"Die Sünderin" ist vielmehr vollgepackt mit kontroversen Themen der Nachkriegszeit: Inzest, Prostitution, wilde Ehe, Ehebruch und Sterbehilfe. In Koblenz war die Ortspremiere am 9. Februar 1951 sogar von der Polizei unterbrochen worden. Wenige Tage später verbot ihn der Koblenzer Polizeichef höchstpersönlich. Genau 75 Jahre danach hat das Koblenzer Odeon-Apollo-Kinocenter in Koblenz den Film erstmals wieder gezeigt - diesmal ganz ohne Unterbrechung.
Worum es in "Die Sünderin" geht
In "Die Sünderin" spielt Hildegard Knef eine Prostituierte, die ein Verhältnis mit einem Maler eingeht. Ein Maler, der weiß, dass er bald erblinden wird, weil er einen Hirntumor hat. Am Ende begehen beide Selbstmord. Aus zwei Sektgläsern trinken sie das damals sehr bekannte Schlafmittel Veronal.
Warum das 1951 für so viel Aufregung gesorgt hat, weiß Elke-Ursel Hammer. Als Historikerin hat sie sich für das Bundesarchiv Koblenz mit den historischen Dokumenten beschäftigt: "Es gab 1950 eine ungeklärte Selbstmordwelle. Es gab viele Menschen, die in der unmittelbaren Nachkriegszeit quasi durchgehalten hatten und sich dann Anfang der 50er Jahre umgebracht haben." Man wollte also verhindern, dass Menschen einen Selbstmord mithilfe von Schlafmitteln nachahmen.
Prostitution, Suizid und Nacktszenen in "Die Sünderin"
Aber auch die sehr offen kommunizierte Prostitution der Hauptdarstellerin Marina war kontrovers. Man sieht ihr Luxusleben - das sie nur hat, weil sie ihren Körper an Männer verkauft und das, seitdem sie 15 Jahre alt ist.
"Ich denke, dass es nicht nur um die ungefestigte weibliche Jugend ging, wie es in den Quellen heißt" sagt Hammer. Sondern auch darum, dass sich in der Nachkriegszeit viele Frauen aus der Not prostituieren mussten, um ihre Familien durchzubringen. Erlebnisse, die gerne verdrängt worden sind.
Kirche fordert Katholiken auf, sich vom Film fernzuhalten
Gerade in katholischen Gegenden wie dem Rheinland, sorgten der Film nach seiner Premiere im Januar 1951 für ordentlich Ärger. "Die katholischen Bischöfe, in Köln, Trier und Mainz, haben also regelrechte Kanzelerlasse veröffentlicht", so Hammer. In diesen forderten sie, dass sich Katholiken von dem Film fernhalten. Was an dem Film so schlimm war, verrieten die Berichte allerdings nicht.
Gruppe fordert mit Flugblättern Verbot des Films
In Koblenz wandte sich die evangelische Kirche sogar an den Bundeskanzler. Und einige Koblenzer ließen Flugblätter drucken, auf denen sie ein Verbot des Films "Die Sünderin" forderten. Eins findet sich noch heute im Koblenzer Stadtarchiv. Darin heißt es: "Dieser neue Willi-Forst-Film ist ein solch niederträchtiges Machwerk, daß es den lauten Widerspruch aller noch gesund denkenden Bevölkerungskreise herausfordert." Die Urheber des Flugblatts nannten sich selbst "noch gesund denkende Koblenzer".
Koblenzer Kinochef verlor 1951 vor Gericht
Drei Wochen nach der Premiere wurde "Die Sünderin" dann auch im Koblenzer Filmpalast ausgestrahlt. Allerdings wurde die Aufführung von Tumulten und Pfiffen gestört. Kein Einzelfall in der Bundesrepublik: "Ich gehe eigentlich davon aus, dass die Proteste immer organisiert waren", sagt die Archivarin und Historikerin Hammer. Manche Störer hatten sogar weiße Mäuse in den Kinosälen laufen lassen.
Polizei brach Vorstellung in Koblenzer Kino ab
Im Koblenzer Filmpalast brach die Polizei sogar die Vorstellung ab. Wenige Tage später verbot der Koblenzer Polizeichef den Film. Auch in anderen Städten wurde der Film damals verboten. Der damalige Kinochef wollte das Verbot nicht hinnehmen und zog vor Gericht. Das entschied: Der Film darf in der Stadt nicht gezeigt werden.
Laut der Archivarin Elke-Ursel Hammer, war der Protest gegen die Aufführungsverbote größer als gegen den Film. Drei Jahre später durfte ihn jeder in der Bundesrepublik sehen. In Koblenz wurde der Film trotzdem nie wieder in einem Kino aufgeführt. Bis zum 9. Februar 2026.