Friedensbeauftragter der Kirche der Pfalz im Interview

Neuer Wehrdienst: Wie die Evangelische Kirche der Pfalz 18-Jährige berät

Die ersten Fragebögen zum neuen Wehrdienst der Bundeswehr sind verschickt worden, auch an 18-Jährige in der Pfalz. Der Friedensbeauftragte der Evangelischen Kirche der Pfalz, Gregor Rehm, erzählt im Interview, welche Sorgen sie haben.

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Von Autor/in Pascal Lasserre, Tanja Maurer

Junge Männer und Frauen in Deutschland, die 2008 geboren wurden, bekommen in diesen Tagen einen Brief von der Bundeswehr. Männer sind verpflichtet, den enthaltenen Fragebogen auszufüllen, bei Frauen gilt die Freiwilligkeit. Ebenso wird die verpflichtende Musterung für alle Männer eingeführt, die ab Januar 2008 geboren wurden.

Wehrdienst leisten oder nicht? Der Friedensbeauftragte der Evangelischen Kirche der Pfalz, Gregor Rehm, will jungen Menschen dabei helfen, eine Entscheidung zu treffen. Seit Beginn des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine hat er nach eigener Aussage über 300 Menschen beraten. Darunter auch Soldatinnen und Soldaten, die Gewissensbisse haben und unsicher sind, ob ihr Beruf noch der Richtige ist.

Gregor Rehm berät für die Evangelischen Kirche der Pfalz auch Soldatinnen und Soldaten, die Gewissensbisse haben.
Gregor Rehm berät für die Evangelischen Kirche der Pfalz auch Soldatinnen und Soldaten, die Gewissensbisse haben. Donath Rehm

SWR Aktuell: Mit welchen Fragen kommen denn die jungen Menschen so auf Sie zu?

Gregor Rehm: Gerade geht es oft erst einmal um grundlegende Informationen. Was muss ich jetzt wirklich tun, wenn dieser Fragebogen von der Bundeswehr kommt? Welche Konsequenzen hat es, wenn ich da meine Kreuze setzte? Was ist freiwillig und was ist Pflicht? Und im längeren Gespräch mündet das dann oft in ganz persönliche Fragen, nämlich danach, welche Entscheidung will ich treffen? Kann ich mir eigentlich vorstellen, einen Wehrdienst zu leisten oder ist das nichts für mich?

Als Kirche wollen wir da sein und beraten, wollen die jungen Menschen nicht alleine lassen an der Stelle. Das ist ein Stück weit auch eine seelsorgerische Aufgabe, weil es Menschen gibt, die wirklich Gewissensnöte haben und für die die Auseinandersetzung rund um die Frage nach Verantwortung für die Gesellschaft und für sich selbst intensiv ist. Das in Einklang zu bringen, ist oft nicht einfach und da sind wir da.

Rekruten bei der Gefechtsausbildung im Rahmen eines Medientages zur Basisausbildung bei der Bundeswehr.  Die ersten Fragebögen zum neuen Wehrdienst der Bundeswehr sind verschickt worden, auch an 18-Jährige in der Pfalz. Der Friedensbeauftragte der Evangelischen Kirche der Pfalz in Speyer, Gregor Rehm, berät sie bei ihrer Entscheidung.
picture alliance/dpa | Federico Gambarini

SWR Aktuell: Sie sagen, Sie wollen die Menschen möglichst neutral beraten. Warum neutral?

Rehm: Wir beraten ergebnisoffen, denn wir wollen, dass junge Menschen in der Lage sind, eine ganz eigene Entscheidung zu treffen. Wir haben ja im Grundgesetz Artikel 4 Absatz 3 verankert, das Recht auf Kriegsdienstverweigerung aus Gewissensgründen verankert. Und wenn man genau hinschaut ist die Fähigkeit, dem eigenen Gewissen zu folgen, eigentlich eine Voraussetzung dafür, dass wir demokratisch zusammen leben können, dass zum Beispiel das Wahlrecht auch in diesem Sinne wahrgenommen werden kann. Und wir wollen gerne junge Menschen dabei unterstützen, eine Entscheidung zu treffen, die wirklich die ihre ist.

Und es gibt Aspekte, die es schwer machen, sich bei der Entscheidung für oder gegen einen Wehrdienst auf das eigene Gewissen zu verlassen, wenn zum Beispiel der neue Wehrdienst bei der Bundeswehr von der Bundesregierung so gut finanziell ausgestattet ist, dass er junge Menschen zieht, die zum Beispiel aus wirtschaftlich nicht ganz so soliden Verhältnissen kommen.

SWR Aktuell: Was finden Sie denn in diesem Zusammenhang wichtig, damit man zu einer Entscheidung kommt?

Rehm: Ich glaube, wichtig ist es erstmal ein ganz realistisches Bild davon zu bekommen, was es bedeutet, einen Wehrdienst zu leisten. Denn es ist ja nicht so, dass ich da als junger Mensch ein paar Monate hingehe und dann ist es vorbei, sondern ich bin dann ausgebildet als Soldat, als Soldatin. Ich kann dann mein Leben lang einberufen werden und werde automatisch Teil der Reserve. Es ist wichtig zu verstehen, dass es eine Entscheidung ist, die das ganze Leben betrifft!

Es muss jungen Menschen klar sein, auch in aller Konsequenz, dass Soldat oder Soldatin sein bedeuten kann, im Ernstfall selbst getötet zu werden oder jemanden töten zu müssen. Da wollen wir gerne Informationen liefern, die mehr beinhalten als das, was man auf manchem Flyer vielleicht wahrnimmt oder in manchem YouTube-Clips sehen kann.

Anträge auf Kriegsdienstverweigerung

SWR Aktuell: Sie spielen auch ein bisschen auf die Bundeswehr-Kampagne an, die es gibt, die auch in Schulen wirbt. Würden Sie sagen, da lastet ein besonderer Druck auch auf die jungen Menschen, die zu Ihnen kommen?

Rehm: Also viele junge Menschen empfinden das, glaube ich, als einen wirklichen Druck. Auch weil sie sich sehr bewusst sind, dass es um gesellschaftliche Verantwortung geht. Und da ist es nicht hilfreich wenn die Werbestrategien der Bundeswehr im Hollywood-Style daherkommen, wie zum Beispiel in den letzten Jahren mit der YouTube-Serie "Die Rekrutinnen".

Viele junge Menschen empfinden einen wirklichen Druck

Es wird oft gesagt, die Bundeswehr stelle sich selber als Abenteuercamp dar. Ich mag das gar nicht beurteilen. Aber wenn dieser Eindruck bei jungen Leuten entstehen sollte, dann wäre das verheerend. Es braucht ein sehr gerades Bild. Deshalb wollen wir gute Informationen liefern.

Wer sind die Kriegdienstverweigerer?

SWR Aktuell: Würden Sie sagen, es lastet eben auch ein gesellschaftlicher Druck jetzt gerade auf dieser ganzen Situation, dass man sich dann auch melden soll?

Rehm: Viele junge Leute empfinden das so und empfinden das auch als ungerecht und ungleich. Die junge Generation, die schon während der Corona-Zeit sehr viel Rücksicht auf vulnerable Gruppen genommen hat, soll jetzt schon wieder quasi den "Karren aus dem Dreck" ziehen. Es gibt mit Sicherheit einzelne, die das so empfinden und es gibt vielleicht auch viele, die das so empfinden.

Ich glaube, im Großen und Ganzen sind wir aber in einer Situation, bei der die jungen Menschen, obwohl es wieder Pflichtanteile gibt, zum Beispiel mit der Musterungspflicht, noch eine sehr große Freiheit haben. Es wird ja aktuell noch niemand zur Grundausbildung eingezogen, sondern der Wehrdienst beruht noch auf Freiwilligkeit. Und das ist eine Gelegenheit für junge Leute, wirklich ganz aktiv eine Entscheidung zu treffen, eine eigene. Und ich hoffe, dass das lange so bleibt.

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Pascal Lasserre
SWR-Autor Pascal Lasserre
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