Vorlesung zu politischer Kommunikation an der Uni in Landau

Tatort Kommentarspalte: Deswegen eskaliert es bei Facebook & Co. so schnell

Ob es um Klimaschutz, Corona oder die letzte Wahl geht – Diskussionen in den sozialen Medien laufen oft aus dem Ruder. Warum ist das so? Wir sprechen mit Uni-Professor Jürgen Maier.

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"Demokratie: Geschichte. Gegenwart! Zukunft?" unter diesem Motto beginnt am Montag an der Rheinland-Pfälzischen Technische Universität (RPTU) in Landau eine Ringvorlesung, die ausdrücklich für alle Interessierten geöffnet ist. Den Auftakt macht Prof. Dr. Jürgen Maier mit dem Vortrag "Wie groß ist der Riss, der durch Deutschland geht?"

Prof. Dr. Jürgen Maier, Rheinland-Pfälzische Technische Universität (RPTU) in Landau
Prof. Dr. Jürgen Maier, Rheinland-Pfälzische Technische Universität (RPTU) in Landau

Spoiler: Im Gespräch mit dem SWR sagt Maier, dass die Polarisierung vielleicht nicht so stark ist, wie es vielleicht den Anschein hat, wenn man durch die sozialen Medien scrollt. Die Extremen seien halt nur oft lauter, auffälliger und zügelloser. Nur, warum ist das so, dass es gerade dort besonders oft knallt? Hier kommen seine Antworten.

SWR Aktuell: Was genau meinen Sie mit "Diskursstörung"? Können Sie ein Beispiel aus sozialen Medien nennen, das viele kennen könnten?

Prof. Dr. Jürgen Maier: Wir können beobachten, dass unsere Kommunikation immer schneller und kürzer wird, insbesondere in den sozialen Medien. In einem direkten Gespräch kann ich Unklarheiten direkt ausräumen, durch Gegenfragen beispielsweise. Wenn ich aber etwas kurz und prägnant auf den Punkt bringen will, wie das in den sozialen Medien ja nach Plattform ja sogar verlangt wird, kann das zu Missverständnissen führen. Und teilweise geht es da sogar um komplexeste Probleme in der Politik, die in aller Kürze diskutiert  werden. Das erhöht die Gefahr von Missverständnissen und Fehlurteilen.

SWR Aktuell: Warum werden Diskussionen in sozialen Medien so oft hitzig oder eskalieren? Liegt das an den Plattformen selbst oder an uns als Nutzern und Nutzerinnen?

Maier: Die Antwort darauf ist komplex. Zum ersten gibt es die Beobachtung, dass der politische Diskurs grundsätzlicher ruppiger wird. Die sozialen Medien wären dann möglicherweise auch nur ein Spiegelbild dessen. Zum zweiten gibt es eben den schon angesprochenen Zwang, in den sozialen Medien möglichst pointiert, vielleicht auch überspitzt zu formulieren, um überhaupt wahrgenommen zu werden. Besonders emotionale, besonders negativ formulierte, besonders unzivilisierte Beiträge bekommen häufig mehr Feedback. Eine Wirkung, auf die teilweise auch bewusst hingearbeitet wird.

SWR Aktuell: Welche Rolle spielt die Anonymität im Netz?

Maier: Die Anonymität kann dazu verleiten, über die Grenzen des Sagbaren hinauszugehen, ohne dafür belangt zu werden. Das sieht jeder, der schon mal auf X oder auf Facebook war. Heute Morgen habe ich die Zeitung aufgeschlagen und von verbaler Gewalt gegen den Bürgermeister von Landau gelesen, die demnach in den sozialen Medien geäußert wurde. Das ist ein Teil der Diskursstörung, wenn auch ein extremer. 

SWR Aktuell: Wie reagiere ich am besten, wenn ich selbst in einer Diskussion im Netz auf Hass, extreme Meinungen oder Falschinformationen stoße?

Maier: Am besten wäre es natürlich, Courage zu zeigen, aufzustehen und deutlich zu machen: Das ist inhaltlich falsch oder in der Tonalität nicht akzeptabel. Wenn der Verdacht besteht, dass eine Falschinformation verbreitet wird, könnte man denjenigen oder diejenige etwa auffordern, die Quelle zu nennen – um auf eine fundierte Basis zu kommen, auf der man sich dann auch unterhalten kann.

Aber das ist natürlich leichter gesagt als getan: Ich stand auch schon mal in einer Schlange im Supermarkt und habe gehört, wie sich Menschen vor mir abfällig über bestimmte Bevölkerungsgruppen unterhalten haben und habe mir dabei gedacht: Das geht gar nicht! Da gehört Mut dazu, das dann auch zu sagen.

Markus Söder macht kommunikativ viel richtig!

SWR Aktuell: Teil Ihrer Vorlesung ist auch die politische Kommunikation: Welche Politikerin, welchen Politiker finden Sie da bemerkenswert und warum?

Maier: Es gibt einige, die rhetorisch sehr beschlagen sind, unabhängig davon, ob man sie mag oder nicht. Ein Beispiel wäre Markus Söder (CSU), der kommunikativ viel richtig macht und immer im Gespräch bleibt, ob mit politischen Dingen oder dem, was er zu Mittag isst. Wen ich rhetorisch auch sehr schätze, ist Boris Pistorius (SPD). Er schafft es immer wieder, schwierige Sachverhalte und komplexe Themen so zu reduzieren, dass sie von möglichst vielen Menschen verstanden werden.

SWR Aktuell: Ist Donald Trump "rhetorisch beschlagen"?

Maier: Er ist eher rhetorisch reduziert, aber damit sehr erfolgreich. Das muss man neidlos anerkennen. Aber das ist nichts, was ich mir für die politische Auseinandersetzung in Deutschland wünschen würde.

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