Das digitale Telefonbuch im Smartphone von Iris Schmitz ist lang: Etliche Ortsbürgermeister, Grundschulen, Kindergärten und auch Förderschulen sind hier eingespeichert. Und jetzt, Anfang November, klingelt das Handy sehr oft. Auch als der SWR bei der Ulmenerin zu Gast ist. Ein Ortsbürgermeister will sie noch kurzfristig buchen, denn Iris Schmitz spielt schon seit mehr als 20 Jahren den St. Martin in der Vulkaneifel.
Ich habe meiner Freundin damals gesagt, das ist doch nur für Männer.
Nicht nur für Männer: Bekannte hatte die Idee
"Eine Bekannte hat mich damals gefragt, warum ich nicht als Sankt Martin reite, wo wir doch im Ort keinen hatten", berichtet Iris Schmitz von ihrer Premiere. Wann das genau war, weiß sie selbst schon gar nicht mehr. Nur, dass es schon mehr als 20 Jahre her sein muss.
"Ich habe meiner Bekannten damals gesagt, das ist doch nur für Männer", erinnert sich Schmitz. Und auch die prompte Antwort der Bekannten hat sie noch im Ohr: "Blödsinn! Das hat sie gesagt. Und nach einem kurzen Gespräch mit dem Ortsbürgermeister war ich Sankt Martin." Was darauf bis heute folgte, waren mehrere Hundert Einsätze zu Pferde. Erst in ihrem Heimatort Ulmen und schnell auch in den umliegenden Dörfern.
Seit zehn Jahren mit Schimmel Schorsch unterwegs
"Allein in diesem Jahr werden es wieder an die 20 Martinszüge sein, wo wir mitgehen. Aber das kann sich in Zeiten von Handys auch noch jederzeit ändern", weiß Schmitz. Mit "wir" ist in diesem Fall auch ihr Kaltblut-Schimmel Schorsch gemeint. Seit rund zehn Jahren sind sie ein Team. "Der war früher schon Zugpferd beim Oktoberfest, dem machen die Kinder und der Lärm gar nichts aus", erklärt die Reiterin.
Es gibt Tage, da bestreitet das Duo auch mal drei Züge nacheinander. Eine logistische Herausforderung, denn Schmitz mimt mittlerweile in mehreren Verbandsgemeinden den Sankt Martin: "Das ist ein zweischneidiges Schwert. Einerseits freue ich mich, dass mich überall die Kinder anlächeln. Andererseits bin ich traurig, dass das kein anderer mehr machen möchte."
Schmitz möchte Menschlichkeit vermitteln
Denn für die Vierfach-Mutter ist das jährliche Ritual viel mehr, als nur verkleidet auf einem Pferd zu sitzen: "Es geht mir darum, großen und kleinen Menschen die Geschichte weiter beizubringen." Schmitz ist überzeugt, die Martinsgeschichte sei so aktuell wie nie: "Der Bettler damals wurde herumgeschubst, weil er anders war. Genau das erleben wir auch in unserer heutigen Zeit."
Nach wie vor kämen Menschen nach Deutschland, und "auch die werden geschubst, nur weil sie zum Beispiel eine andere Hautfarbe haben. Martin hat seinen Mantel geteilt, wir sollten genau so großzügig sein. Die Menschen sind nicht anders, wir sind alle gleich." Das sei ihr Antrieb, deshalb denke sie noch lange nicht ans Aufhören.
Gesamte Familie brennt fürs Brauchtum
Ungeachtet dessen übt jetzt schon die nächste Generation, wie es ist, Sankt Martin zu sein. Ab und an ersetze sie ihre 19-jährige Tochter bei Umzügen, sagt Iris Schmitz freudestrahlend. Und wenn der November vorbei ist? "Dann wird es auch nicht viel ruhiger. Denn mein Mann macht immer den Santa Claus für alle Freunde und Familie."