Familien aus der Pfalz erzählen

Drei Jahre Krieg in der Ukraine: So geht's Geflüchteten in der Pfalz

Seit drei Jahren greift Russland die Ukraine an. Helfer und Betroffene aus der Pfalz erzählen von Ohnmacht - und der Hoffnung, hier neu anzufangen.

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Stand

Von Autor/in Paul Lütge

Am 23. Februar 2022 saß Yevhenii Shehai zuhause in Charkiw vor einer Torte. Es war sein 37. Geburtstag, seine Tochter blies die Kerzen aus. Am Tag danach schoss Russland mit Raketen auf die Stadt. Vor drei Jahren begann der russische Angriffskrieg in der Ukraine. Hunderttausende Menschen sind seitdem aus dem Land geflüchtet. Etwa 53.000 von ihnen leben jetzt in Rheinland-Pfalz. Wie blicken sie nach ihrer Flucht auf ihr Heimatland?

Krieg in der Ukraine: Geflüchtete berichten über ihre Flucht

Yevhenii Shehai zeigt Fotos auf seinem Handy: Von seiner Geburtstagstorte, von den Küchen, die er gebaut hat. Shehai arbeitete in Charkiw als Möbeldesigner, er hatte 25 Angestellte. Zwei von ihnen sind im Krieg gestorben. "Viele meiner Männer sind im Krieg“, sagt er.

Er hat Videos auf seinem Handy, von kaputtem Beton, Wohnblocks, die heruntergebombt wurden, Fensterscheiben von Autos, die wie Spinnennetze aussehen. Zerstörung. Ein Video aus seinem Auto, in dem seine Tochter auf Ukrainisch sagt: "Schau mal Papa, ein Soldat, so einen habe ich noch nie gesehen."

Yevgheni Shehai nach seiner Flucht aus Charkiw in der Ukraine in die Pfalz
Yevgheni Shehai nach seiner Flucht aus Charkiw in der Ukraine in die Pfalz

Shehai lebt jetzt mit seiner Frau Susanna, seiner Tochter und ihrem Hund Rika in Haßloch. Fünf Tage ist die Familie mit dem Auto aus der Ukraine geflüchtet; sie haben Nächte im Stau verbracht, später in einem Kindergarten in der Slowakei geschlafen. Er sagt, sie hatten ständig Angst davor, von Soldaten angehalten zu werden. Dann kamen sie in eine Unterkunft für Geflüchtete in Speyer, eine Sporthalle. "Wir wollten einfach nur Suppe, etwas Warmes essen“, sagt er.

Hilfstransporte aus Neustadt in die Ukraine

Um Menschen, die das Land nicht verlassen konnten, kümmert sich Pater Gerd Hemken vom Herz-Jesu-Kloster in Neustadt an der Weinstraße. Alle zwei Monate organisiert er einen Spendentransport in die Ukraine.

Drei Jahre Krieg gegen die Ukraine Zahl geflüchteter Ukrainer in RLP auf Höchststand

Seit Beginn des Krieges gegen die Ukraine hat RLP mehr als 53.000 Geflüchtete aufgenommen. Die Zahl habe damit einen Höchststand erreicht, so das Integrationsministerium.

Der Nachmittag SWR1 Rheinland-Pfalz

Das Kloster ist Teil einer weltweiten Gemeinschaft: "Unmittelbar nach Beginn des Krieges haben sich unsere Brüder aus der Ukraine bei uns gemeldet und von dem Leid im Land erzählt“. Anfangs habe Hemken in der Pfalz viel Geld gesammelt und dieses ins Land geschickt. "Dann habe ich mit einem polnischen Mitbruder gesagt: Lass uns hinfahren und schauen, was dort mit dem Geld passiert."

Online-Tagebuch über Krieg in Ukraine

Hemken und weitere Helfer wollten auch schauen, was die Menschen in der Ukraine überhaupt brauchen. In einem Online-Tagebuch schrieb Hemken über die Spendenfahrt im März 2023.

Tag 2: Mittwoch 08.03.2023: Unterwegs habe ich auf der Autobahn weder Hilfstransporte noch Militär gesehen. Es gab keine Hinweise darauf, dass es in Richtung "Krieg" geht.

"Ich war schon an vielen Orten dieser Erde. Ich habe viel Armut und viel Elend gesehen. Aber in der Ukraine habe ich zum ersten Mal hautnah Krieg erlebt", sagt Hemken. Besonders die Ohnmacht der Menschen war schrecklich zu sehen, sagt er. Die vielen Flaggen auf den Gräbern von Soldaten, die Zerstörung. Und: Die permanente Angst.

Tag 4: Freitag, 10.03.202: Nachdem die Russen gestern viele Orte in der Ukraine bombardiert haben, ist heute vielerorts der Strom ausgefallen. So auch hier im Kloster in Perszotrawensk und in der ganzen Umgebung. Ein Mitbruder erzählte aber auch von einer Soldatenbeerdigung in seiner Gemeinde in der letzten Woche. Als der Sarg mit dem toten Soldaten ins Dorf gebracht wurde, stand das ganze Dorf am Straßenrand und kniete nieder, als der Sarg vorübergetragen wurde. Herzzerreißend!

Hemken über Krieg in Ukraine: "Kaum eine Chance, sich in Sicherheit zu bringen"

In Charkiw erlebte Hemken, wie es ist, wenn russische Raketen das Land angreifen. "Man hat kaum eine Chance, sich rechtzeitig in Sicherheit zu bringen, so nah ist die Stadt an der Grenze.“

Tag 9: Mittwoch, 15.03.2023: Als wir uns dort die Kriegsschäden angeschaut haben, hörten wir Sirenengeheul. Es war Raketenalarm. Das hatten wir in den vergangenen Tagen immer wieder gehört und uns nichts Besonderes dabei gedacht. Wir sind dann losgefahren Richtung Kiew, und als wir gerade auf der Autobahn waren, haben wir im Radio gehört, dass am Stadtrand von Charkiw Raketen eingeschlagen haben. Von daher haben wir großes Glück gehabt.

Hemken ist in seinem Büro im Herz-Jesu-Kloster, während der von seiner Zeit in der Ukraine erzählt. Auf einem Beistelltisch hat er Andenken aus der Ukraine gesammelt. Drei Flaggen stehen in einem rostigen Metallrohr, einem Stück eines Panzers, sagt Hemken. Daneben liegt ein Splitter einer Bombe. Reste, die die Gewalt des Krieges nur andeuten können.

Gerd Hemken in seinem Büro. Auf einem Tisch hat er Erinnerungen an die Ukraine gesammelt. Er kümmert sich um Ukrainer nach ihrer Flucht in die Pfalz.
Gerd Hemken in seinem Büro im Herz-Jesu-Kloster. Auf einem Beistelltisch hat er Erinnerungen an die Ukraine gesammelt. Er kümmert sich um Ukrainer nach ihrer Flucht in die Pfalz.

Tag 10: Donnerstag, 16.03.2023: Als wir kurz vor der Grenze zu Polen durch ein kleines Dorf fuhren, war die Straße mit schwarz gekleideten Menschen gesäumt. Auf der Bordsteinkante rechts und links der Straße stand alle paar Meter ein Grablicht. Alle warteten auf die Heimkehr eines Dorfbewohners, eines jungen Mannes, der an der Front gefallen ist.

Geflüchtete aus der Ukraine: Schritt für Schritt geht es weiter

Nachdem Yevhenii Shehai nach Deutschland kam, fing er an, die Sprache zu lernen. Jetzt baut er wieder Möbel, auch hier. "Ich habe eine Website auf Deutsch gemacht, suche einen Platz für eine Werkstatt." Es geht weiter, Schritt für Schritt, sagt er.

Zwei Mitarbeiter hat er hier in Deutschland. "Wir müssen hier neu anfangen, aber wenn wir zurück in die Ukraine fahren, müsste ich auch neu anfangen." Sein Studio ist von einer Rakete getroffen worden, seine Heimat komplett verwüstet.

Ihm gefällt es in Haßloch: "Ich mag es, dass es hier so ruhig ist. Eine Großstadt ist nichts mehr für mich", sagt er. Shehai geht gerne im Wald mit seiner Tochter spazieren. Sie ist fünf Jahre alt. Bald ist ist eine von rund 10.000 Schülerinnen und Schüler aus der Ukraine, die in Rheinland-Pfalz zur Schule geht.

Eine Weinstube in der Pfalz als Zuflucht für Geflüchtete

Wolodimir Ryzhuk und seine Frau Daria leben in Freinsheim. Sie haben sich vor sieben Jahren in Kiew kennengelernt. Mit dem Bus über Polen sind sie nach Deutschland gekommen. "Wir waren erst in Mainz, dann Dortmund, irgendwann waren wir sehr verzweifelt, unser Geld wurde knapp", sagt er. "Wir dachten, wir müssten vielleicht wieder zurück." Über eine Organisation fanden sie Hilfe. Sie konnten in einer Weinstube in Freinsheim übernachten, kostenlos, und bei sehr gutem Essen, sagt er.

Daria und Wolodimir Ryzhuk leben nach ihrer Flucht aus der Ukraine in der Pfalz.
Daria und Wolodimir Ryzhuk leben seit zweieinhalb Jahren nach ihrer Flucht aus der Ukraine in der Pfalz.

Daria und Wolodimir sitzen in einem Café in Bad Dürkheim. Sie erzählen davon, wie sie für den den B2-Kurs auf Deutsch gelernt haben, und ihre Tage damit verbringen, Bewerbungen zu verschicken, damit es weitergeht. Wolodimir ist 29, er möchte Politik studieren in Heidelberg.

Sie vermissen ihre Freunde und Familien. Die Feiertage zuhause, wenn sich alle getroffen haben. Viele Freunde und Verwandte leben immer noch in der Ukraine, sagt er. Weil sie zu alt sind, um zu flüchten.

Geflüchtete nach Flucht aus Ukraine: Wie geht es jetzt weiter?

Drei Jahre Angriffskrieg, fast drei Jahre Leben in Deutschland für Wolodimir Ryzhuk, Yevhenii Shehai und ihre Familien. Wie geht es jetzt weiter mit ihrem Heimatland?

"Die Männer haben große Angst, dass sie eingezogen werden", sagt Yevhenii Shehai. "Ich kann das verstehen. Ich will auch keine Waffe nehmen und jemanden töten." Er sagt, Selenskij müsse weg. "Aber das ist nur meine Meinung".

Pater Hemken sagt: Ein großes Problem seien die vielen vermissten Soldaten: "30.000 Soldaten werden vermisst. Wenn jemand tot ist, kriegen die Familien Geld. Bei Vermissten ist das nicht so".

Hemken bekommt von seinen ukrainischen Freunden von ihrer Ohnmacht zu hören: Vor dem Krieg, für den sie nichts können. Und jetzt, wenn sie zusehen müssen, wie andere über die Zukunft des Landes entscheiden. "Ich habe Hoffnung, dass der Krieg zu Ende geht", sagt Hemken: "Aber die Frage ist: Zu welchem Preis?"

Wolodimir Ryzhuk sagt: Die Ukraine brauche weiterhin Hilfe, auch Waffen: "Wir sind überzeugt davon, dass nur eine starke und unabhängige Ukraine die Lösung ist." Nur dann könne der Krieg enden, sagt er.

Gestern ist Yevhenii Shehai 40 Jahre alt geworden. Seinen Geburtstag feierte er nicht, sagt er. Das letzte Mal machte er das vor drei Jahren, am 23. Februar 2022. Ein schlechtes Omen, sagt Shehai.

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