Letzter Schultag in Rheinland-Pfalz

Zeugnis-Alarm: Wie Eltern auf die Schulnoten ihrer Kinder richtig reagieren

Zum letzten Schultag lassen die Zeugnisse die Herzen höher schlagen. Wie sollten Eltern mit Noten umgehen? Das raten eine Psychologin, eine Lehrerin und ein Anwalt.

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Von Autor/in Stefanie Hoppe

Mist. Doch nur die 4 in Mathe. Oder auch: Überraschung! In Musik hat es sogar für die 2 gereicht. Für über 500.000 Schülerinnen und Schüler in Rheinland-Pfalz ist die Zeugnisausgabe der spannendste Moment des ganzen Schuljahres. Hat sich die Mühe gelohnt? Bin ich besser oder schlechter als die anderen? Werden die Eltern sich freuen oder am Ende sauer sein?

Die einen halten das erste Mal in ihrem Leben eine schriftliche Beurteilung ihrer Leistung in der Hand. Für die anderen ist das Checken der Ziffern längst Routine. Die einen platzen vor Stolz über ihre Einser und Zweier, für andere heißt es: Keine Versetzung. Die gleiche Runde nochmal drehen.

Psychologin: Gelassen und prozessorientiert reagieren

"Ich empfehle unbedingt Gelassenheit im Umgang mit dem Zeugnis", sagt die Familienpsychologin und Buchautorin Nina Grimm im Gespräch mit dem SWR. "Es gibt keinen signifikanten Zusammenhang zwischen Schulleistung und beruflichem Erfolg." Häufig übertragen Eltern unbewusst Erwartungshaltungen ans Kind, anstatt es seinen eigenen Weg gehen zu lassen, sagt sie.

Bei einem schlechten Zeugnis rät sie, dem Kind Raum für seine emotionale Enttäuschung zu geben. "Schimpfen oder strafen wird nichts verändern, sondern führt nur zu einem Bruch der Beziehung." Stattdessen lieber prozessorientiert rangehen: Was ist dein persönliches Ziel für´s nächste Schuljahr?

Und bei guten Noten? Von Belohnungen wie dem Zahlen von Geld hält die Psychologin und zweifache Mutter nichts. "Das ist wie ein Strohfeuer. Bei einer Bezahlung sind wir fremdbestimmt." Das Kind solle lieber eine eigene Motivation finden: Was will ich mal werden? Was brauche ich dafür?

Schimpfen oder strafen wird nichts verändern. Es führt nur zu einem Bruch der Beziehung.

Lehrerin: Belohnen ja, aber mit Augenmaß

Die Mathe- und Englischlehrerin aus Bad Dürkheim Cornelia Schwartz findet eine Anerkennung für ein gutes Zeugnis okay, rät aber zum Augenmaß. "Das Kind sollte nicht das Gefühl haben, ich werde wertgeschätzt, weil ich die richtige Leistung erbringe." Und nicht nur Top-Leistungen belohnen: "In fast jedem Zeugnis lässt sich etwas finden, das belohnenswert ist."

Bei schlechten Noten solle man auf keinen Fall schimpfen, empfiehlt sie, sondern gemeinsam mit den Kindern nach den Gründen suchen oder sich diese nochmal vor Augen führen. "Wie können wir dich besser unterstützen?" sei eine hilfreiche Frage an das Kind. Zugleich müssten manchmal der Umgang mit Smartphone, Computer und Fernsehen hinterfragt werden - auch selbstkritisch.

Ein Junge sitzt nach der Zeugnisausgabe traurig auf seiner Schultasche (Symbolbild).
Während manche Kinder über ihr Zeugnis glücklich sind, kämpfen andere mit großer Enttäuschung. Eltern sollten den Gefühlen ihrer Kinder Raum geben und mit ihnen ins Gespräch kommen: Wie kann ich dich besser unterstützen? picture alliance / photothek | Thomas Koehler

Anwalt: Nicht gleich klagen, sondern Gespräch suchen

Dass nicht alle Eltern gelassen mit den Schulzeugnissen ihrer Kinder umgehen, weiß der Mainzer Rechtsanwalt Benedict Bock. Manche wollen die Noten anfechten und suchen Rechtsbeistand. Gerade erst vor wenigen Minuten habe er einen Vater am Telefon gehabt, dessen Sohn das Abitur nicht bestanden hat, erzählt er auf SWR-Anfrage.

"Es gibt eine verstärkte Bereitschaft von Eltern und Schülern, sich gegen Zeugnisse zur Wehr zur setzen." Das habe aber nur selten Erfolg, da es in vielen Fächern Beurteilungsspielräume gebe. Nur wenn man einen Fehler nachweisen könne, gebe es hier eine Chance.

Bock sieht sich auch als Mittler: "Ich empfehle etwas mehr Zurückhaltung, gegen eine Schule vorzugehen." Andere, kooperative Möglichkeiten seien oft nicht ausgereizt. "Ich beobachte, dass viele Eltern mit einem Anspruchsdenken da dran gehen, dass sie Schule verrechtlicht sehen."

Wir alle wissen, wie beschämend diese Zeugnistage zum Teil sind.

Die Diskussion um die Ziffernnote - ist sie hilfreich oder überholt?

Kein Wunder allerdings, dass so ein hoher Notendruck herrscht, findet Stefan Jakobs von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) in Rheinland-Pfalz. "Wir alle wissen, wie beschämend diese Zeugnistage zum Teil sind." Anstatt die Beurteilung von kindlicher Leistung einfach nur in Zahlen zu pressen, brauche es mehr qualitative Rückmeldung. Wo genau liegen die Schwächen? Wo hat der Schüler oder die Schülerin individuelle Fortschritte gemacht?

Die Gewerkschaft fordert, auf alle Schulen auszuweiten, was an integrativen und inklusiven Schulen schon selbstverständlich ist: Nämlich den Zeugnissen sogenannte Kompetenzraster beizufügen, in denen konkrete Fähigkeiten der Kinder erwähnt werden. Also zum Beispiel Leseverständnis, Einhalten von Gesprächsregeln, spezielles Wissen in Mathe. Nur so bekämen Schülerinnen und Schüler mehr als ein Bauchgefühl über ihr Können vermittelt. Auf Ziffernnoten allein würden sich Unternehmen sowieso immer weniger verlassen, so Jakobs.

Welchen Stellenwert sollte die Ziffernnote gerenell haben? Gymnasiallehrerin Cornelia Schwartz, die auch Präsidentin des Philologenverbands in Rheinland-Pfalz ist, sagt: "Aus unserer Sicht ist es wichtig, einen Anhaltspunkt zu haben, wo man leistungsmäßig steht. Ziffernnoten sind leichter zu deuten als verklausulierte Texte."

Wertschätzendes Feedback das ganze Jahr über

Bei aller Ungenauigkeit sei etwa die Abi-Note immer noch ein guter Indikator, ob ein Studium erfolgreich verlaufe oder nicht. Unternehmen orientierten sich zudem daran. Trotzdem plädiert Schwartz dafür, das schriftliche Feedback in Schulzeugnisform am Jahresende nicht überzubewerten. "Ich halte es persönlich für sinnvoll, mit Schülerinnen und Schülern über das Jahr hinweg im Gespräch zu bleiben - mit wertschätzendem Feedback." Denn Lob wirke mehr als Tadel - und Gleichgültigkeit ist die schlechteste Reaktion von allen.

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Nina Grimm | Familienpsychologin | So lösen wir Streit in der Familie am besten | SWR1 Leute

Die Beziehung zwischen Eltern und Kind, die betrifft uns irgendwie alle. Denn fast jede und jeder hat Eltern oder auch Kinder und damit alle Perspektiven der Eltern-Kind-Beziehung schon einmal eingenommen. So auch Nina Grimm. Die Familienpsychologin aus Freiburg wurde vor 8 Jahren "mit viel theoretischem Familien-Wissen" selbst Mutter, um dann festzustellen, dass die Theorie im Familienalltag meist "herzlich wenig" brachte. So begann sie, sich anders und interdisziplinär mit den Schwierigkeiten in Familien und im Speziellen in der Eltern-Kind-Beziehung zu beschäftigen und für sich "die Lücke zwischen Theorie und Praxis zu schließen."
Selbstverständlich gibt sie als Therapeutin ihr Wissen weiter, inzwischen auch in Form zweier Beststeller. Ganz aktuell beschreibt sie, welche Fehler sie und ihr Mann gemacht haben, um sich dann schließlich zu trennen, "doch noch die Kurve zu kriegen" und inzwischen wieder eine "glückliche Liebesbeziehung" zu führen. 
Die Beziehung zwischen Eltern und Kind ist komplex, nicht zuletzt deshalb weil es verschiedenste Ansätze für die Erziehung und den Umgang mit Konflikten gibt. Mit Familientherapeutin Nina Grimm ergründen wir in SWR1 Leute welche das sind, welche Erwartungen wir vielleicht lieber nicht an das Familienleben haben sollten und suchen nach Kompromissen und Konfliktlösungen.
Moderation: Nabil Atassi

Leute SWR1 Baden-Württemberg

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Autor/in
Stefanie Hoppe