Wenn Doris Breyer aus Udenheim (Kreis Alzey-Worms) in Rheinhessen über ihr langjähriges Engagement für Kinder aus Belarus spricht, geht ihr das sehr nahe. Das merkt man sofort.
Mit ihrem Verein "Kinder von Tschernobyl" hat die 75-Jährige für Jungen und Mädchen, die in der Nähe des ehemaligen Kernkraftwerks aufgewachsen sind, Erholungsbesuche in der Verbandsgemeinde Wörrstadt (Kreis Alzey-Worms) organisiert.
Ehrenamtliche vermissen tiefe Freundschaften
Bis 2019 kamen fast 800 Kinder. Danach war aber Schluss. Erst wegen Corona und später wegen des Ukraine-Krieges konnten die Kinder nicht mehr kommen.
"Das ist ganz schlimm", sagt Doris Breyer. "Ich habe das seit 1994 gemacht. Mittlerweile gibt es ja Enkel, also Kinder von den Kindern von damals. Da sind ganz tiefe Freundschaften entstanden."
Das Engagement für die Kinder aus Belarus sei etwa 25 Jahre lang ein sehr großer Teil ihres Lebens gewesen. "Wir haben ja nicht nur jedes Jahr Kinder zu einem Erholungsurlaub hier nach Deutschland eingeladen, sondern wir sind auch einmal im Jahr rüber nach Belarus und haben dort Kleidung, Lebensmittel und medizinische Geräte verteilt", erzählt Doris Breyer.
Kinder waren zum Teil schwer krank
Auch Marlene Kröber sagt, dass sie Heimweh nach Belarus habe. Die 74-Jährige lebt in Breitscheid im Kreis Mainz-Bingen und hat dort mit dem Verein "Kinderhilfe Tschernobyl" die Besuche der Kinder aus Belarus organisiert.
"Bei 120 Einwohnern im Ort hatten wir teilweise 28 Kinder da." Einige von ihnen seien zum Teil schwer krank gewesen und auch früh gestorben.
Sie alleine habe in den vergangenen Jahren rund 30 Kinder bei sich aufgenommen. "Ich will keines von ihnen missen."
Besonders traurig findet es Doris Breyer aus Udenheim, dass sie zwar noch die Kinder ihrer ersten Gastkinder kennenlernen konnte. "Mittlerweile haben sie aber sogar Enkelkinder, seitdem konnten wir nicht mehr rüber."
Besuche wegen Corona und Ukraine-Krieg ausgefallen
Zum letzten Mal waren die Kinder 2019 aus Belarus nach Rheinhessen gekommen. Der Verein von Doris Breyer hatte immer organisiert, dass die Kinder zum Beispiel ins Schwimmbad oder in Freizeitparks gehen konnten.
Für den Besuch 2020 war auch schon alles organisiert – doch dann kam die Corona-Pandemie und der Verein musste die Reise absagen, erzählt Doris Breyer. "Der belarussische Staat hätte auch keine Erlaubnis erteilt, dass die Kinder nach Deutschland fahren dürfen. Hier wäre es aber auch gar nicht möglich gewesen, sie irgendwo unterzubringen."
Menschen in Belarus haben Angst
Und nach Corona hätte dann der Ukraine-Krieg begonnen. Seitdem bekämen die Kinder auch weiter keine Erlaubnis, nach Deutschland zu reisen. "Wir können aber auch nicht mehr nach Belarus fahren", bedauert Doris Breyer. Der Grund sei die aktuelle politische Lage in Belarus unter Präsident Lukaschenko.
Breyer beobachtet, dass viele der Menschen, bei denen sie und die anderen Mitglieder des Vereins normalerweise in Belarus bei ihren Reisen untergekommen sind, mittlerweile Angst hätten, Deutsche bei sich aufzunehmen.
Nur noch eine Handvoll Initiativen aktiv
Doris Breyer und ihre Mitstreiterinnen haben sich deshalb in diesem Jahr dazu entschieden, ihren Verein endgültig aufzugeben. Das tue einfach weh und sei traurig, sagt Doris Breyer.
Nach so vielen Jahren den Verein aufgeben zu müssen. Das tut einfach weh und ist traurig.
In den 1990er Jahren hatten sich im Sprecherrat der Tschernobyl-Initiativen in Rheinland-Pfalz noch etwa 60 Vereine und Initiativen organisiert. Mittlerweile gebe es vielleicht nur noch eine Handvoll Gruppen, die aktiv seien, sagt Gaby Möller aus Böhl-Iggelheim (Rhein-Pfalz-Kreis).
Sie hat sich dort jahrelang engagiert. "Ich weiß von der 'Tschernobylhilfe Belarus' von der Familie Borgers aus Bad Kreuznach. Die sind zurzeit drüben und verteilen Lebensmittel. Von den anderen hört man nichts mehr."
Ehepaar aus Bad Kreuznach ist aktuell in Belarus
Marlene Borgers hat dem SWR geschrieben, dass sie sich mit ihrem Mann Winfried aktuell im Osten von Belarus in Klimovichy befindet. "Wir fahren seit 2004 mit eigenem PKW zweimal im Jahr nach Belarus." Ihnen sei wichtig, unabhängig von der politischen Lage, ihre langjährigen Kontakte weiter zu nutzen und damit der Bevölkerung weiter zu helfen.
Einige Tschernobyl-Vereine geben nicht auf
Gaby Möller aus Böhl-Iggelheim versucht mit ihrem Verein "Kinder von Shitkowitschi" auch weiter für die Kinder in Belarus da zu sein. Zum Beispiel, indem sie ihnen ermöglichen, für ein paar Wochen ins Erholungsheim Nadeshda in der Nähe der belarussischen Hauptstadt Minsk zu reisen.
"Dort ist auch eine ärztliche Betreuung dabei. Ehemalige Gastfamilien können hier helfen und dafür bezahlen, dass ein Kind nach Nadeshda kann", sagt Gaby Möller.
Auch 40 Jahre nach der Reaktorkatastrophe gibt es also noch ein paar Tschernobyl-Initiativen, die den schwierigen Umständen in Belarus weiter trotzen.
Schließlich wollen sie den Kindern und Menschen vor Ort, die ihnen in den vergangenen Jahren so sehr ans Herz gewachsen sind, weiter helfen. So gut es eben geht.