Daniel Ruppel steht in einer großen Halle mit Drehmaschinen. Er ist Zerspanungsmechanikermeister beim Pumpen- und Armaturenhersteller KSB in Frankenthal. Ruppel ist von sechs Lehrlingen umringt.
Er erklärt ihnen, wie man ein Werkstück richtig in eine Drehmaschine einspannt, damit es beim Drehen nicht eiert oder wackelt. Aktuell fertigen die Auszubildenden eine Laufbuchse für einen Kolbenverdichter, eine Art Motor, an. Die Erkläreinheit dauert nur wenige Minuten, ganz bewusst.
Kürzere Lerneinheiten
Vor ein paar Jahren sah der Unterricht hier bei der KSB noch anders aus. Ruppel erzählt: "Da hätte ich zwei Stunden Frontalunterricht im Unterweisungsraum gemacht und mit ihnen das Werkstück ausführlich durchgesprochen. Aber die Auffassungsgabe der jungen Menschen ist nicht mehr so wie damals." Deswegen setzt das Unternehmen nun auf praxisnahe Vermittlung und kürzere Lerneinheiten.
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Verändertes Lernverhalten nach Corona
Rüdiger Köpp, Ausbildungsleiter der KSB in Frankenthal, berichtet: "Wir haben ganz gravierend nach Corona festgestellt, dass sich das Lernverhalten geändert hat. Die Auszubildenden haben heutzutage eine wesentlich reduziertere Aufmerksamkeitsspanne als früher. Früher konnte man längere Unterrichtseinheiten ohne Probleme fahren." Der Ausbildungsleiter hatte auch mit der Tageszeitung "Die Rheinpfalz" über das Thema gesprochen.
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Nicht nur der KSB fällt Veränderung auf
Dass sich die Konzentrationsfähigkeit von jungen Auszubildenden in den vergangenen Jahren verändert hat, fällt nicht nur dem Unternehmen KSB auf. Auf Anfrage des SWR bestätigen Handwerkskammern aus Rheinland-Pfalz und die IHK-Arbeitsgemeinschaft Rheinland-Pfalz diesen Eindruck.
Laura Donauer, Medienpädagogin bei der Handwerkskammer der Pfalz, ordnet ein: "Vor fünf bis sechs Jahren ist unserem Ausbildungspersonal schon aufgefallen, dass sich das Lernverhalten der jungen Leute geändert hat und diese Veränderung ist jetzt tendenziell im Laufe der Jahre stärker geworden."
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Wieso geht die Aufmerksamkeitspanne von Azubis zurück?
Warum das so ist, lasse sich objektiv nicht genau sagen: "Die Vermutung könnte naheliegen, dass sich durch Instagram und TikTok-Videos Gewohnheiten entwickelt haben, die Einfluss auf das Konzentrationsvermögen von jungen Leuten haben könnten", meint die Expertin.
Die IHK-Arbeitsgemeinschaft Rheinland-Pfalz hat eine ähnliche Vermutung: "Die Nutzung sozialer Medien ist ein Einflussfaktor, der dabei eine wesentliche Rolle spielt."
Wie wird mit dem veränderten Lernverhalten umgegangen?
Ausbildungsleiter Rüdiger Köpp von der KSB sagt, dass man heute Pausen einbauen müsse und die wichtigen Sachen in kleine Zeitfenster lege – angepasst an das Social Media Verhalten der Auszubildenden. "TikTok-Videos laufen zwischen 30 Sekunden und drei Minuten, das ist das, was wir an Zeit haben, um wirklich Wissen bei den Auszubildenden zu implementieren", erklärt Köpp.
Laura Donauer, Medienpädagogin bei der Handwerkskammer der Pfalz, erzählt, dass sie noch vor ein paar Jahren zehnminütige Lernvideos erstellt haben – mittlerweile würden sie aber dazu tendieren, die Videos in kleinere Einheiten zu unterteilen, etwa je zwei Minuten.
Auch die IHK-Arbeitsgemeinschaft Rheinland-Pfalz reagiert auf die abnehmende Konzentrationsfähigkeit, etwa mit kürzeren Lerneinheiten, mehr Visualisierung und Nutzung von digitalen Tools, regelmäßigen Feedbackgesprächen und klaren Routinen.
Weitere Umstände für Veränderung
Aber auch andere Faktoren wie Stress, zu hohe Anforderungen, zu wenig Schlaf oder Ablenkungen tragen laut der IHK-Arbeitsgemeinschaft Rheinland-Pfalz zur abnehmenden Konzentrationsfähigkeit bei. Das treffe natürlich nicht auf alle Azubis zu, aber eine Tendenz zeige in die Richtung.
Auch die Handwerkskammer Koblenz hat bei jungen Auszubildenden eine kürzere Aufmerksamkeitsspanne beim Lernen in den vergangenen Jahren wahrgenommen. Neben dem medialen Konsum führt die Kammer weitere Umstände für die Veränderung an: "Die Bereiche Motivation, Emotion, Angst, Prüfungsangst, Stress sowie Lernstörung zum Beispiel durch ADHS oder ADS sind wichtige Faktoren, unter denen Auszubildende leiden."
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"Echtes Dopamin"
Zurück in der Lehrwerkstatt der KSB. In der Mitte der Halle stehen zwischen den Maschinen ein Tischkicker und eine Tischtennisplatte. "Jungs in dem Alter haben Bewegungsdrang. In den Seminarpausen können sie sich aktiv bewegen und nicht am Handy rumdaddeln. Das ist das, was wir momentan nutzen, um das ganze aufzulockern und sie aufmerksam zu halten", erklärt Ausbildungsleiter Rüdiger Köpp.
Die Auszubildenden nutzen das Angebot. Der 17-Jährige Marco Velardita erzählt, dass sie in der Frühstücks- und Mittagspause oft Tischtennis und Tischkicker spielen. "Ich finde es gut, dass wir dann in der Pause nicht am Handy sind. Weil das hier sind die echten Spiele, da bekommt man echtes Dopamin. Nicht das Fake-Dopamin vom Handy."
Weniger Konzentration durch Handykonsum
Seinem Arbeitskollegen Can Sönmez macht die Ausbildung bei der KSB Spaß. Der 17-Jährige ist im ersten Lehrjahr.
Er merkt selbst, das zu viel Social Media Konsum nicht gut für ihn ist: "Früher habe ich viel Zeit auf Social Media und am Handy verbracht. Jetzt mit der Zeit habe ich das wieder ein bisschen abgelegt. Wenn ich das auf die Arbeit beziehe, hat man schon gemerkt, das der Unterschied groß war. Als ich noch viel am Handy gehockt habe, habe ich mich wenig auf die Arbeit konzentrieren können."