Stefan Müller ist 59 Jahre alt. Er möchte anonym bleiben, deswegen haben wir seinen Namen geändert. Müller hat Diabetes. Vor rund fünf Jahren hatte er einen Zuckerschock und musste deshalb eine Therapie in einer Reha-Klinik machen. Dadurch wurde er arbeitslos, verlor seine Wohnung und geriet in die Schulden. Er lebte anschließend ein Dreivierteljahr in Neuwied auf der Straße.
Im Winter auf der Straße gelebt
"Ich habe auch im Winter draußen geschlafen, das ist nicht so einfach", erzählt der 59-Jährige. Einmal wurden ihm all seine Sachen geklaut, darunter sein Schlafsack und seine Kleidung. "Dann steht man da und fängt wieder bei Null an." Auch das war im Winter.
Ich habe auch im Winter draußen geschlafen, das ist nicht so einfach.
Als Schlafplatz hatte er sich die Laderampe eines Supermarktes ausgesucht. Gemeinsam mit anderen Obdachlosen in einer Sammelunterkunft schlafen, das wollte er nicht - trotz frostiger Temperaturen. Dafür war er zu stolz. Deshalb wollte er zu dieser Zeit auch keine Freunde um Hilfe bitten. Sein Bruder hat den Kontakt zu ihm abgebrochen.
Offene Wunde erst dank Wohnung wieder verheilt
Durch seine Diabetes-Erkrankung hatte Stefan Müller dauerhaft eine offene Wunde am Fuß, während er auf der Straße lebte. Erst als er dank des Projekts "Housing First" wieder eine eigene Wohnung fand, verheilte die Wunde. Dennoch mussten ihm in den vergangenen Jahren Zehen an beiden Füßen amputiert werden.
Das macht ihm jetzt noch zu schaffen - und hat ihn zwischenzeitlich auch wieder einen neuen Job gekostet. "Ich hatte bei einer Firma im Objektschutz gearbeitet, als ich durch die Amputationen wieder lange krank wurde", sagt Müller. Das war noch während der Probezeit, die Firma kündigte ihm.
Jetzt bemüht er sich um eine weitere Reha-Therapie. Außerdem möchte Stefan Müller gerne einen Computerkurs machen, um bessere Chancen bei der Jobsuche zu haben. Aktuell besitzt er nicht viel. Er wünscht sich wieder einen Job, um sich einen besseren Lebensstandard leisten zu können.
Projekt "Housing First" hilft wohnungslosen Menschen
Menschen wie Stefan Müller hilft das Projekt "Housing First" im Kreis Neuwied. Das gibt es seit rund fünf Jahren, Träger ist die Caritas. Seit einem Jahr wird das Projekt auch durch das Land Rheinland-Pfalz gefördert.
Das Recht auf Wohnen darf an keine Bedingungen geknüpft sein!
Ziel des Projekts ist es, wohnungslosen Menschen bedingungslos eine Wohnung zu vermitteln. Die Betroffenen müssen vorher also zum Beispiel nicht nachweisen, dass sie eine Suchttherapie gemacht oder wieder einen Job in Aussicht haben. "Das Recht auf Wohnen darf an keine Bedingungen geknüpft sein", erklärt Sozialarbeiterin Vanessa Evren.
"Housing First": Zuerst eine Wohnung, dann alles andere Wohnungen für Obdachlose: Projekt in RLP wird erweitert
Ein Modellprojekt mit Wohnungsvermittlung für Obdachlose in Koblenz und im Westerwald ist erfolgreich gestartet. Jetzt sollen drei weitere Standorte folgen.
Die Idee dahinter ist: Wer erstmal wieder in einer warmen Wohnung lebt, kann sich anschließend mit viel mehr Energie den anderen Problemen des Lebens widmen. Sieben Obdachlose haben durch das Projekt bisher wieder dauerhaft eine Wohnung gefunden.
Immer mehr Obdachlose, aber zu wenig Wohnraum
Derzeit betreut Vanessa Evren zusammen mit ihren Kollegen rund 300 Menschen im Projekt "Housing First". Nicht alle würden aber auf der Straße leben. Manche würden zum Beispiel bei Freunden oder Verwandten auf der Couch schlafen, hätten aber keine eigene Wohnung.
"Wir stellen fest, dass es auch hier in der Region immer mehr obdachlose Menschen gibt, wir finden aber kaum Wohnungen, wo wir sie unterbringen können", erklärt Evren. Eine ihrer Kolleginnen sucht nahezu täglich gezielt nach Wohnungen, zum Beispiel auch auf den bekannten Online-Portalen. Obdachlose würden bei einer freien Wohnung aber oft nicht den Zuschlag bekommen, weil sie zum Beispiel Schulden haben.
Wenn es wie bei Stefan Müller klappt, endet die Hilfe aber nicht mit der Vermittlung der Wohnung. "Wir bieten den Menschen auch eine sozialpädagogische Begleitung an. Wenn sie die Wohnung bezogen haben, erarbeiten wir gemeinsam mit ihnen, was die nächsten Ziele sein könnten", erklärt Vanessa Evren.