Beim Azubi-Ghosting tauchen junge Menschen im Bewerbungsprozess einfach ab – teilweise sogar nach Abschluss des Vertrags. Im SWR-Interview erzählt Personalleiter Sören Kettenring von seinen Erfahrungen bei Wasgau in Pirmasens.
SWR Aktuell: Herr Kettenring, können Sie uns schildern, wie sehr Azubi-Ghosting ein Problem für Wasgau ist?
Sören Kettenring: Ein Problem ist es in mehreren Bereichen. Wir merken, dass viele Bewerber und Azubis nicht mehr diese Bindung zum Unternehmen aufbauen und dann auch von der Bildschirmfläche einfach verschwinden. Im Idealfall passiert das noch relativ früh im Bewerbungsprozess, wenn wir nicht so viel investiert haben. Manchmal passiert das aber sehr kurzfristig oder auch zum Ausbildungsstart. Dann hinterlässt das bei Wasgau, wie auch anderen Firmen, eine riesige Lücke, weil wir uns auf diese Menschen auch verlassen haben.
Viele Betriebe in RLP betroffen "Ghosting" auf dem Arbeitsmarkt - wenn der Azubi einfach nicht kommt
Die Bewerbung war erfolgreich, der Vertrag ist unterschrieben - doch zum Beginn der Ausbildung taucht der Azubi nicht auf. Was steckt hinter dem "Ghosting" und warum nimmt es zu?
SWR Aktuell: Können Sie uns konkret beschreiben, wie eigentlich geghosted wird?
Kettenring: Wir rufen Azubis einen Tag vor Vorstellungsgesprächen an. Dort bekommen wir dann die Bestätigung: 'Ich bin am nächsten Tag bei euch. Ich freue mich auf das Vorstellungsgespräch'. Am nächsten Tag sitzen die Kollegen alleine im Raum, warten auf die Bewerber und die kommen nicht. Das ist auch für die Kolleginnen und Kollegen eine schwierige Situation.
SWR Aktuell: Wie viel Prozent der Teilnehmer kommen denn nicht?
Kettenring: Bei den Bewerbern reden wir von einem Problem im niedrigen zweistelligen Bereich, also bei 10 Prozent. Aber es ist doch ein Aufwand, den wir investieren und es ist eine mangelnde Wertschätzung gegenüber den Kolleginnen und Kollegen.
SWR Aktuell: Erkennen Sie vielleicht ein Muster, welche Azubis ghosten?
Kettenring: Es gibt sicherlich Muster. Wenn man sich Untersuchungen anschaut, dann ist das vom Bildungsstandard abhängig. Es ist von sozialen Indikatoren abhängig. Aber ich finde: Diese mangelnde Wertschätzung hat auch im Bereich Erziehung, Umgang und mangelnde Sozialkompetenz ein Muster. Das merken wir auch seit Corona, dass sich diese Kommunikation und Verhaltensmuster geändert haben.
Junge Menschen, die während Corona sozialisiert wurden, sind darin geschult worden, anonym zu bleiben und alleine zu sein.
SWR Aktuell: Aber wie erklären Sie sich, dass es die Bewerber nicht einfach mal schaffen, sich kurz zu melden und einen Termin abzusagen?
Kettenring: Junge Menschen, die während Corona sozialisiert wurden, sind darin geschult worden, anonym zu bleiben und alleine zu sein. Sie haben keine Gemeinschaft mehr erlebt. Hier sehe ich, dass diese Menschen Schwierigkeiten haben, in Gemeinschaften etwas zu tun. Vielleicht ist ihnen die Konsequenz auch gar nicht bewusst, dass sie anderen Auszubildenden auch Ausbildungsplätze wegnehmen und die dann auf dem Markt weiter suchen müssen.
SWR Aktuell: Was hat das aber für Konsequenzen, wenn ein Auszubildender bei Wasgau einen Vertrag unterschreibt, aber nicht kommt?
Kettenring: Für den Auszubildenden relativ wenig. Die Konsequenzen für uns sind, dass wir administrativ eine Abwicklung machen müssen. Das ist ein Meldeverfahren. Es sind dann auch Kammern wie die IHK oder die Handwerkskammer involviert. Aber das Schlimmste ist, dass wir Menschen verloren haben. Dann haben wir eine Lücke, die diese Bewerber hinterlassen. Wasgau ist auch ein Unternehmen, das Führungskräfte im mittleren und höheren Bereich ausbildet. Damit fehlt uns auch ein zukünftiges Potenzial.
SWR Aktuell: Was können Sie aber tun, dass angehende Auszubildende nicht einfach so abspringen?
Kettenring: Für uns ist Kultur ein ganz wichtiges Thema. Wir sind nah, verbindlich und selbstbewusst. Das möchten wir auch von unseren Mitarbeitern, aber auch von unseren zukünftigen Mitarbeitern. Deshalb ist es auch wichtig, dass wir die jungen Menschen früh in den Prozess zu uns holen. Wir bieten ihnen Praktika und Schnuppertage an. Wir versuchen den Prozess bis zur Vertragsunterzeichnung relativ schnell durchzuführen. So sollen junge Menschen eine Perspektive haben. Wir führen auch Willkommensveranstaltungen durch. Da laden wir auch die Eltern ein. Es ist ganz wichtig, dass wir die jungen Menschen nicht alleine lassen und gemeinsam in die Zukunft starten.