Gunnar Hartmann hat vor zwei Jahren im richtigen Moment auf den Auslöser gedrückt: An einem Spätsommertag stand er frühmorgens hoch oben auf einem Berg in der Nähe von Jaén in Spanien, mit Blick auf die Olivenbäume im Tal. Dann flog eine Gruppe junger Waldrappen in Augenhöhe ganz dicht an ihm vorbei. Hinter ihnen zwei Wissenschaftlerinnen vom Waldrappteam in einem Ultraleichtfluggerät mit Paraschirm. "Das war ein magischer Moment", erinnert sich der 24-Jährige.
Der Weg ins Winterquartier will gelernt sein - auch bei Waldrappen
Hartmanns Interesse für Vögel begann schon in seiner Jugend. Über eine Bekannte bekam er Kontakt zum Max-Planck-Institut für Verhaltensbiologie in Radolfzell, wo er Helena Wehner kennenlernte. Sie ist eine langjährige Mitarbeiterin des Waldrapp-Projekts.
2023 fragte sie ihn, ob er als Freiwilliger das Team begleiten und unterstützen wolle, das den Jungvögeln den Weg ins Winterquartier nach Spanien zeigt. Er hatte Zeit und sagte zu. "Ich finde es faszinierend, dass es möglich ist, eine ausgestorbene Zugvogelart wiederanzusiedeln." Das Projekt läuft seit mehr als 20 Jahren und ist erfolgreich.
Der Waldrapp war ausgerottet
Die Wiederansiedlung der Waldrappen ist eine Mammutaufgabe. Die Vögel wurden vor Jahrhunderten in Europa ausgerottet, hauptsächlich durch Jagd. Nur in Marokko und Syrien gab es noch Populationen. Ab Mitte des 20. Jahrhunderts wurden Waldrappen in europäischen Zoos nachgezüchtet. Ziel des Projekts ist es, wieder so viele Vögel in der freien Natur anzusiedeln, dass die Art von alleine überleben kann.
Dafür werden jedes Jahr Küken aus den Zoos von Hand aufgezogen. Sobald sie groß genug sind, trainieren die Teammitglieder die Jungvögel darauf, ihnen in den speziellen Fluggeräten zu folgen. Denn die Vögel sind für ihren ersten Zug in den Süden noch auf Hilfe angewiesen. Mit dem Leichtflugzeug zeigt das Team den jungen Waldrappen, die zu den Ibisen gehören, den Weg in ihr Winterquartier. Gleichzeitig nutzen die Wissenschaftlerinnen die Reise für ihre Forschung zu den Tieren.
Die Waldrappen geben das Tempo vor auf den Weg in den Süden
Doch unterwegs läuft nicht immer alles nach Plan. "Wenn die Vögel nicht mitfliegen wollen, was durchaus mal vorkommen kann, muss man den Versuch abbrechen und auf den nächsten Tag warten“, berichtet Hartmann.
Das Team ist während der Reise aufwendig organisiert. Immer wieder wird ein Camp aufgebaut, inklusive einer gesicherten Voliere, in der die Vögel gefüttert werden und übernachten. Finanziert wird das Projekt von der EU, anderen Institutionen und privaten Geldgebern.
Seit sein Foto den Wettbewerb #ScientistAtWork photo competion der "Nature" gewonnen hat, bekommt Gunnar Hartmann viele Glückwünsche und Interviewanfragen. Darüber freut er sich: Er findet, dass es wichtig es ist, solche Naturschutz-Projekte zu unterstützen. Sein preisgekröntes Foto soll genau darauf aufmerksam machen. Es zeige, wie viel Einsatz und Hingabe hinter dem Artenschutz stehen, so der Hobbyfotograf.