Im Mai dieses Jahres drang eine 16-jährige Schülerin ins Lehrerzimmer der Karolina-Burger-Realschule in Ludwigshafen ein und bedrohte eine Lehrerin mit einem Messer. Sie ist wegen versuchten Totschlags angeklagt, laut Staatsanwaltschaft Frankenthal steht die Unterbringung der jungen Frau in einer Psychiatrie im Raum.
Lehrkräfte wenden sich hilfesuchend an die ADD
Die Lehrkräfte der Schule klagen, sie seien regelmäßig mit Gewaltandrohungen und Beleidigungen seitens der Schüler konfrontiert. Außerdem gebe es massiven Vandalismus an der Schule: So würden unter anderem regelmäßig sanitäre Einrichtungen verunreinigt und beschädigt, Möbel kaputtgeschlagen. Bereits im Sommer hatten sich Lehrkäfte mit einem Schreiben an die zuständige Schulaufsichtsbehörde ADD in Trier gewandt, wie die GEW dem SWR mitteilte.
Doch was ist an den Behauptungen der Lehrkräfte dran?
Gutes Lernen an der Karolina-Burger-Schule nicht möglich
Auf SWR-Anfrage teilte die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) in Mainz mit: "So, wie wir das im Moment beurteilen, kann dort aktuell kein gutes Lernen stattfinden, da der Schulalltag geprägt ist von Gewalt und auch von Angst. So kann kein gutes Lernen gelingen. Da muss jetzt dringend gehandelt werden!"
Die Vorsitzende der GEW Rheinland-Pfalz, Christiane Herz, berichtet, sie habe mit jungen Lehrkräften an der Karolina-Burger-Realschule gesprochen. Viele von ihnen seien aktuell krank und wegen Überforderung und Überlastung gar nicht in der Lage, die Arbeit an der Schule zu leisten. In der Lehrerschaft herrsche eine große Verunsicherung, man fühle sich im Stich gelassen und wünsche, dass endlich offen über die Probleme gesprochen werde.
Ortsvorsteher in Mundenheim weiß schon lange von den Problemen
Auch der Ortsvorsteher von Ludwigshafen-Mundenheim, Raymond Höptner (CDU), bestätigte im SWR Interview , dass die Lehrkräfte sich bereits vor fünf Monaten hilfesuchend an die Schulbehörde ADD gewandt haben. "Dass da bis heute nichts passiert ist, ist meiner Meinung nach, ein Skandal. An der Schule herrscht ein gewisses Klima der Angst und der Bedrohung. Und das ist untragbar."
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Ist es auch an anderen Realschulen in Ludwigshafen so schwierig?
Aber sind die Zustände an der Karolina-Burger-Realschule die Ausnahme oder die Regel in Ludwigshafen? Wir haben drei von den insgesamt sechs Realschulen Plus in Ludwigshafen persönlich besucht. Wir haben mit Lehrkräften und Schulleitungen gesprochen. Fast alle wollten anonym bleiben.
Viel zu wenig Realschulen, viel zu volle Klassen
Sechs Realschulen: Das sei einfach viel zu wenig, sagte etwa eine Schulleitung zu uns. Es bräuchte in Ludwigshafen mindestens sieben Realschulen. Die Folge: Viel zu volle Klassen, Raumprobleme und beengte Verhältnisse.
Ein Schulleiter aus Oggersheim äußert sich ganz offen: "Als ich 2004 hier an der Adolf-Diesterweg-Realschule anfing, hatten wir keine 300 Kinder. Jetzt sind es über 500. Wir behelfen uns mit Containern", erzählt der scheidende Rektor Volker Knörr. Der CDU-Politiker übernimmt ab kommender Woche das Amt des Landrats im Rhein-Pfalz-Kreis.
Zu wenig Platz, kein Sport, keine Nachmittagsangebote
Fachräume, eine Sporthalle - alles Fehlanzeige. "Das geht mit unseren Kindern so eigentlich gar nicht!", sagt Schulleiter Knörr. "Die haben schon einen starken Bewegungsdrang! Und die brauchen ja auch Schulsport und AGs am Nachmittag, die besuchen ja keine Vereine", so Knörr.
Aber dafür haben die Realschulen weder Geld noch Leute - meistens gibt es am Nachmittag gar keine Angebote. Der Migrationsanteil an seiner Realschule liegt, ähnlich wie bei der Karolina-Burger-Schule, bei 90 Prozent. Viele sprächen schlecht deutsch, sagt Knörr.
Beleidigungen und Prügeleien - Alltag an den Realschulen
Beleidigungen gegenüber Lehrkräften, Prügeleien auf dem Schulhof - Alltag an der Adolf-Diesterweg Realschule in Oggersheim. "Wöchentlich müssen wir Kinder und Jugendliche tageweise wegen untragbarem Benehmen vom Unterricht ausschließen", berichtet Volker Knörr.
Kinder und Jugendliche haben große Probleme
Auch an anderen Realschulen in der Stadt bestätigen Pädagogen und Schulleitungen, dass die Kinder mit zahlreichen Problemen in die Schule kommen. Oft würden sie nicht ausreichend gut Deutsch sprechen, sie seien von Armut betroffen, kämen aus Kriegsgebieten und seien daher oft traumatisiert, erklären Lehrer einer Schule, die der SWR besucht hat.
Ein Umstand, den die GEW auch für die Karolina-Burger-Realschule bestätigt: "Die Schülerinnen und Schüler, die sich jetzt an dieser Schule befinden, kommen alle aus schwierigen Situationen. Kein Kind, das da morgens in die Schule kommt, tut es mit Leichtigkeit".
Eine Integration in 'normale' Klassen ist schwierig
Eine Integration der Kinder sei schwierig, müssten sie doch bis zu zwei Jahre mindestens 20 Stunden in der Woche in Extra-Deutsch-Klassen ihre Zeit verbringen. Die Integration in die "normale" Klasse für die verbleibenden Schulstunden gelinge daher schlecht, erklären verschiedene Pädagogen aus dem Umfeld der Realschulen.
Und Lehrkräfte und Schulleitungen bestätigen auch: "Der Ton ist rauer geworden" - den Lehrkräften gegenüber und unter den Schülern selbst. Der Kontakt zu den Eltern hingegen sei schlecht oder gar nicht vorhanden.
Eltern beschimpfen andere Kinder - lassen sich aber sonst nicht blicken
Manchmal würden Eltern in der Schule auftauchen, um Kinder zu beschimpfen, die sich mit ihren eigenen Kindern gestritten hätten. Schon zwei Hausverbote habe man dieses Schuljahr gegenüber Eltern daher aussprechen müssen, erzählt eine Schulleitung.
"Oder wenn wir den Kindern das Handy abnehmen. Da kommen die Eltern auch in die Schule. Aber sonst herrscht da gar kein Kontakt", so Volker Knörr von der Adolf-Diesterweg Schule.
Doch der Kontakt zu den Eltern sei unerlässlich, denn nur in Zusammenarbeit mit den Eltern könne der Schulerfolg des Kindes gelingen, sind Lehrer und Lehrerinnen verschiedener Realschulen in Ludwigshafen sicher.
Realschulen stehen hinter ihren Schülern
Doch eines betonen alle Schulleitungen und Lehrkräfte, mit denen der SWR gesprochen hat: Man stehe hinter diesen Kindern und Jugendlichen und man arbeite gerne mit ihnen. Es brauche aber viel mehr Personal an diesen Schulen und auch viel mehr pädagogischen Freiraum, um gelingenden Unterricht zu gestalten.
"Wir bräuchten zwei Lehrkräfte in den Klassen oder eben deutlich kleinere Klassen. Und: wir können hier nicht stur irgendwelche Stundentafeln erfüllen, wir müssen auf diese Kinder eingehen können", betont eine Schulleitung.
Eine gute Beziehung zu den Kindern und Jugendlichen sei das A und O, wolle man mit ihnen erfolgreich arbeiten. "Wir brauchen generell immer in allen Klassen zwei Fachkräfte - eine Lehrkraft und einen Schulsozialarbeiter, sonst geht hier gar nichts", betont auch Volker Knörr.
"Kinder fühlen sich bei uns zuhause"
"Die fühlen sich bei uns zuhause, oft mehr als in ihrem eigenen Elternhaus. Bei uns fühlen sie sich sicher. Uns vertrauen sie", sagt eine Lehrkraft. Die Realschulen bräuchten nur endlich die entsprechenden Mittel vom Land, um diesem Vertrauen, das die Kinder der Schule entgegenbringen, auch gerecht werden zu können.
Schulen in Großstädten brauchen eine andere personelle Ausstattung
"Es kann nicht sein, dass man Schulen in Großstädten wie Ludwigshafen, genauso behandelt, wie Schulen auf dem Land. Und dass wir die gleiche personelle Ausstattung bekommen und den gleichen Unterricht machen sollen, wie Schulen auf dem Land. Das funktioniert hier nicht!", betont eine Pädagogin gegenüber dem SWR. Da müsse sich etwas ändern. Dringend.