Ein Abi von 3,3. Damit ist ein Medizinstudium in Deutschland so gut wie nicht möglich. Daher hat sich Moritz Krauß aus dem Donnersbergkreis bei "Ärzte für die Westpfalz" beworben – und wurde als einer der ersten Studenten nach Ungarn zum Studium geschickt. Jetzt ist für ihn fast Halbzeit. Das Ende des dritten Studienjahres naht. In der kommenden Woche gehen die Prüfungen los. Wir haben mit ihm gesprochen, wie er auf seine ersten drei Jahre als Medizinstudent blickt.
SWR Aktuell: Moritz, wie läuft es im Studium?
Moritz Krauß: Eigentlich alles gut. Wir steuern jetzt auf die Prüfungsphase zu. Dementsprechend verbringt man jetzt den Großteil seiner Zeit in der Bibliothek und ist am lernen. Jetzt stehen die Rigorosumsprüfungen in den Fächern Pathologie, Pathophysiologie und Mikrobiologie an. Dann haben wir noch die Fächer medizinische Anthropologie und Ethik, chirurgische Propädeutik und Präventivmedizin. Also es ist gut was los in dieser Prüfungsphase.
SWR Aktuell: Das klingt aber nicht nur viel, sondern auch anspruchsvoll.
Krauß: Das Grundstudium ist ja vorbei bei uns. Und wir sind jetzt in der vorklinischen Phase, wo man die einführenden Fächer hat, die man dann später in der Klinik auch braucht. Und es wird nicht einfacher, wie jeder sagt, aber es wird interessanter auf jeden Fall.
Einfacher wird es nur dahingehend, dass die Fächer einen vielleicht mehr interessieren, weil es eher mit dem Arztberuf im eigentlichen Sinne zu tun hat. Man endlich mal Patientenkontakt hat und man mehr das sieht oder lernt, was man später als Arzt auch wirklich braucht. Aber von der Stoffmenge her wird es auf jeden Fall nicht weniger. Aber man ist natürlich durch die zwei Jahre davor und vom Physikum gewohnt, wie man damit umgeht und hat seine Strategie, wie man so eine Stoffmasse bewältigt.
SWR Aktuell: Wie schätzt Du denn den Anspruch des Studiums in Ungarn ein?
Krauß: Das Studium hier ist auf jeden Fall sehr hart. Es ist jetzt nicht so, dass man sagen könnte, das ist ein Spaziergang, sondern das ist ein sehr anspruchsvolles Studium, das verlangt einem sehr viel ab. Und man verbringt sehr viel Zeit mit dem Lernen, was ja aber - denke ich - von vornherein klar ist. Aber natürlich gibt es auch schöne Zeiten, wo man mit seinen Studienkollegen draußen unterwegs ist, irgendwas unternimmt, was trinken geht oder zu irgendwelchen Festen.
SWR Aktuell: Seid ihr deutschen Studenten auch mit den ungarischen oder den anderen ausländischen Studenten zusammen oder seid ihr eher in der deutschen Community unterwegs?
Krauß: Überwiegend ist man schon in seiner deutschen Bubble, würde ich jetzt mal behaupten. Man hat ab und zu durch Veranstaltungen oder wenn man jetzt in der Uni als Demonstrator tätig und da auf den Veranstaltungen ist, trifft man Ungarn und Internationals, mit denen man sich auch unterhält und so ein bisschen den Kontakt pflegt. Aber insgesamt, muss ich zugeben, bin ich eher so in der deutschen Bubble unterwegs.
SWR Aktuell: Wenn Du nochmal auf die White Coat Ceremony zurückschaust – also als Dir der weiße Kittel nach dem Physikum verliehen wurde, was war das für ein Gefühl?
Krauß: Ich fand es schön, weil man einfach diesen nächsten Schritt gehen kann. Man hat das Grundstudium erfolgreich hinter sich gebracht - und das war so der erste große Meilenstein, den man anvisiert hat. Und es war schön, dann in dieser feierlichen Zeremonie, seinen Kittel als Zeichen überreicht zu kriegen und zu wissen: Den ersten Schritt habe ich geschafft. Trotzdem ist es noch ein sehr langer Weg und es wird auch noch ein sehr harter Weg, aber den ersten Schritt hat man hinter sich.
SWR Aktuell: Wenn du jetzt auf die ersten Jahre zurückschaust, was geht Dir dann durch den Kopf?
Krauß: Ich freue mich sehr über diese Möglichkeit, in Ungarn zu studieren und ich bin auch froh, dass ich die Entscheidung getroffen habe, ins Ausland zu gehen, weg von zu Hause und in ein fremdes Land, in dem man die Sprache nicht versteht. Aber im Nachhinein bin ich sehr froh, dass ich die Chance ergriffen habe und sehr dankbar, dass ich die Chance bekommen habe. Und die bald drei Jahre, die wir schon hier sind, sind tatsächlich wie im Flug vergangen. Ich freue mich aber auch, wenn es dann hoffentlich in drei Jahren vorbei ist und ich wieder nach Deutschland komme.
SWR Aktuell: In Deutschland sind ja Ärzte, die in Ungarn ausgebildet wurden, gerne gesehen. Es heißt immer, die seien sehr gut ausgebildet.
Krauß: Ja, man ist hier schon sehr viel am Patienten. Wir hatten dieses und letztes Semester das Fach Pathologie. Und da haben wir jede Woche im Seminar eine Obduktion durchgeführt. Und wenn ich mit Freunden spreche, die nach dem Physikum nach Deutschland gewechselt sind, die erzählen, dass es dort zwei oder drei Obduktionstermine im Jahr gibt, zu denen man sich vorher anmelden muss - und dann steht man da mit 60 oder 70 Leuten drumherum. Das ist hier was ganz anderes, wenn man in kleinen Gruppen von maximal 20 Leuten jede Woche eine Obduktion durchführt. Die legen hier auch Wert drauf, dass man auch selbst obduziert. Also es ist hier in Pécs praxisorientierter, denke ich.
Ärztenachwuchs für die Westpfalz beginnt mit Studium Moritz' Traum: Ein Medizinstudium in Ungarn
Moritz' Traum geht in Erfüllung: Er darf dank eines Stipendiums des Vereins "Ärzte für die Westpfalz" Medizin studieren. Die Bedingung: Danach als Arzt in der Region arbeiten.
SWR Aktuell: Du bist ja über die Initiative "Ärzte für die Westpfalz" nach Ungarn gekommen. Wie wichtig findest Du diese Initiative?
Krauß: Ich denke, dass sie sehr wichtig ist. Einerseits ermöglicht sie es Leuten, ihren Traum zu leben, die es vielleicht in Deutschland nicht so einfach gehabt hätten, den Traum vom Medizinstudium zu verwirklichen. Und auf der anderen Seite ist es natürlich auch ein gutes Netzwerk. Man geht mit einer Gruppe von Leuten ins Ausland, die aus derselben Region kommen, die denselben Dialekt sprechen, die kulturellen Feste zu Hause kennen und so hat man einfach ein bisschen Verbundenheit nach zu Hause. Mit meinem Kollegen Carlos, der mit mir angefangen hat, verbringe ich viel Zeit, wir lernen zusammen und es ist einfach schön, wenn man jemanden hat aus der Heimat. Wir gucken auch zusammen Betze.
SWR Aktuell: Welchen Rat würdest Du künftigen Studenten, die mit "Ärzte für die Westpfalz" nach Ungarn gehen, mitgeben?
Krauß: Erstens sollte man sich nicht abschrecken lassen von dem Land Ungarn grundsätzlich. Es ist ein sehr schönes Land. Und auch wenn die Sprache schwierig ist, das kriegt man irgendwie hin. Und zweitens sollte man sich auch von der Uni nicht abschrecken lassen. Man hört immer sehr viele Gerüchte, wie schwer das alles ist. Es ist anstrengend, es ist kein Zuckerschlecken, aber man sollte einfach dranbleiben und sich durchbeißen.