Man nehme zwei Figuren aus dem Märchen Hänsel und Gretel, einen Richter, zwei Anwälte, das Publikum und schon ist die Fiktion plötzlich Realität. Im Theodor-Zink-Museum in Kaiserslautern. Hänsel und Gretel stehen nicht mehr im Wald, sondern im Kreuzverhör. Allerdings ist nur Gretel vor "Gericht" erschienen, Hänsel ist "zu traumatisiert", sagt der Anwalt von Gretel Thomas Söbbing. Er ist im wahren Leben Professor an der Hochschule in Kaiserslautern.
Es folgt ein spannender und komplexer Kriminalfall wie am Gericht nach heutigem Recht - als Theaterstück mit einer alles entscheidenden Frage: Waren Hänsel und Gretel Täter oder Opfer?
Gerichtssaal in Kaiserslautern statt Märchenwald und Hexenhaus
Die Inszenierung führt das Publikum Schritt für Schritt durch einen echten Strafprozess. Mit Charme, Witz und ein bisschen Augenzwinkern. Vom Verlesen der Anklage über die Beweisaufnahme bis hin zu den Schlussplädoyers. Alles in dieser Verhandlung folgt den Regeln der Justiz. Die Anklage: In dem Märchen wurden Hausfriedensbruch und ein heimtückischer Mord begangen. Von langer Hand sei das geplant gewesen, die Hexe dann grausam getötet worden, sagt Staatsanwältin Inga Neumüller.
Die Verteidigung widerspricht hier vehement. Die Kinder seien verführt worden vom Knusperhaus und spricht von Kindesentführung und Kindesmissbrauch durch die Hexe. Die Tat sei "eindeutig Notwehr gewesen", so Verteidiger Thomas Söbbing. Die Verhandlung ist alles andere als ein nüchterner Strafprozess. Es fliegen die Fetzen zwischen Anwalt und Staatsanwältin. Unterschiedlicher könnte das Märchen juristisch wohl nicht ausgelegt werden.
Recht und Gerechtigkeit sind nicht immer dasselbe
Was zu Beginn für fast jeden eindeutig erscheint – eine Hexe wird in den Ofen gestoßen – entpuppt sich als juristisches Puzzle. War das wirklich Mord? Oder doch ein Akt der Selbstverteidigung? Verteidiger Thomas Söbbing argumentiert geschickt: "Lebensgefahr, Zwangslage, keine andere Wahl, die Hexe musste in den Ofen, sonst wären Hänsel und Gretel gestorben". Die Staatsanwaltschaft - vertreten durch Inga Neumüller - spricht von Heimtücke. Und dass der brutale Tod durch das Feuer im Ofen nicht nötig gewesen wäre, um den Bruder zu retten.
Und so steht nicht mehr die Tat im Mittelpunkt, sondern die Umstände. Und genau das macht Strafrecht für viele so schwer verständlich. Die Veranstaltung lässt das Publikum spielerisch hinter die Kulissen des komplexen Rechtssystems blicken. Es zeigt außerdem für jedermann klar verständlich, wie widersprüchlich Recht und Gerechtigkeit manchmal sein können.
Das Urteil des Richters: NICHT schuldig im Sinne der Anklage
Am Ende werden Hänsel und Gretel vom Richter in der Theater-Inszenierung freigesprochen: "Es war eindeutig Notwehr", sagt Richter Alexander Schwarz. Ein Urteil, das im Publikum viele intuitiv unterstützen.
Jeder hat durch diesen Blick hinter die Kulissen verstanden, es steckt selbst in einem Märchen der Brüder Grimm unglaublich viel Abwägung hinter einem Urteil. Deutsches Recht ist eben ein sensibles Geflecht aus Gesetzen, Interpretation und am Ende eben auch menschlichem Ermessen, so die Quintessenz des Abends.
Warum Urteile für die Bürger oft schwer nachvollziehbar sind
In der anschließenden offenen Fragestunde mit den Rechtsexperten wird klar: Viele im Publikum wundern sich immer wieder über Gerichtsurteile. Zu mild, zu hart, zu unverständlich. Doch die Diskussion zeigt, Gerichte und Richter müssen eben oft nicht nur Fakten und Beweismittel bewerten, sondern auch Motive, Absichten und rechtliche Feinheiten. Was nach gesundem Menschenverstand klar scheint, kann und muss im Zweifelsfall juristisch völlig anders bewertet werden. Begriffe wie "Notwehr" oder "Vorsatz" sind am Ende das Zünglein an der Waage von Justitia. Sie entscheiden über Schuld oder Unschuld.
Und so sind sich nach diesem Abend mit einigen "Aha-Momenten" viele sicher: "In Zukunft kann man die Arbeit eines Richters oder von Verteidigern und Staatsanwälten deutlich besser nachvollziehen". Und genau dafür wurde das Format geschaffen: Mission erfüllt!