In Deutschland waren im vergangenen Jahr mehr als eine Million Menschen wohnungslos. Das hat eine Hochrechnung der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe ergeben. Und die Zahl werde noch zunehmen. Wohnungslosigkeit ist längst kein Phänomen der Großstädte mehr, auch auf dem Land ist es ein wachsendes Problem.
Es ist mehr so eine verdeckte Wohnungslosigkeit, wahrscheinlich auch noch mal schambehafteter, weil sich alle untereinander kennen.
Verdeckte Wohnungslosigkeit auf dem Land
Anders als in der Großstadt ist die Wohnungslosigkeit hier aber weniger sichtbar: Keine Schlafsäcke am Bahnhof, keine schlafenden Menschen auf Parkbänken. "Es ist mehr so eine verdeckte Wohnungslosigkeit, wahrscheinlich auch noch mal schambehafteter, weil sich alle untereinander kennen", sagt Tatjana Bär-Otto von der Fachberatung Wohnraumsicherung der Caritas Rhein-Sieg.
"Das ist eben was ganz anderes, wenn ich meine Wohnung verliere oder irgendwie auf der Straße unterwegs bin, dann bin ich recht schnell bekannt und es spricht sich natürlich auch rum."
Einzige Beraterin im Kreis Altenkirchen
Die Diplom-Sozialpädagogin ist seit dem vergangenen Jahr die einzige Beraterin im Kreis Altenkirchen und für sechs Verbandsgemeinden zuständig. Sie berät Menschen zwischen 18 und 70 Jahren. Laut offizieller Statistik gibt es im Kreis zehn Menschen ohne Wohnung, erzählt sie. Doch die Realität sehe anders aus: Im vergangenen Jahr hätten sich 100 Menschen ohne Wohnung oder Menschen, die kurz davor standen ihre Wohnung zu verlieren, an die Beratungsstelle gewandt.
Die verdeckte Wohnungslosigkeit sei da noch nicht miteingerechnet. Also von Menschen, die etwa bei Bekannten unterkommen, draußen schlafen oder im Auto übernachten - "auch wenns draußen bitterkalt ist", sagt Bär-Otto. Sie erinnert sich an eine Frau, die zwei Jahre lang in ihrem Auto gelebt hat.
Dieses Starren. Immer wieder diese Blicke, aber keiner fragt mal, kann ich irgendwie helfen.
Ohne Dusche, ohne die Möglichkeit, sich was zu kochen, ohne Privatsphäre. "Man hat keine Meldeadresse. Man kann keine Post bekommen. Man kann nicht einfach irgendwo duschen gehen. Man muss überlegen, wo kann ich auf Toilette gehen oder wo mache ich das vielleicht auch in der Natur?", erklärt die Beraterin.
Das Schlimmste seien die Blicke der Menschen gewesen, habe die Frau ihr erzählt. Während sie im Auto übernachtete, habe die Frau eine innerliche Abneigung gegen andere Menschen aufgebaut. "Dieses Starren. Immer wieder diese Blicke, aber keiner fragt mal, kann ich irgendwie helfen oder kann ich irgendwas tun, sondern einfach nur so diese Blicke spüren."
Private Vermieter haben hohe Ansprüche an Mieter
Inzwischen habe die Frau wieder eine Wohnung. Was nicht einfach war, denn die Hürden werden immer höher. "Man denkt ja, auf dem Land ist es entspannter", sagt Bär-Otto. "Aber mittlerweile ist der Wohnungsmarkt auch hier extrem angespannt."
Eine passende Wohnung zu finden, ist fast wie eine Stecknadel im Heuhaufen suchen, das muss auch passen.
Der Grund: Anders als in Städten gebe es keinen sozialen Wohnungsbau und auch keine Wohnungsbaugesellschaften. Es fehle eine zentrale Stelle, bei der sich etwa Bürgergeldempfänger oder Rentner vormerken lassen könnten. "Man kann sich also auch bei keiner Behörde registrieren lassen, dass man demnächst eine Wohnung benötigt", sagt die Fachberaterin im Kreis Altenkirchen.
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Also beschränkt sich die Suche auf den privaten Wohnungsmarkt. Da kann sich jeder Vermieter seinen Mieter aussuchen und Bedingungen stellen: Feste Jobs, kein Jobcenter, Top-Schufa, keine Haustiere, Nichtraucher. Wer psychisch krank ist, Schulden hat oder in prekären Jobs arbeitet, hat wenig Chancen. "Eine passende Wohnung zu finden, ist fast wie eine Stecknadel im Heuhaufen suchen, das muss auch passen", so Bär-Otto.
Kein Mietspiegel im Kreis Altenkirchen
Für den Kreis Altenkirchen gebe es auch keinen Mietspiegel. Die Wohnkosten, die von Jobcentern und von Sozialämtern als angemessen formuliert werden, sind nach dem sogenannten "schlüssigen Konzept" festgelegt. Für die Stadt Altenkirchen sei das beispielsweise für eine Person 430 Euro kalt, plus Nebenkosten.
"Das ist natürlich schwierig, für den Preis tatsächlich noch was zu bekommen", so Bär-Otto. Viele Menschen zahlten deshalb die Differenz, die sogenannte Wohnkostenlücke, von ihrem ohnehin knappen Regelsatz. Geld, das eigentlich für Essen, Strom oder Kleidung gedacht ist. "Das verschärft die persönliche Situation nochmal."
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Ziel: Bis 2030 keine Wohnungslosigkeit mehr in Deutschland
Die Bundesregierung verfolgt bis 2030 das Ziel, Wohnungslosigkeit zu überwinden. Das begrüßt die Fachberaterin der Caritas ausdrücklich. "Aber, die bisher diskutierten Maßnahmen sind oft unverbindlich", sagt sie, "wir brauchen verbindliche Vorgaben, die bis auf die kommunale Ebene wirken." Für den Kreis Altenkirchen wünscht sie sich ein echtes Netzwerk, in dem Kreis, Verbandsgemeinden und soziale Träger stärker zusammenarbeiten.
Denn der Bedarf ist da. Die Fachberatung der Caritas hat guten Zulauf. "Je früher die Menschen zu ihr kämen, desto besser", sagt Bär-Otto. Es gibt einige Beratungsstellen im nördlichen Rheinland-Pfalz, Housing First Projekte und auch die Klinik in Wissen arbeitet mit der Caritas Rhein-Sieg zusammen. "Es ist immer gut, wenn man sich beispielsweise an die Caritas oder Diakonie, also an die freien Wohlfahrtsverbände wendet, je nachdem, in welcher Region man sich befindet."