autorin Emily Burkhart

Unsere Quellen

Transparenz ist uns wichtig! Hier sagen wir Ihnen, woher wir unsere Infos haben!