Die Ortsgemeinde Insul an der Oberahr liegt idyllisch zwischen Hügeln und Wäldern in der Eifel. Doch die Narben der Flutkatastrophe sind bis heute deutlich sichtbar: Behelfsbrücken, sanierte Häuser neben Bauruinen - und mittendrin, der neue Kunstrasenplatz der SG Ahrtal.
Peter Zimmermann steht am Spielfeldrand und beobachtet seine D-Jugendmannschaft beim Training. Er ist Trainer, Vereinsvorsitzender und aktiv im Verein, seit er ein kleiner Junge war. Seine Stimme schallt über den Platz, wenn er den Jungs Anweisungen zuruft: "Stark Lukas! Schön!"
Beim SG Ahrtal geht es um Teamgeist, Freundschaft und Zusammenhalt
Mit drei Vereinen hat alles angefangen: Schuld, Insul und Dümpelfeld. 2009 kam dann Hönningen dazu. Kleine Dorfvereine, die sich zur Spielgemeinschaft Ahrtal zusammenschlossen. Vier Spielfelder, drei Naturrasenplätze, einmal Asche: "Wunderschön und toll gepflegt", sagt Zimmermann. Zwar waren die Bedingungen nicht perfekt, aber es reichte - für die Jugend, für die Herren und den Traum vom Aufstieg. Der Fußball, sagt Zimmermann, hat ihn gelehrt, was Teamgeist bedeutet, Freundschaft und Zusammenhalt.
Die Flutkatastrophe im Ahrtal veränderte in einer Nacht alles
Dann, vor vier Jahren, kam die Nacht, die alles veränderte. Bei der Flutkatastrophe im Juli 2021 wurde die Ahr zum reißenden Strom. 135 Menschen starben, viele Gebäude, Straßen und Brücken wurden zerstört. Auch für die SG Ahrtal war die Flut eine Katastrophe. Am nächsten Morgen war kein einziger Platz mehr da, berichtet Zimmermann. "Fußball war dann erst mal kein Thema." Es ging darum: "Wie geht's meiner Familie? Wie geht’s meinen Nachbarn, meinen Freunden? Haben alle überlebt?"
Wie geht's meiner Familie? Wie geht’s meinen Nachbarn, meinen Freunden? Haben alle überlebt?
In den ersten Tagen wurde aufgeräumt und versucht, Ordnung ins Chaos zu bringen. Mit Freunden, Teamkollegen und Mannschaften aus dem Umland packt Zimmermann an. Gemeinsam räumen sie Häuser leer und stemmen Putz von den Wänden. Es war wie der Fußball selbst: ein Teamspiel.
Zwei Wochen später, abends, bei Bratwurst und Bier, mit Freunden und Helfern vom Verein, haben alle das gleiche Gefühl: Wir brauchen einen Ausgleich. Sie starten eine Telefonkette und fragen: "Wie geht's dir? Wie ist die Situation zu Hause? Hast du Lust, wieder Fußball zu spielen?" Bis auf zwei Handwerker, die mit ihren Betrieben im Wiederaufbau stecken, sagen alle: "Wir sind dabei!"
Es geht niemals nur um Fußball
Der SV Reifferscheid, etwa zehn Kilometer entfernt, bietet der SG Ahrtal ihren Platz zum Training an. Das beginnt zunächst mit einer Schweigeminute für die Flutopfer. Dann war es "die pure Erleichterung und der zwingend benötigte Ausgleich, um diese Katastrophe überhaupt bewältigen zu können", erzählt Zimmermann.
Irgendwie wird das Fernsehen auf den Verein aufmerksam. Zimmermann wird zur DFB-Pokalauslosung eingeladen und zum inoffiziellen Botschafter der Flutvereine. Vereine aus ganz Deutschland melden sich bei ihm. Aber Aufmerksamkeit allein baut keine neuen Fußballplätze. Die SG Ahrtal braucht Genehmigungen, Bebauungspläne.
Fußballtraining auch im Winter dank neuem Kunstrasenplatz
Im Sommer 2024 wird dann der neue Kunstrasenplatz der Spielgemeinschaft eingeweiht. Der neue Platz ist sogar besser als der alte, denn jetzt können die Fußballer dort auch im Winter trainieren. Qualität, die sie sich ohne die Flut nie hätten leisten können, meint der Vorsitzende. Die gesamte Anlage hat etwa 3,6 Millionen Euro gekostet - finanziert aus dem Wiederaufbaufonds.
Wir haben durch den Wiederaufbau viel gewonnen.
Heute ist die SG Ahrtal stärker als vor der Flut - da ist sich Peter Zimmermann sicher. Ehemalige Spieler kehren aus Verbundenheit zum Heimatverein aus höheren Ligen zurück, eine Frauenmannschaft wurde gegründet, drei neue Teams entstanden. Der Aufstieg in die Kreisliga ist das Ziel für die kommende Saison.
Das war alles nur möglich, weil viele Menschen an einem Strang gezogen haben. "Wir haben durch den Wiederaufbau viel gewonnen", sagt Zimmermann, "aber ich sage es Ihnen ehrlich: Ich wünschte, ich könnte es zurückdrehen und mich mit Ihnen auf dem alten Rasenplatz unterhalten."