SWR Aktuell: Wie hat sich die Luchspopulation im Pfälzerwald seit Beginn des Projekts entwickelt?
Karl-Heinz Klein: Das Luchsprojekt hat im Prinzip 2010 schon begonnen mit der Gründung des Vereins. Für die Auswilderung war auch ein gewisser Vorlauf notwendig, bis dann auch Gelder zur Verfügung standen und das juristisch auch alles klar war. Die erste Auswilderung wurde dann 2016 vorgenommen. Da wurden jedes Jahr zwei bis drei Tiere ausgewildert. Bis 2021 wurden insgesamt 20 Tiere freigelassen. Die Population hat sich auch ganz gut entwickelt. In den ersten Jahren gab es Nachwuchs, den man nachweisen konnte. Allerdings sind auch einige Tiere gestorben oder überfahren worden - oder auch abgewandert.
SWR Aktuell: Von wie vielen Luchsen gehen Sie im Moment aus?
Klein: Im Pfälzerwald von etwa 30 Tieren. Wobei wir da auch noch die in den Nordvogesen mitdenken, weil die Tiere, die ausgewildert wurden, über die Grenze nach Frankreich abgewandert sind und dort wurde auch vor ein, zwei Jahren erstmals Nachwuchs registriert. Allerdings ist im Moment die Populationsdichte an Weibchen, die Nachwuchs bekommen könnten, sehr gering.
Monitoringstelle in Trippstadt bleibt Ende für das Luchsprojekt im Pfälzerwald
Seit 2016 hat das Land im Pfälzerwald Luchse angesiedelt: 20 Tiere haben eine neue Heimat gefunden, zahlreiche Luchsbabys kamen auf die Welt. Jetzt wird das Projekt beendet.
Nachweis von Luchs-Weibchen schwierig
SWR Aktuell: Kann man da irgendwie gegensteuern?
Klein: Ja, es wäre wünschenswert, wenn noch mehr Weibchen in der freien Natur geboren würden. Es ist natürlich auch immer schwer festzustellen, ob da jetzt weibliche Jungtiere nachkommen. Das Monitoring wird von dem Zentrum Luchs Wolf (KLUWO, Anm.d.Red.) übernommen. Die haben ihren Sitz in Trippstadt und die machen da schon Fotofallen-Monitoring und nehmen auch Zufallshinweise von Wanderern oder Jägern entgegen. Und über diese Wege versucht man dann so ein bisschen die Population abzuschätzen. Aber es ist schwierig nachzuweisen, ob da jetzt noch Weibchen dabei sind. Es wäre natürlich hilfreich, wenn noch Tiere ausgewildert würden, aber das ist an gewisse Restriktionen und der Finanzierung gebunden. Es sind auch rechtliche Dinge zu klären, die für so ein neues Projekt angegangen werden müssten.
Bevor man selbst den Luchs sieht, hat er schon längst gehört, dass da jemand unterwegs ist und dann zieht er sich entsprechend zurück.
SWR Aktuell: Wie läuft so eine Auswilderung überhaupt ab?
Klein: Die früheren Luchse, die ausgewildert wurden, waren meist Wildfänge von freilaufenden Luchsen. Die wurden von erfahrenen Wildbiologen entweder in der Schweiz oder in der Slowakei eingefangen. Da die Leute vor Ort das Revier kennen und wissen, wo auch Luchse anzutreffen sind. Dort hat man an Stellen, wo man weiß, dass der Luchs vorkommt, entsprechende Köder ausgelegt. Wenn ein frei lebender Luchs dort rein ist, hat die Falle zugeschnappt. Wenn dann ein Luchs drin war, der vom Alter her passen würde, wurde er entsprechend narkotisiert und in ein Auffanggehege gebracht. Nach ein bis zwei Wochen wurde der Transport zum Auswilderungsort vorgenommen – durch Wildbiologen, auch mit der Begleitung von einem entsprechend ausgebildeten Tierarzt. Die Auswilderungen im Pfälzerwald wurden alle bei Waldleiningen durchgeführt.
Keine Angst vor dem scheuen Luchs im Pfälzerwald
SWR Aktuell: Welche Rolle spielt der Luchs im Ökosystem?
Klein: Der Luchs war in den zurückliegenden Jahrhunderten ein natürlich regulierendes Jagdtier. Er frisst vornehmlich Rehe, auch andere kleinere Säugetiere oder vielleicht auch mal ein junges Stück Rotwild, also Hirsch. Der Luchs ist also insofern wichtig, dass er den natürlichen Bestand reguliert. Wobei die Dichte im Pfälzerwald sehr hoch ist. Von daher merkt man das eigentlich gar nicht, dass da jetzt weniger Wild im Pfälzerwald ist. Und er ist der Top-Predator und steht an der Spitze der Nahrungskette. Das ist auch wichtig für alle darunter folgenden Lebewesen.
SWR Aktuell: Wo im Pfälzerwald fühlen sich Luchse am wohlsten?
Klein: Der Luchs ist ein Bewohner von Waldgebieten, wobei er auch die Waldrandgebiete bevorzugt, weil sich dort auch seine Beute, sprich das Reh, ernährt. Alle ungestörten Waldgebiete sind für den Luchs eigentlich ein hervorragender Lebensraum, wobei er jetzt auch in Siedlungsgebieten gesichtet wurde, also in Gebieten, die auch von Wanderern frequentiert werden. Es ist nicht so, dass er den Menschen absolut meidet, aber in der Regel bekommt man ihn nicht zu sehen. Bevor man selbst den Luchs sieht, hat er schon längst gehört, dass da jemand unterwegs ist und dann zieht er sich entsprechend zurück. Er ist insofern scheu, dass er die Nähe zum Menschen im Normalfall meidet.
Der Luchs sucht einfach seine Beute und seine Ruhe.
SWR Aktuell: Gibt es Vorbehalte oder Ängste in der Bevölkerung gegenüber dem Luchs?
Klein: Es werden manchmal Ängste geäußert: Greift der Luchs einen Menschen an oder auf was muss man da aufpassen? Muss ich Angst um meine Kinder haben? Der Luchs ist ungefährlich für den Menschen. Es gibt keine Nachweise, dass ein freilebender Luchs einen Menschen aktiv angegangen hat. Im Gegenteil: Er zieht sich zurück. Es gibt auch keine Vorfälle, bei denen ein Luchs ein Kind angegriffen hat. Er hat gar keine Ambitionen, sich dem Menschen zu nähern. Der Luchs sucht einfach seine Beute und seine Ruhe. Zumal der Luchs ja auch ein Dämmerungs- und Nachtjäger ist.
Gerissene Nutztiere werden finanziell ersetzt
SWR Aktuell: Und mit Blick auf Nutztiere?
Klein: Nutztierübergriffe gab es schon. Das hatten wir auch im Vorfeld bei der Projektkonzeption schon mit angedacht. Es ist auch so, dass Nutztiere, die vom Luchs gerissen werden, dem Tierhalter ersetzt werden. Die Nutztierhalter bekommen in so einem Fall auch die Möglichkeit, dass sie ihre Zäune optimieren können. Das heißt, für ihr Gehege bekommen sie dann einen Elektrozaun vom Land finanziert.
Allerdings ist die Schwierigkeit, dass zwar das Material finanziert wird, aber nicht das Aufstellen des Zauns. Deswegen haben wir vom Luchsverein ein Helfer-Netzwerk für Nutztierhalter aufgebaut, um in solchen Fällen dem Nutztierhalter zu helfen.
SWR aktuell: Wie sieht die Zukunft des Luchses im Pfälzerwals in zehn Jahren aus?
Klein: Wie gesagt, die Fortpflanzungsmöglichkeiten des Luchses sind mittlerweile sehr eingeschränkt. Es hat sich auch durch den Wegfall von verschiedenen Vererbungslinien ein gewisser genetischer Flaschenhals entwickelt. Die Tiere im Pfälzerwald und Nordvogesen sind im Moment nur noch auf zwei genetischen Linien unterwegs. Von daher wäre es sehr wichtig, dass da frisches Genmaterial in die Population kommt. Entweder über neue Auswilderungen oder, was wünschenswert wäre, dass Luchse aus anderen Gebieten von selbst einwandern.
Für Luchs-Zukunft in der Pfalz braucht es neue Luchse
SWR Aktuell: Was ist das Schwierige daran?
Klein: Das Ausbreitungsverhalten von einem Luchs ist sehr konservativ. Das heißt, sie siedeln sich nur in der Nähe von Artgenossen an. Man wird erst über Jahre eine Auffrischung sehen, wenn sich die Tiere aus anderen Gebieten ausgebreitet haben. Sei es aus dem Harz, Bayern, dem Alpenraum oder aus dem Schwarzwald. Eine Auffrischung mit neuem Genmaterial wäre eigentlich sinnvoller.
SWR Aktuell: Sie könnten jetzt auch nicht einfach als Verein sagen, wir setzen zwei neue Linien aus?
Klein: Nein, als Verein selbst obliegt uns das gar nicht zu entscheiden, sondern das ist immer ein Prozedere, das mit der Landesregierung abgestimmt werden muss. Für einen Transport von Wildtieren gibt es ja auch internationale Konventionen und die ganzen Artenschutzbestimmungen. Da gibt es gewisse Auflagen, wie zum Beispiel das sogenannte CITES-Abkommen, was den Transport von Wildtieren regelt. Da kann man nicht einfach sagen, wir holen uns jetzt ein paar Tiere und lassen die hier im Wald springen. Damit würden wir uns strafbar machen. Das ist auch als Naturschutzverband nicht einfach möglich. Wir brauchen eigentlich immer die Politik mit im Boot.
SWR Aktuell: Was kostet eine Auswilderung eigentlich?
Klein: Rein für die Auswilderung – also für den Fang, Transport und die Auswilderung eines Tieres – haben wir vom Verein etwa 10.000 Euro veranschlagt. Für die 20 Tiere (des Auswilderungsprojektes von 2016 bis 2020, Anm.d.Red.) wurden auch jeweils Paten gefunden, die diese Kosten übernommen hatten.
Aber es gehört mehr dazu: Die Öffentlichkeitsarbeit, Schulprojekte und Veranstaltungen, wie auf der Gartenschau oder Bauernmärkte. Informations- und Aufklärungsarbeit gehört auch dazu. Das kann man beliebig nach oben schrauben. Es ist immer eine Kostenfrage, wie viel Geld man noch für solche Aktionen hat.