Zwischen 2,5 und 4,7 Prozent der erwachsenen Bevölkerung hat eine Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS). Was das für die Betroffenen bedeutet und welche Folgen die Störung haben kann, erklärt Christian Franzkoch. Er ist Chefarzt in der Mittelrhein-Klinik in Bad Salzig, einer Fachklinik für psychosomatische und psychoonkologische Rehabilitation.
SWR Aktuell: Wie kann sich eine ADHS bei undiagnostizierten Erwachsenen äußern?
Christian Franzkoch: Die häufigsten Symptome sind Konzentrationsstörungen, eine erhöhte Ablenkbarkeit, innere Unruhe mit starkem Bewegungsdrang. Dazu kommt bei einigen Betroffenen Impulsivität, das heißt überstürztes Handeln bei Risikofreudigkeit im Beruf und im Alltag. Partnerschaften sind oft durch Stimmungsschwankungen, Gefühlsausbrüche, Unberechenbarkeit und vermehrt zwischenmenschliche Konflikte bis hin zu dissozialem Verhalten und Gewalt belastet. Manche Betroffene leben ihre Sexualität impulsiv oder extrem aus, wobei Maßlosigkeit, ausgefallene Praktiken, Untreue und ungeschützter Geschlechtsverkehr mit dessen Folgen häufiger beobachtet werden.
Bei Frauen wird die Diagnose seltener und später gestellt. Sie beziehen eher die Probleme auf sich selbst und können diese besser verbergen.
Es bestehen Geschlechtsunterschiede: Bei Frauen wird die Diagnose seltener und später gestellt. Sie beziehen eher die Probleme auf sich selbst und können diese besser verbergen. Insgesamt sind Frauen weniger impulsiv und hyperaktiv. Sie neigen mehr zum sozialen Rückzug, zu Verträumtheit, Ängstlichkeit und Depressivität. Männer leben die Störung mehr nach außen. Der erhöhte Bewegungsdrang, Impulsivität, Aggressivität und Verhaltensprobleme machen das Miteinander schwieriger als mit betroffenen Frauen. Auch haben Männer ein höheres Risiko, Substanzabhängigkeiten zu entwickeln. Bei beiden Geschlechtern treten zusätzliche Erkrankungen oder Störungen wie Angststörungen, Depressionen, Persönlichkeitsstörungen, Autismus-Spektrum-Störungen und Lese-Rechtschreibstörungen häufiger auf. Wird ADHS nicht diagnostiziert und behandelt, können mehr Begleiterkrankungen entstehen und sich die negativen Auswirkungen der Störung auf die Lebensführung verstärken.
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Jeder vierte Suchtpatient hat auch ADHS. Die Störung bleibt oft unerkannt - mit schweren Folgen. Das weiß auch die 18-jährige Emily aus Kreis Lörrach.
Was tun, wenn man den Verdacht hat, eine ADHS zu haben?
Franzkoch: Im Internet findet man als seriöses Angebot den Selbstbeurteilungs-Bogen V1.1 für Erwachsenenen-ADHS der WHO. Von anderen Möglichkeiten der Selbstdiagnose, wie zum Teil auch im Bereich von Social Media angeboten, rate ich ab. Erbringt der Selbsttest einen Hinweis auf ADHS, sollen weitere psychologische Tests und klinische Interviews durch Fachleute - Ärztinnen und Psychologen mit speziellen Kenntnissen in Psychiatrie, Psychotherapie und ADHS - erfolgen, sodass eine abschließende klinische Beurteilung mit Diagnose erfolgen kann. Natürlich kann man auch ohne Selbsttest den Haus- oder Facharzt aufsuchen und um Rat bitten. Wichtig ist dabei, dass auch eine körperliche Untersuchung zum Ausschluss anderer Erkrankungen erfolgt.
Wie sieht die Behandlung einer ADHS aus?
Franzkoch: Die Behandlung muss mehrere Ansätze umfassen. Zunächst soll der betroffene Mensch viel über die Erkrankung, deren Wesen und seine Möglichkeit, mit ihr umzugehen, lernen (Psychoedukation). Dann besteht die Möglichkeit, eine spezielle Verhaltenstherapie anzuwenden, in der Betroffene lernen, ihr Verhalten besser zu kontrollieren, ihr Denken besser zu strukturieren und ihre Aufmerksamkeit zu lenken und aufrechtzuerhalten. Auch Priorisierung und Zeitmanagement können in der Verhaltenstherapie geübt werden. ADHS kann in der Regel medikamentös erfolgreich behandelt werden. Es stehen Stimulanzien und spezielle Antidepressiva zu Verfügung.
Wichtig ist, die medikamentöse Behandlung in ein therapeutisches Gesamtprogramm einzubetten.
Auch die Begleiterkrankungen müssen mitbehandelt werden. Ergänzend kommen Gruppentherapie, Entspannungstherapie, Achtsamkeitsübungen, Ergotherapie, Sport- und Bewegungstherapie, die Einbeziehung des sozialen Umfelds, hilfreiche Apps für den Alltag und Training der sozialen Kompetenz zur Anwendung. Wichtig ist, die medikamentöse Behandlung in ein therapeutisches Gesamtprogramm einzubetten. Im Rahmen der psychosomatischen Rehabilitation mit entsprechendem Schwerpunkt besteht der Vorteil, die genannten Behandlungsformen an einem Ort gleichzeitig anbieten zu können.
Wieso kommt es oft erst im Erwachsenenalter zu einer ADHS-Diagnose?
Franzkoch: Bei vielen Kindern besteht eine ausreichende Unterstützung durch Eltern und Lehrer. An Kinder und Jugendliche werden weniger Anforderungen gestellt, und es werden weniger kognitive Kompetenzen benötigt. Auffälligkeiten werden verborgen. Erst bei Zunahme der Anforderungen, zum Beispiel durch Schulwechsel, Partner- und Elternschaft, Beruf, kommt es bei leichteren Ausprägungen zu Belastungen. Diese reichen aus, um zu Problemen in der Bewältigung zu führen, und die Symptomatik wird sichtbarer. Andere Betroffene sind schon als Kinder sehr auffällig. In der Fachwelt bestand aber früher verbreitet die Auffassung, es handele sich um dabei um eine "Kinderkrankheit", die sich "auswächst". Die Erkrankung verschwindet aber nicht mit dem Erwachsenwerden, sondern ändert nur durch bessere Bewältigung ihr Erscheinungsbild. Heute werden erkrankte Kinder weiter begleitet. Wenn anerkannt ist, dass die Störung auch im Erwachsenenalter noch bestehen kann, gibt es ein erhöhtes Bewusstsein in der Bevölkerung. Dann wird häufiger an ADHS gedacht und sie wird auch häufiger diagnostiziert.
Viele Betroffene - vor allem im Erwachsenenalter - klagen über Schwierigkeiten, überhaupt behandelt zu werden. Woran liegt das?
Franzkoch: Es gibt noch immer zu wenige Therapiestellen und zu lange Wartezeiten. Zu wenige Ärzt:innen und Psycholog:innen behandeln Menschen mit ADHS, da dies zusätzliches Wissen erfordert: Zudem werden die Patienten oft noch als "schwierig" angesehen. Diese Therapie macht es für Ärzte notwendig, Stimulanzien zu verordnen, die unter das Betäubungsmittelgesetz mit all seinen formalen Erfordernissen fallen. Hinzu kommt es in der Behandlung von Betroffenen häufiger zu Therapieabbrüchen als bei anderen Erkrankungen, was zusätzlich zu Problemen führt, geeignete Behandlungsplätze zu finden.
Was wünschen Sie sich für die Zukunft in der ADHS-Behandlung?
Franzkoch: Für die Betroffenen wünsche ich mir, dass sich die lückenhafte Versorgungslage therapeutisch und medizinisch verbessert. Besonders Menschen, die nicht in größeren Städten leben, haben erhebliche Probleme, Therapiemöglichkeiten zu finden, die erreichbar sind. Für stärker Betroffene mit komplizierten Lagen wäre es günstig, wenn es mehr spezialisierte Ambulanzen gäbe. Da diese Kommunikationsmöglichkeit von vielen Betroffenen gern angenommen wird, wäre auch eine Zunahme online verfügbarer Angebote günstig. Nicht zuletzt wünsche ich mir einen weiteren Ausbau und eine gute Erreichbarkeit der schon präsenten Selbsthilfe, da sich immer wieder zeigt, dass deren Wirken im Krankheitsverlauf sehr günstig ist.