"Ich hatte eine richtige Odyssee hinter mir als ich in die Post-Covid-Ambulanz in Worms kam", sagt Sonja Lott aus Ludwigshafen. "Dort waren dann alle unglaublich nett zu mir! Endlich hat mir mal jemand richtig zugehört, Zeit für mich gehabt. Hier wurde mir endlich geholfen."
Corona trotz Dreifach-Impfung
Die 61-Jährige erkrankte im Sommer 2022 - obwohl sie dreimal geimpft war - an Corona. Danach war alles anders. " Ich hab immer viel Zeit und Energie in meinen Job investiert. Und plötzlich hab ich keine Kraft mehr gehabt und war nur noch permanent müde."
Beim Erstgespräch gibt es viele, die einfach nur weinen und ihren emotionalen Kummer rauslassen.
Was die Wormser Ambulanz anders mache als andere Post-Covid-Ambulanzen , sei der "ganzheitliche Ansatz", sagt die Leiterin Denise Brandt. "Wir, meist ich, führen zunächst ein Erstgespräch." Da können die Patienten ihre Krankengeschichte erzählen, alles was sie belastet. Dieser Termin sei für viele sehr anstrengend: "Ich habe Patienten beim ersten Gespräch, da muss das Licht aus sein und die Fenster geschlossen, weil sie wahnsinnig geräuschempfindlich sind."
Leiterin Corona-Ambulanz: "Wir schenken ihnen Glauben"
Was für alle aber ungeheuer wichtig sei: "Wir schenken ihnen Glauben", sagt Brandt. Die meisten nämlich seien verzweifelt, weil ihnen andere sagen, sie seien Hypochonder und sie sollen sich doch nicht so anstellen. Oder weil der Hausarzt nichts mit ihrer Erkrankung anzufangen weiß. "Da ermuntern wir sie, bei uns alle Gefühle zuzulassen."
Die Post-Covid-Ambulanz in Worms arbeitet mit einem ganzheitlichen Konzept
Das ganzheitliche Konzept in Worms besteht aus drei Bausteinen: Dem Erstgespräch, der Diagnostik durch einen Arzt und einer Sozialberatung.
Dr. Rüdiger Stiefel ist der Mediziner, der sich in der Ambulanz den körperlichen Zustand der Patienten genau ansieht. "Post-Covid", sagt er, "ist schwer zu erkennen."
Was sind die Symptome von Post Covid?
Es gibt sogenannte Leitsymptome. Das sind zum einen "Kognitive Störungen": Das heißt, die Betroffenen können sich schwer konzentrieren, manche werden vergesslich oder haben Schwierigkeiten, die richtigen Worte zu finden. Das zweite ist eine unendliche Müdigkeit, auch Fatigue genannt. Die Betroffenen sind schnell erschöpft. "Manche schaffen es gerade noch aufzustehen, etwas zu frühstücken und müssen dann den Rest des Tages liegen", sagt Stiefel. Dazu kämen emotionale Störungen wie Traurigkeit, aber auch Ärger oder Angst. Und körperliche Störungen: Atemnot, Schmerzen oder Herzprobleme.
Diese Krankheit bringt alles zum Stillstand, beim Patienten, aber auch in den Familien
Annette Göpfert ist diejenige, die den dritten Baustein, die Sozialberatung, mit Leben füllt. Auch bei dem Termin mit ihr bekommen die Patienten viel Zeit, über ihre Probleme zu sprechen. Viele, sagt Göpfert, könnten ihrer Arbeit nicht mehr nachgehen, hätten deshalb Probleme mit dem Arbeitsamt oder auch finanzielle Probleme.
Da kann Annette Göpfert helfen: Sie schreibt beispielsweise Rentenanträge oder informiert, welche finanziellen Hilfen möglich sind. Sie schreibt aber auch Reha-Anträge für Kliniken, die sich mit Post-Covid-Patienten auskennen. "Der Klinikalltag muss für diese Patienten ganz anders sein. Die verkraften zum Beispiel keine drei, vier Anwendungen und sind vielleicht schon nach der ersten erschöpft."
Nach dem ersten Kennenlernen gibt's konkrete Hilfen
Die Ludwigshafenerin Sonja Lott musste neun Monate auf ihren ersten Termin in der Ambulanz warten. Mittlerweile liegt die Wartezeit bei vier bis sechs Monaten. Als sie sich in Worms vorstellte, hatte sie bereits eine Reha hinter sich. Eine zweite wollte sie nicht. Stattdessen wurde ihr in Worms ein Dauerrezept für eine ambulante Atemtherapie ausgestellt. Und damit ist Sonja Lott, die seit vielen Jahren auch Asthma hat, sehr glücklich. "Diese Therapie hilft mir sehr."
Zusammen mit Annette Göpfert hat sie auch noch ein zweites Problem in Angriff genommen: "Ich konnte einfach nicht akzeptieren, dass ich nicht mehr so kann, wie vorher", sagt Sonja Lott. "Früher habe ich fünf bis sechs Stunden geschlafen und war fit. Jetzt schlafe ich 12 Stunden und könnte immer noch mehr."
Trotzdem wollte sie weiter so engagiert arbeiten wie immer und überforderte sich damit. "Das ist auch ein ganz wichtiger Punkt", sagt Göpfert. "Ich mache den Leuten klar, dass sie ihre Belastungsgrenze kennen - und einhalten müssen." Bei dieser Krankheit sei es wichtig, seine Energie einzuteilen. Und aufzuhören, wenn es nicht mehr geht.
Mehr Frauen als Männer, die Hilfe suchen
"Wir beobachten, dass unter unseren Patienten viel mehr Frauen als Männer sind", sagt die Leiterin der Post-Covid-Ambulanz, Denise Brandt. Viele von denen seien beruflich sehr erfolgreich gewesen. Hätten zusätzlich noch Familie und Kinder gemanagt. Deren Umfeld habe oft wenig Verständnis, dass es nicht mehr so weitergeht wie vorher. Und auch die Frauen selbst müssten neu lernen, sich nicht ständig selbst herauszufordern. "Wir helfen ihnen, ihre Krankheit zu akzeptieren und im besten Fall zu bewältigen."
Zum ganzheitlichen Ansatz in Worms gehört aber auch, dass nicht mit Medikamenten unterstützt wird - sondern mit Therapien. Dazu gehören Ergo- und Physiotherapie, aber auch psychotherapeutische Hilfen.
Die Post-Covid-Ambulanzen sind eine Initiative des Landes Rheinland-Pfalz
In Rheinland-Pfalz gibt es fünf solcher Ambulanzen. Jede hat ein anderes Konzept und ist jeweils einer Praxis angeschlossen. In Mainz ,Trier und Kaiserslautern der Inneren Medizin und Pneumologie. In Koblenz der Neurologie und Psychiatrie. Die Ambulanz Worms/Ludwigshafen gehört zum Wormser Gesundheitsnetz (WOGE).
Die Patienten müssen nichts zahlen
Angestoßen hat den Aufbau solcher Ambulanzen das rheinland-pfälzische Gesundheitsministerium und sie einmalig mit je 50.000 Euro finanziert. Die Ambulanz in Worms trägt sich mittlerweile selbst, die Patienten müssen nichts zahlen. Seit dem Start im Herbst 2023 haben fast 500 Patienten mit jeweils drei bis vier Terminen Hilfe in der Ambulanz in Worms gesucht.
Gibt es erste Erfolge?
"Es gibt keine Heilung", sagt Denise Brandt. Aber es gebe viele Möglichkeiten, den Patienten zu helfen, den Alltag zu bewältigen und die körperlichen Probleme zumindest zu lindern. "Es gibt Patienten, denen geht es deutlich besser." Und wenn später jemand zum Beispiel doch noch eine Reha wolle, dann brauche er oder sie nur Frau Göpfert zu kontaktieren - die werde dann helfen.
"Die Betroffenen gehen eigentlich, finde ich, alle sehr zuversichtlich hier raus. Und das ist der wichtigste Meilenstein in die richtige Richtung", sagt Annette Göpfert. "Dann kommt der Rest auch."