"Wenn Du willst, dass es gemacht wird, dann mach es selbst." So einfach antwortet Torsten Claesgens auf die Frage, was er in der Flutkatastrophe gelernt hat. Im Sommer 2021 war er Chef der Freiwilligen Feuerwehr in Ahrbrück. Als am 14. Juli das Wasser der Ahr immer höher stieg, beschließt er mit seinem Stellvertreter, Teile des Orts zu evakuieren. Eine Entscheidung auf eigene Faust, die vermutlich viele Menschen gerettet hat.
Der Nachmittag vor der Flut: Das Wasser steigt
Nachmittags ahnen die Feuerwehrleute noch nicht, was auf sie zukommen wird. In Claesgens‘ knappen Worten: "Wir wussten: Sehr viel Wasser. Wir wussten: Riesen-Hochwasser. Wir wussten nicht: Sintflut." Ihre einzige Informationsquelle: eine Handy-App, die Pegelprognosen für Flüsse anzeigt. Als diese Prognose für die Ahr irgendwann nur noch senkrecht nach oben zeigt, fällt die Entscheidung, zu evakuieren.
Flutkatastrophe 2021 - warnen und retten auf eigene Faust
Das ist nicht so selbstverständlich, wie es klingt. Den Katastrophenfall ausrufen, eine Evakuierung anordnen - dafür ist an der Ahr die Kreisverwaltung Ahrweiler zuständig. Doch von dort kommt erst am späteren Abend die Katwarn-Meldung der höchsten Stufe - für eine Evakuierung in Ahrbrück wäre es da schon zu spät gewesen. Er und seine Leute, alles Ehrenamtliche, sind allein auf sich gestellt. Vor allem haben sie kein Recht, Menschen zwangsweise aus ihren Häusern zu holen.
So bleibt der Feuerwehr nur, die Bewohnerinnen und Bewohner zu warnen und ihnen gut zuzureden. Benjamin Kalbfuss, der mit seiner Familie direkt am Ahrufer wohnt, erinnert sich, dass gegen 18 Uhr ein Feuerwehrmann bei ihm klingelte: "Der sagte: Ben, das sieht nicht gut aus. Packt besser die Sachen zusammen. Wir haben beschlossen, ihr geht in Evakuierungspunkt eins, zwei und drei hier im Ort."
Ahrbrück hatte damals schon einen Alarm- und Einsatzplan
Die Feuerwehrleute wissen, welche Straßen zu evakuieren sind - und wohin. Viele Betroffene werden ins alte Bahnhofsgebäude gebracht. Jetzt zahlt es sich aus, dass Ahrbrück damals schon einen Alarm- und Einsatzplan hat. Andere Orte im Ahrtal und vor allem der Landkreis Ahrweiler haben 2021 noch keine solchen Pläne, obwohl sie gesetzlich vorgeschrieben sind.
Während die Evakuierung läuft, steigt das Wasser immer schneller. Benjamin Kalbfuss bringt seine Frau und Kinder in Sicherheit. "Dann bin ich noch mal zurück, weil ich noch jemanden in der Nachbarschaft holen wollte", erzählt er. Das schafft er aber nur mit Mühe, weil inzwischen viele Wege überflutet sind. Auch die Feuerwehr muss sich aus der Ortsmitte zurückziehen, später sogar das Feuerwehrhaus räumen. Als Strom- und Handynetz ausfallen, hat Claesgens keinen Kontakt mehr zu den Menschen im Bahnhof: "Wir wussten nicht, ob die noch leben."
Wir wussten nicht, ob sie noch leben.
Der Tag nach der Flutnacht im Ahrtal
Das Ausmaß der Katastrophe erfasst er erst am nächsten Morgen. Die Menschen im Bahnhof haben überlebt, das ist die gute Nachricht. Aber Ahrbrück ist von der Außenwelt abgeschnitten. "Es war völlig surreal, das können Sie einfach nicht fassen. Da laufen Leute durch die Straße wie Zombies und gucken ins Leere."
Aber nicht alle haben es geschafft, der Flut zu entkommen. Zwei Häuser, die nicht im Evakuierungsgebiet standen, sind fortgerissen worden, sieben ihrer Einwohner ums Leben gekommen. Zudem sind auch Menschen gestorben, die von der Feuerwehr aufgefordert worden waren, ihre Häuser zu verlassen, und nicht darauf hörten.
"Ich weiß, dass wir Kameraden haben, die damit bis heute hadern", sagt Torsten Claesgens. "Die sich die Frage stellen: Warum haben wir da nicht intensiver drauf gedrängt?" Aber Zwangsmaßnahmen durften die ehrenamtlichen Feuerwehrleute eben nicht anwenden.
Nach der Flut abgeschnitten von der Außenwelt: "Plündern" für das Allgemeinwohl
Am Tag nach der Flut stehen aber andere Gedanken im Vordergrund. Alle Straßen nach Ahrbrück sind blockiert. "Wir wussten, wir brauchen Trinkwasser. Wir brauchen Nahrung", erinnert sich Claesgens. "Also hätten sie beschlossen, den Getränkemarkt und den Supermarkt im Ort "zu Plündern", um die Bewohner für die nächsten Tage mit dem Nötigsten zu versorgen.
Die ersten Tage nach der Flut - das Prinzip Selbsthilfe
Einen Supermarkt leerräumen – das ist sonst eine Straftat. Auf die Frage, ob ihm der Entschluss schwergefallen ist, antwortet Torsten Claesgens ohne Zögern: "Nein. Dass Hilfe von außen zunächst einmal nicht zu erwarten war, das wussten wir. Und dass wir uns zunächst selbst helfen müssen."
Es ist dasselbe Prinzip wie am Vortag, als es um die Evakuierung ging: "Wenn Du willst, dass es gemacht wird, dann mach es selbst." Darauf sind sie stolz in Ahrbrück.
Trauer und Zweifel nach der Flutkatastrophe
Trotzdem sind Trauer und Zweifel geblieben. Auch wegen der Bewohner der beiden Häuser, die von der Ahr fortgerissen wurden - im Evakuierungsplan waren die Häuser nicht als besonders gefährdet markiert und nicht zur Räumung vorgesehen.
Hätte man auch in diesem Bereich evakuieren sollen? Diese Frage hat sich Torsten Claesgens oft gestellt. Er spricht langsam, als suche er nach einer Antwort: "Dass diese Häuser weggespült werden, war abseits aller Vorstellungskraft. Ich glaube, dass wir das nicht verhindern konnten."
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Der lange Weg zurück nach der Flut - und die Fragen, die bleiben
Ahrbrück ist ein Beispiel dafür, dass es in der Flutkatastrophe sehr wohl möglich war, klug zu entscheiden und entschlossen zu handeln. Eine Frage müsse erlaubt sein, so Claesgens: "Wenn wir auf diese Idee gekommen sind. Als kleine Ortsfeuerwehr, warum dann nicht andere Stellen? Auch übergeordnete Stellen?"
Was auch zur Geschichte der Helfer von Ahrbrück gehört: Viele waren nach der Flut lange in psychologischer Therapie. Torsten Claesgens konnte mehrere Monate nicht zur Arbeit arbeiten. Inzwischen sei er weitgehend wiederhergestellt. "Aber es war ein langer Weg."
Dokumentation SWR Story: „Fünf Jahre nach der Ahrtal-Flut – Die Nacht, die blieb…“
Die Doku „Fünf Jahre nach der Ahrtal-Flut – Die Nacht, die blieb…“ erzählt die Geschichte der Flut aus der Perspektive von betroffenen Menschen vor Ort